Info
Geb.: 12. 9.1921 in Urspring
Gest.: 7. 6.2012 in Schwerin
Ernst Schumacher - Ein bayerischer Kommunist im doppelten Deutschland. Hintergrund: Egon Bahr © fotografie · 2007-11 jan sobottka (http://www.catonbed.de)
Titel: Prof. Dr. phil.

Ernst Schumacher

Als Bert Brecht im September 1954 in Berlin seinen Kaukasischen Kreidekreis probt, ereignet sich in Weiden vor Gericht der reale „Oberpfälzische Kreidekreis“. Ernst Schumacher, gebürtiger Oberbayer und für DDR-Medien arbeitender Theater- und Literaturwissenschaftler, nimmt im September 1954 – 1953 hat er an der Universität Leipzig über Die dramatischen Versuche Bertolt Brechts promoviert – als Journalist der Deutschen Woche an einer Verhandlung vor einem Gericht der „US-Hochkommission“ in Weiden teil.

Es geht um den Anspruch der französischen Widerstandskämpferin Georgette Phelippeau auf ihr Kind Josette, das sie 1943 nach ihrer Verhaftung durch die Gestapo im Gefängnis von Schwäbisch-Gmünd geboren hat. Das Kind kommt in ein NS-Waisenhaus in Breslau/Niederschlesien. Nach der Evakuierung des Waisenhauses in Breslau adoptiert Erna Rustler, eine sudetendeutsche Frau aus Franzensbad, das Kind, das sie auf der Flucht nach Wiesau/Lkr. Tirschenreuth mitnimmt. Über die „Internationale Flüchtlingskommission“ verlangt die leibliche Mutter die Rückführung ihres Kindes nach Frankreich. Ein Hin und Her auf allen juristischen Ebenen beginnt. Hinzu kommt, dass die fordernde leibliche Mutter Mitglied der französischen KP ist.

Noch bevor die Kritik Ernst Schumachers in der Deutschen Woche vom 27. Oktober 1954 erscheint, kommt dem Autor die Idee einer theatralischen Dramatisierung. Ohne die Antwort „des lieben Bert Brecht“ abzuwarten, bietet Schumacher das Stoff-Exposé Der Oberpfälzer Kreidekreis der DDR-Filmgesellschaft DEFA an. Brecht äußert sich kurz darüber: „Das ist eine wirkliche Aktualisierung des ‚Kreidekreis‘-Motivs“. Ohne den Autor Ernst Schumacher weiter zu fragen, verfilmt daraufhin die DEFA den Oberpfälzer Kreidekreis als Film unter dem Titel Zwei Mütter (1957) – natürlich ohne den eigentlichen Autor im Vorspann zu erwähnen. Es ist gleichzeitig das Regiedebüt von Frank Beyer (Nackt unter Wölfen, DDR 1963; Die Spur der Steine, DDR 1965; Nikolaikirche, BRD 1995). In der DDR strengt Ernst Schumacher einen Urheberrechtsprozess an, den er auch gewinnt – zeitlich zwei Jahre nach Bert Brechts Tod. Es soll aber noch bis 2004 dauern, bis er sich selbst in einem Zeitungsaufsatz darüber öffentlich äußert.

Es kommt einer Sensation gleich, dass ausgerechnet im Münchner Institut für Zeitgeschichte im Oktober 2007 die autobiographische Publikation Ernst Schumacher – Ein bayerischer Kommunist im doppelten Deutschland. Aufzeichnungen des Brechtforschers und Theaterkritikers 1945-1991 präsentiert wird – als Laudator fungiert CSU-MdB Peter Gauweiler, „selbst leidenschaftlicher Oberbayer“, der dem Autor Ernst Schumacher „Respekt und Sympathie“ zollt. Editorisch begleitet wird die Buchvorstellung vom IfZ-Direktor Prof. Horst Möller. Auch in der DDR verlässt Ernst Schumacher nie das Heimweh nach Bayern. Er denkt stets „gesamtdeutsch“ und kritisiert die Teilung Deutschlands. Zugleich hat er stets die außereuropäische Welt im Blick und verfolgt aufmerksam die Entwicklung Chinas.

