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Weiden, Scheibenstraße 7: Waldsassener Kasten

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Waldsassener Kasten im Februar 2019. Foto: Walter Stabla

Nach den Schrecken des Dreißigjährigen Krieges ist die erste größere Bautätigkeit in Weiden im Auftrag des Klosters Waldsassen der Bau eines Getreidekastens mit Probstei, der bald im Volksmund „Waldsassener Kasten“ genannt wird. Der Zisterzienser Baumeister des Klosters, Frater Johann Jakob  Philipp Muttone, errichtet ihn 1739-1742 mit Kapelle und toskanischem Arkadenhof. Ausgestattet wird er mit Gewölben, Granitsäulen und reich verzierten Kachelöfen. Der Waldsassener Kasten ist Amtssitz eines Waldsassener „Kastners“. Nach der Säkularisation beherbergt Ersterer bis 1807 das Kgl. Forstamt, anschließend wird er Amtsgericht mit Gefängnis, Landgericht, bekommt Teile des Kepler-Gymnasiums, dann die Staatliche Fachoberschule und wird – nach gründlicher Sanierung 1986-1989 – sowohl Internationales Keramik-Museum (als Zweigmuseum der Neuen Sammlung München) als auch seit 1994 städtische Regionalbibliothek, die bis dahin als Stadtbücherei im Alten Schulhaus untergebracht gewesen ist.

Wohl nur wenige Besucher der Regionalbibliothek wissen um die literarischen Bezüge des geschichtsträchtigen Hauses. Im September 1944 kommt der spätere sozialkritische Schriftsteller Bernt Engelmann als politischer Gefangener in das damalige Landgerichtsgefängnis („Die dünne Suppe im Weidener Gefängnis war unsere Henkersmahlzeit“), bevor er später ins KZ Flossenbürg eingeliefert wird. Seine Erlebnisse sind in der Biografie Bis alles in Scherben fällt. Wie wir die Nazizeit erlebten. 1939-1945 (1983) dokumentiert. Eigentlich wollte Bernt Engelmann den „Gefängnisort Weiden“ nie mehr sehen, aber nach vier Jahrzehnten kommt er doch zu den 1. Weidener Literaturtagen, wo er am 3. Mai 1985 liest.

 

Waldsassener Kasten nach einer historischen Zeichnung von 1821 mit den damals noch erhaltenen Arkaden im Innenhof. Quelle: Weiden in der Oberpfalz. Max-Reger-Stadt. Von den Anfängen bis heute. München 1974/752, S. 122.

Ins gleiche Landgerichtsgefängnis lässt der auf Schloss Kaibitz bei Kemnath seit den 1930er-Jahren lebende Berliner Schriftsteller Erich Ebermayer in seiner Novelle Auferstanden (1948) den Wehrmachtsdeserteur Klaus Eberhard von Platen, der vom Wehrmachtsgefängnis Küstrin verlagert wird, „in einer kühlen Aprilnacht 1945“ einsitzen: „[...] der Spaziergang im Hof war mangels Bewachungspersonal gestrichen. [...] auch im Untersuchungsgefängnis des Landgerichts W. hatte eine wachsende Unordnung, ja Auflösung Platz gegriffen.“ Ebermayer kennt die Verhältnisse in Weiden und besonders während der NS-Zeit genau, sieht er sich doch als Autor der „Inneren Emigration“ zugehörig. Nach 1945 arbeitet er auch wieder als Rechtsanwalt.

Vom Münchner Roman- und Theaterautor Bernhard Setzwein stammt das Stück 3165 – Monolog eines Henkers, das im Dezember 2007 zum 25-jährigen Jubiläum der Stadtbühne Vohenstrauß in der Regionalbibliothek seine Welturaufführung erlebt. Es handelt von Johann Reichhart, dem letzten Scharfrichter Bayerns, der mit dem Fallbeil vor allem unter der NS-Zeit über 3.000 Menschen hinrichtet – darunter auch die Geschwister Scholl. Selbst in Weiden wird er dreimal tätig, so 1932 bei der Enthauptung des „Mörders von Wendersreuth“.

