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Residenzplatz von Kempten, Reproduktion nach einer Fotografie 1909 (c) Ansichtensammlung / Bayerische Staatsbibliothek

Kempten

Als im Jahr 15 vor Christus römische Truppen das Voralpenland erobern, gründen sie etwa zwei Jahrzehnte später im Gebiet der keltischen Estionen und deren „Polis Kambodounon“ eine Stadt, die bald unter ihrem lateinischen Namen Cambodunum bekannt ist, gelegen an einer markanten Flussschleife der Iller.  Kempten gilt – wie unter anderem auch Augsburg – als eine der ältesten Städte Deutschlands.

Im Jahr 1289 wird durch ein Privileg König Rudolfs von Habsburg die Bürgerstadt Kempten aus dem Hoheitsbereich des Abts gelöst und als Freie Reichsstadt dem König unmittelbar unterstellt. Diese politische Teilung der Stadt sorgt jahrhundertelang für Spannungen und Auseinandersetzungen. Eine Konkurrenz, die auch bibliophile Früchte trägt. Im Jahr 1437 stiften die Kempter Bürger eine eigene Kirchenbibliothek; 40 Jahre später entstehen am Ufer der Iller die ersten beiden Papiermühlen der Stadt.

1593 wird im Kloster eine Buchdruckerei eingerichtet, die „Typographia Ducalis Campidonensis“, die Anfang des 19. Jahrhunderts deren Angestellter Joseph Kösel erwirbt und daraus den Kösel Verlag macht – der heute noch besteht und damit einer der ältesten Verlage Deutschlands ist. Das reichsstädtische Pendant ist die Typographische Gesellschaft, die 1783 gegründet wird und im darauffolgenden Jahr die Neuesten Weltbegebenheiten, Kemptens erste Zeitung, herausgibt. 1794 kauft Tobias Dannheimer das Unternehmen; die Buchhandlung gleichen Namens existiert noch heute, mit Filialen im ganzen Allgäu. Die Spaltung Kemptens endet erst 1803, als die Stadt an Bayern fällt, Kloster und Stift im Zuge der Säkularisation aufgelöst werden und Kempten von den neuen Herrschern vereinigt wird.

Im Jahr 1856 wird in Kürnach bei Kempten Karl Krumbacher geboren, der als Begründer der Byzantinistik angesehen wird. Zehn Jahre später kommt hier Heinrich Rippler zur Welt, der eine Karriere als politischer Journalist Karriere verfolgt. Als erster hauptamtlicher Heimatpfleger in Deutschland überhaupt macht im 20. Jahrhundert Alfred Weitnauer von sich reden, der sein Berufsleben ebenfalls als Journalist beginnt und bis 1970 eine Reihe von Büchern publiziert, die vor allem in dem von ihm gegründeten Verlag für Heimatpflege erscheinen und der kulturellen Identität Schwabens gewidmet sind, angefangen mit Die Odyssee, in Allgäuer Mundart (1928) bis hin zu seinem letzten Werk Schwäbische Schöpfung samt Sündenfall (1968).

Die aktuell wohl bekanntesten Söhne der Stadt sind der 1971 geborene Volker Klüpfel, ein Journalist, und der 1973 geborene Michael Kobr, ein Lehrer, die Anfang der 2010er Jahre den Kommissar Kluftinger erfinden und mit den gemeinsam verfassten Romanen über dessen Mordfälle die Bestseller-Listen erobern. Zudem ist der in Kempten lebende Fantasy-Autor Michael Peinkofer zu nennen, der mit seinen Orks- und Zauberer-Trilogien eine wachsende Leserschaft erobert. Auch die Stadt selbst hat die eigene Doppelexistenz als Reichs- und Stiftsstadt im Sinne der Literatur zu nutzen gewusst: Seit 1961 hat die Stadtbibliothek Kempten ihren Sitz in der Orangerie, die 1780 als nördlicher Abschluss des Hofgartens der Stifts-Residenz erbaut wurde.