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Das Alte Schulhaus in Weiden, heute „Kulturzentrum Hans Bauer“, das Stadtarchiv, Stadtmuseum und Tachauer Heimatmuseum beherbergt. Von 1985 bis 2007 fanden hier die Weidener Literaturtage statt. (c) Walter Stabla

Weiden in der Oberpfalz

Erstmals urkundlich erwähnt wird die Stadt als in einer Urkunde des Konrad IV.: „Apud Weiden“, in der Nähe von Weiden, beauftragt der König einen Landrichter, Maßnahmen gegen drohende Gebietsverluste zu ergreifen. Die günstige Lage an der Handelsstraße zwischen Prag und Nürnberg führt zu einem schnellen Wachstum. Im ersten Drittel des 16. Jahrhunderts werden bereits über 2.000 Einwohner gezählt, allerdings fällt die Stadt 1536 einem verheerenden Brand zum Opfer, der sie fast vollständig zerstört. Mehrfach wechseln die religiösen Herrschaften, erst 1663 wird das Simultaneum eingeführt, das die Koexistenz der Katholiken und Protestanten regelt.

Mit dem Reisebrief des tschechischen Humanisten Jan Hus vom Oktober 1414 beginnt die illustre Tour d'horizon „600 Jahre Literatur in Weiden“, die mit Tobias Clausnitzer, Wolfgang Caspar Printz, Johann Andreas Schmeller, Friedrich Nietzsche, Karl Marx und vielen anderen über 300 AutorInnen umfasst und die spätere Porzellanstadt Weiden zu einer lebendigen Literaturstadt macht (vgl. Bernhard M. Barons Weiden in der Literaturgeographie, 4. Aufl. 2007).

1542 wird in Weiden erstmals Theater gespielt. Der große Rathaussaal etabliert sich als Aufführungsort. Als Schauspieler fungieren ehemalige Schüler der Weidener Lateinschule. Die Stücke werden teilweise von den Lehrern selbst verfasst; die Stoffe sind meist aus der Bibel bzw. der alten Geschichte entnommen.

Im Jahr 1739 beginnt der Mönch und Barockbaumeister Johannes Philipp Muttone mit dem Bau des Waldsassener Kastens: Seit dem 13. Jahrhundert besitzt das Waldsassener Kloster Zehentrechte in Weiden – nun soll dort ein Getreidespeicher und ein Verwaltungskomplex für die Zisterzienser entstehen. Während das Waldsassener Stift Richtung Italien reisenden Goethe gleich ins Auge fällt, als er am 3. September 1786 das Land durchquert – „köstliche Besitztümer der geistlichen Herren, die früher als andere Menschen klug waren“ –, kommt er anschließend endlich so zügig voran, dass das gut 40 Kilometer südlich gelegene Weiden nur als Umstiegsstation genannt wird: „Ich war halb neun in Weyda“, heißt es der Italienischen Reise. Auf dem Beiblatt, in der vorbildlich geführten Fahrtentabelle, findet man in der Rubrik „Abgefahren“ bei Weiden das Wörtchen „gleich“.

Gedenktafel, installiert im Mai 2001, am heutigen Schuhhaus Weiss (c) Walter Stabla

Als das Kloster 1803 säkularisiert wird, geht das Gebäude in den Besitz des bayerischen Königreichs über. Ab 1857 sind dort Gericht und Gefängnis beheimatet, bis die Stadt das Anwesen 1983 dem Freistaat abkauft und mit dem Umbau beginnt: 1990 eröffnet im Kasten das Internationale Keramikmuseum, nach einer weiteren Bauphase eröffnet im Oktober 1994 die Regionalbibliothek Weiden dort ihre Pforten.

In den 1970er Jahren geht der in Waldsassen geborene Werner Fritsch in Weiden zur Schule. Sein Deutschlehrer Franz Joachim Behnisch wird auf das literarische Talent des Jungen aufmerksam und macht den Kontakt zu Herbert Achternbusch, der viele lobende Worte für die Qualität von Fritschs Texten findet. Behnisch selbst schreibt ebenfalls Romane und Lyrik, der Großteil davon erscheint jedoch erst posthum. Eine der wenigen Ausnahmen ist Grüße aus einer kleinen bundesdeutschen Stadt, grenznah in schöner Umgebung – gemeint ist Weiden –, das 1974 in der Literaturzeitschrift Akzente erscheint. Deren Herausgeber Walter Höllerer hält 1986 seine berühmt gewordene Weidener Rede „Mittelpunkt am Rand“, dessen Diktum „Provinz ist, was Du daraus machst!“ seither oft zitiert wird. Auch die Weidener Literaturtage, die 1985 zum ersten Mal stattfinden, erinnern nicht nur einmal an diesen Satz. In seinen ersten Jahren dauert das Festival nur einige Tage und ist je einem Thema gewidmet, doch bald entwickelt es sich zu einem über eine Woche währenden, multithematischen Festival der Literatur.