Links: 3165 – Monolog eines Henkers nach Bernhard Setzwein (2007). Rechts: Szene aus Resl unser nach Bernhard Setzwein (2019). Fotos: Landestheater Oberpfalz / Jochen Schwab

Aber auch für den Film, speziell für die Franz Seitz-TV-Verfilmung (1990) von Lion FeuchtwangerErfolg (1930) mit Peter Simonischek als Museumsdirektor Dr. Martin Krüger, Franziska Walser als dessen Freundin Johanna Krain und Bruno Ganz als Schriftsteller Jaques Tüverlin, dient das frühere Landgerichtsgefängnis im Waldsassener Kasten als eindrucksvolle, düstere Kulisse. Realer Hintergrund des Schlüsselromans sind die frühen 1920er-Jahre in der instabilen „Provinz Bayern“ (die hier für München und das Oberland steht), wo Kirche und Staat einen Abwehrkampf gegen die moderne Kunst führen. Ein ausgestellter moderner Frauenakt erzürnt die klerikale und politische Obrigkeit in der bayerischen Landeshauptstadt, es kommt zum Kunstskandal. Eine Intrige bringt den Münchner Museumsdirektor schließlich zu Fall und ins Gefängnis.

Während der Weidener Literaturtage unter Initiator und Organisator Bernhard M. Baron finden ab 1990 die „Literatur-Talks“ im Lesesaal der städtischen Regionalbibliothek statt. Hier diskutieren und debattieren u.a. die Moderatoren Prof. Dr. Volker Wehdeking (FH Stuttgart), Dr. Franz Stark (BR), Ulrich Chaussy (BR), Prof. Hermann Glaser, Gisela Dachs (DIE ZEIT), Dr. Reinhardt Knodt (BR), Dr. Beate Pinkerneil (3sat/Kulturzeit), Jörg Walberer (Hör zu) und Iris Radisch (DIE ZEIT) mit Bundeskulturstaatsminister Michael Naumann, dem Publizisten Dr. Michel Friedman, dem tschechischen Botschafter Jiři Gruša, dem Literaturkritiker Prof. Hellmuth Karasek sowie mit Autorinnen und Autoren wie Erich Loest, Daniela Dahn, Günter Seuren, Gretchen Dutschke, Wolf Peter Schnetz, Peter O. Chotjewitz, Michael Krüger, Matthias Kneip, Godehard Schramm, Klaus Stiller oder Nevfel A. Cumart.

Links: Große Talk-Runde „Die 60er“ bei den 14. Weidener Literaturtagen im Mai 1998 unter Moderation von Ulrich Chaussy (BR) in der Regionalbibliothek. Rechts: Talk-Runde „Deutschland einig Vaterland?“ bei den 12. Weidener Literaturtagen im Mai 1996 unter Leitung von Prof. Dr. Volker Wehdeking (FH Stuttgart). Am Mikrofon Lutz Rathenow. Fotos: Archiv der Weidener Literaturtage/Städt. Regionalbibliothek

Über allen „schwebt“ der Weidener Akzente-Autor, gebürtige Berliner Schriftsteller und Pädagoge Franz Joachim Behnisch, dem die Stadt Weiden 2015 den Veranstaltungs- und Aktionsraum der Regionalbibliothek persönlich widmet („Franz-Joachim-Behnisch-Saal“). Seine Schüler aus dem neusprachlichen Kepler-Gymnasium haben als Autoren in der dortigen Bücherausleihe ebenfalls einen Platz gefunden, darunter Robert Dachs, Johannes Kreuzer, Helmut Hoehn, Werner Fritsch, Stefan Wirner, Thomas Stemmer und Michael Brenner.