Angefangen hat die literarische, lyrische, essayistische und journalistische Tätigkeit Ernst Schumachers gleich nach der Heimkehr als Soldat aus dem Zweiten Weltkrieg. Vor 1940 hat er am humanistischen Gymnasium in Kempten das Abitur gemacht, in München studiert er später Literaturwissenschaft, Philosophie und Geschichte und promoviert. 1947 ediert Schumacher die Lyrik-Anthologie Der Anfang. Zudem veröffentlicht er Gedichte und Erzählungen in der progressiven Jugendzeitschrift Ende und Anfang. Zeitung der jungen Generation (Augsburg). 1949 wird Ernst Schumacher Mitglied der KPD und arbeitet als Südbayern-Korrespondent des „Deutschlandsenders“ der DDR. Seine gesammelte Lyrik erscheint 1957 (Eurasische Gedichte) und 1960 (Roter Oktober).

Als marxistischer Literaturwissenschaftler wird Ernst Schumacher durch erste umfassende Studien über das Werk Bert Brechts bekannt. Er schreibt und veröffentlicht Essays über neuere Literatur, speziell über Lyrik und Dramatik. Reportagen über seine Reise durch die Volksrepublik China enthält der Band Lotosblüten und Turbinen (1958). 1962 siedelt Schumacher endgültig in die DDR über und habilitiert an der Karl-Marx-Universität Leipzig.

Als Literatur- und Theaterkritiker macht er sich – mittlerweile Professor an der renommierten Berliner Humboldt-Universität – in der DDR (Aufbau, Sinn und Form, Theater der Zeit), aber auch in der BRD (Geist und Zeit, Panorama) einen Namen. Bis 1986 leitet er den Lehrstuhl „Theorie der darstellenden Künste“ am Institut für Theaterwissenschaft der Humboldt-Universität. Nach seiner Emeritierung schreibt Schumacher für die Berliner Zeitung und den Freitag. 2006 erscheint Mein Brecht. Erinnerungen 1943 bis 1956, worin auch die Episode um den „Oberpfälzer Kreidekreis“ enthalten ist.

Ernst Schumacher wird mehrfach ausgezeichnet. So erhält der Linksintellektuelle u.a. 1971 den Goethepreis der Stadt Berlin, 1976 den Lessing-Preis der DDR und 1981 den Vaterländischen Verdienstorden.

Verfasser: Bernhard M. Baron / Bayerische Staatsbibliothek

Sekundärliteratur:

Albrecht, Günter; Böttcher, Kurt; Greiner-Mai, Herbert u.a. (1974): Schriftsteller der DDR (Reihe Meyers Taschenlexikon). Leipzig, S. 503.

Augstein, Franziska (2007): Ein roter Bayer im schwarzen IfZ. Peter Gauweiler präsentiert die Tagebücher Ernst Schumachers. In: Süddeutsche Zeitung (München) Nr. 242, 20./21. Oktober 2007, S. 17.

Baron, Bernhard M. (2004): Der Oberpfälzische Kreidekreis. Brecht-Freund Ernst Schumacher greift Weidener Prozess um Zwei Mütter auf. In: Der neue Tag (Weiden i.d. OPf.), Kultur, 13. November 2004.

Baron, Bernhard M. (20074): Weiden in der Literaturgeographie. Eine Literaturgeschichte (Weidner Heimatkundliche Arbeiten Nr. 21), Pressath, S. 52f.

Krämer, Christine (2006): Zwei Mütter kämpfen um ein Kind. 1954 beschäftigt ein außerordentlicher Fall das Weidener Gericht. In: Der neue Tag (Weiden i.d. OPf.), Zeitgeschichte, Nr. 35, 11./12. Februar 2006, S. II-III.

Schumacher, Ernst (2004): „Da bin ich wie Erbsenspeck“. Erinnerungen: Ein „Oberpfälzer Kreidekreis“ oder was das Theater mit der Wirklichkeit zu tun hat und wie Bertolt Brecht dazu stand. In: Freitag, Kultur, Nr. 44, 22. Oktober 2004, S. 16.


Externe Links:

Literatur von Ernst Schuhmacher im BVB

Literatur über Ernst Schuhmacher im BVB

Homepage von Jan Sobottka

Kommentar schreiben