1980 erscheint der Roman Das Echo Deiner Stimme der Schriftstellerin Sandra Paretti, der eine Sonderstellung in deren Werk einnimmt, da er sich nicht Ereignisse aus längst vergangenen Tagen vornimmt, sondern die eigene Herkunft: Parettis Mutter, zentrale Figur in Das Echo Deiner Stimme, stammt aus Weiden; ihre Tochter verbringt die Jahre des Zweiten Weltkriegs bei den Weidener Großeltern. Auch Thomas Klupp, geboren 1977 in Erlangen, wächst in Weiden auf und lässt den Ich-Erzähler seines Debütromans Paradiso, der 2009 erscheint, in diese Kindheitsstadt zurückkehren: „Es hat mit meiner Vergangenheit zu tun und mit der Gegend, aus der ich komme. Ich bin ja in Weiden in der Oberpfalz geboren, und das liegt im tiefsten Ostbayern, gleich an der tschechischen Grenze. Früher haben sich dort Fuchs und Hase Gute Nacht gesagt, aber als der Eiserne Vorhang fiel, ist dort einiges passiert.“

Sekundärliteratur:

Ackermann, Konrad (1992): Weiden. Tor und Brücke zu Böhmen. In: Bayerische Städtebilder. Altbayern. Deutscher Sparkassenverlag, Stuttgart.

Alkofer, Andreas; Voit, Stefan (1983) (Hg.): Weidener Lesebuch. Windrad-Verlag, Weiden i.d. OPf.

Baron, Bernhard M. (20074): Weiden in der Literaturgeographie (Weidner Heimatkundliche Arbeiten Nr. 21). Verlag der Buchhandlung Eckhard Bodner, Pressath.

Baron, Bernhard M.; Bayer, Karl (20024): Weiden 1933 – Eine Stadt wird braun. Mit einem Vorwort von Prof. Dr. Eberhard Dünninger, Generaldirektor der Bayer. Staatlichen Bibliotheken. Medienhaus Spintler Druck und Verlag, Weiden i.d. OPf.

Brenner, Michael (1986): Am Beispiel Weiden. Jüdischer Alltag im Nationalsozialismus. ARENA, Würzburg.

Brenner-Schäffer, Wilhelm (1987): Geschichte der Stadt Weiden. Nachdr. der Ausgabe von 1853 (Oberpfälzer Raritäten, 1). Verlag der Buchhandlung Stangl/Taubald, Weiden i.d. OPf.

Vorsatz, Petra (1997): Weiden. Eine Stadt vor 100 Jahren. Bilder und Berichte. Mittelbayerische Druck- und Verlagsanstalt, Regensburg.

Wiesbeck, Helga (2000) (Hg.): Die Turmschreiber Weiden. Gedankenflug. Geschichten aus dem Flurerturm. Weiden i.d. OPf.

Zückert, Gerhard (1981): Weiden. Wandlungen einer Stadt in der Oberpfalz (Weidner Heimatkundliche Arbeiten Nr. 18). Verlag K. Knauf, Weiden i.d. OPf.

Ders. (1985): Sagen aus Weiden in der Oberpfalz (Weidner Heimatkundliche Arbeiten Nr. 20). Verlag K. Knauf, Weiden i.d. OPf.


Externe Links:

Homepage der Stadt Weiden

„Apud Weiden“-Stelle in der Regesta Imperii

Literaturtage Weiden

Kommentare

Bernhard M. Baron am 28.01.2016 um 15:48

Interessant in der Weidener Autorenpalette sind besonders die kreativen weiblichen Akzente, so dass man/frau gar von einer eigenen „Weidener Frauenliteratur“ sprechen könnte: Lilli Beck, erfolgreiche Unterhaltungsschriftstellerin, die sozialkritische Marietta Schröder, die heute in Dänemark publizierende Elfie Beydin, die agile Kinderbuchautorin Christine Willfurth, die versierte ZEIT-Journalistin Gisela Dachs, die Lyrikerin Sylvia Rost, die türkischstämmige Musik-Poetin Hülya Kandemir oder die Theaterpädagogin Chriska Wagner. Für zeitgenössische Weichenstellungen sorgen Eva Christian und Maron Fuchs. Genannt soll an dieser Stelle auch die rührige Helga Wiesbeck sein, die Kuratorin der „Weidener Turmschreiber(innen)“. Weiden erscheint auch in literarischen Titeln, so in den Gedichten Sonntag in Weiden von Heide von Horix-Schwesinger oder Die Weidener Elegie von Inka Bach. Und auch im literaturverwandten Medium Bühne/Film finden wir Weidener Repräsentantinnen: Monika Schmid, Martina Stilp, Kathrin Anna Stahl oder Miriam Wagner. Namen allesamt, die man/frau sich merken sollte - wenn sie in Spielplänen bzw. TV-Programmen erscheinen...



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