Trafen sich früher die „Weidener Turmschreiber“ um Autorin und Pädagogin Helga Wiesbeck ab 1995 im benachbarten mittelalterlichen Stadtturm, dem „Flurerturm“, so ist mittlerweile die städtische Regionalbibliothek ihre zweite Heimstatt geworden, wo Lesungen, Workshops und Buchvorstellungen ihrer Anthologien (Gedankenflug, 2000) stattfinden. Erwähnenswert in diesem Zusammenhang ist aber auch ihre Funktion im Sinne einer Studiobühne für das Kammertheater des 2010 gegründeten Landestheaters Oberpfalz (LTO), das wiederum aus der Stadtbühne Vohenstrauß hervorgegangen ist. Im März 2019 feiert beispielsweise Bernhard Setzweins Theaterstück Resl unser über die stigmatisierte „Konnersreuther Resl“ dort Premiere.

Links: Hellmuth Karasek (r.) wird von Kulturamtsleiter Bernhard M. Baron bei den 15. Weidener Literaturtagen im Mai 1999 begrüßt. Rechts: ZEIT-Journalistin Gisela Dachs bei den 16. Weidener Literaturtagen im Mai 2000. Fotos: Archiv der Weidener Literaturtage/Städt. Regionalbibliothek

So wird der kulturgeschichtliche Barockbau des Waldsassener Kastens unter Leitung von Dipl.-Bibliothekarin Sabine Guhl mit Lesecafè, thematischem Weinfest (u.a. mit Gabriele von Arnim und Herbert Rosendorfer) sowie diversen Bücherflohmärkten zu einem Hort der Literatur, den es auch in Zukunft zu bewahren und zu fördern gilt.

Verfasser: Bernhard M. Baron / Bayerische Staatsbibliothek

Sekundärliteratur:

Baron, Bernhard M. (20074): Weiden in der Literaturgeographie. Eine Literaturgeschichte (Weidner Heimatkundliche Arbeiten, 21). Weiden i.d. OPf.

Dachs, Johann (20122): Tod durch das Fallbeil. Der deutsche Scharfrichter Johann Reichhart (1893-1972). Regenstauf.

Oberhauser, Fred; Kahrs, Axel (2008): Literarischer Führer Deutschland. Mit e. Vorw. v. Günter de Bruyn. Frankfurt am Main und Leipzig, S. 1239f.

Schuster, Adolf; Gagel, Ernst [Red.] (1974/752): Weiden in der Oberpfalz. Max-Reger-Stadt. Von den Anfängen bis heute. München, S. 121f.


Externe Links:

Landestheater Oberpfalz

Kommentare

Thomas Dobler am 23.04.2019 um 13:09

Wieder ein kleines Textjuwel des belesenen und kundigen Literaturdetektivs und -geografen Bernhard M. Baron. Auch wenn man glaubt, schon viel zu kennen, er setzt immer noch etwas oben drauf. Kein Wunder bei seiner Vergangenheit als Literaturmanager und bei seinen Kontakten in die deutsche literarische Szene!



Benno Hurt am 25.04.2019 um 10:04

Nach der Lektüre des verdienstvoll recherchierten „Waldsassener Kastens“ wird mir klar, warum ich mich bei meiner ersten Lesung in Weiden, ich glaube es war 1997, wie zu Hause gefühlt habe: Meine Frau ist in Weiden geboren und meine Mutter kam in Waldsassen zur Welt. Dass meine Lesung in einem Kasten und nicht in einer Bibliothek stattfand, wusste ich allerdings nicht. Im Ernst: Es war das Kraft- und Begeisterungspaket Bernhard Baron, das mich verleitete, das kleine Weiden die hier stattfindenden Literaturtage lang für die Kulturhauptstadt der Oberpfalz zu halten. Barbara König mit ihrem Roman „Die Personenperson“ fällt mir in diesem Zusammenhang ein: Dieser Bernhard Baron verkörperte in (s)einer Person ein ganzes Kulturreferat. Ob Barbara König bei dieser oder einer anderen Lesung neben mir im „Waldsassener-Kasten“ saß oder doch am Hauptbahnhof, weiß ich nicht mehr genau. Dass sie mit einer Uhr vor sich auf dem Tisch darauf achtete, dass jeder „Leser“ die ihm zugewiesene Zeit einhielt, daran erinnere ich mich genau. Mir, dem Richter immer im Dienst, imponierte dieser Sinn für Gerechtigkeit. Benno Hurt



Matthias Kneip am 25.04.2019 um 17:45

Es ist gerade in der heutigen Zeit wichtig, dass kompetente Zeitzeugen wie Bernhard M. Baron die Erinnerung an so illustre Orte wie den Waldsassener Kasten aufrecht erhalten und dokumentieren. Vielen Dank für diesen Text!



Stefan Wirner am 26.04.2019 um 12:08

Geschichte, Politik, Literaturgeographie, ja Kulturarchäologie, all das vereint dieser Text über den Waldsassener Kasten in Weiden. Immer wieder spannend, wie Baron diese Anekdoten, Geschichten und Querverbindungen dem Vergessen entreisst.



Raimund A. Mader am 26.04.2019 um 12:28

Ein Punkt in der Landschaft, hier ein markantes Gebäude - der Waldsassener Kasten -, an dem die Menschen der Stadt oftmals nur gedankenlos vorbeieilen, wird plötzlich als ein Ort erkennbar, aus dem heraus Spuren ins Leben führen … Spuren, wie die von Bernt Engelmann, der als politischer Gefangener eine schreckliche Zeit in diesem „Kasten“ (v)erleben musste und der dann doch wieder in seinen „Gefängnisort Weiden“ zurückkehrt, weil … ja, weil er sich der Literatur verschrieben hat, die sich als mächtiger und zäher erweist als menschliche Bösartigkeit. Der, der ihn zurückgerufen hat, ist Bernhard M. Baron, der mit den Weidener Literaturtagen ein beeindruckendes Vermächtnis hinterlassen hat. Es ist aber auch dieser so gar nicht adelige „Baron“, der in unzähligen Artikeln - nicht nur in dem vorliegenden - Geschichte und Literatur zum Leben erweckt, indem er in vermeintlich Kleinem das Große dieses Lebens erkennbar werden lässt. Ein großartiger Artikel, der anregt, nachzudenken. Was kann man mehr verlangen …



Thomas Bäumler am 28.04.2019 um 10:32

Wieder ein wunderbarer Artikel unseres “Kulturbarons“ über unsere literarische Heimat mit Aspekten, die mir als “Alteingesessenen“ so nicht bekannt waren. Danke für den inspirierenden Beitrag.



Jürgen Huber am 28.04.2019 um 19:15

Bernhard M. Baron, wir lieben Dich für Deine Sachkunde in Empathie für Weiden und die Oberpfalz. Da drin, im Waldsassener Kasten bin ich (ein wenig) zur Schule gegangen und wir heimlichen Kloraucher konnten aus dem Bubenklo noch die Gefangenen sehen, hinter einem gigantischen Scheitholzhaufen. JH



Karl Bayer am 20.05.2019 um 11:38

Bernhard M. Baron erweist sich wieder einmal als kenntnisreicher Literaturgeograph. Zu erwähnen ist die Dichte der verwendeten Informationen in dem Artikel. Als Literaturagent holte der "Baron" die "Crème de la Crème" der deutschen Schriftsteller in den "Waldsassener Kasten" und hat dadurch meine Heimatstadt in der literarischen Szene Deutschlands bekannt gemacht. Ich habe als Gymnasiast ein Schuljahr in diesem "Kasten" verbracht. Das Klassenzimmer befand sich im ersten Stock über dem Eingangasportal des heutigen Keramikmuseums. In Erinnerung bleibt nicht nur der Katechismus-Unterricht von Pater Georg, sondern auch der Verschub der Häftlinge aus dem im "Waldsassener Kasten" befindlichen Untersuchungsgefängnis in andere bayerische Haftanstalten im Beisein der weinenden Ehefrauen.



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