https://www.literaturportal-bayern.de/images/lpbplaces/Nietzsche_164.jpg
Friedrich Nietzsche, historisches Jungmänner-Porträt.

Waldsassen, Johannisplatz 1: Klostergasthof für Nietzsche und Doderer

https://www.literaturportal-bayern.de/images/lpbplaces/2017/klein/Heimito-von-Doderer-1944_500.jpg
Heimito von Doderer 1944 als Luftwaffen-Offizier. Foto: König/Moosburg

Abseits der klassischen Literaturorte ist es besonders die Form des literarischen Reiseberichts mit subjektiven Wahrnehmungen der Dichter und Schriftsteller, die zahlreiche Oberpfälzer Städte und Märkte dank ihrer vorhandenen Poststationen und einladenden Gasthäuser in die Literaturgeographie einbringen – auch wenn sie keinem einheitlichen Muster folgen. Hat besonders das Stift Waldsassen durch mehrmalige Goethe-Besuche schon eine kulturelle Aufwertung erhalten, ist vielen kaum bekannt, dass der junge Philosoph und Philologe Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844-1900) mit seinem Freund Erwin Rohde (1845-1898) im August 1867 bei seiner „Ferienreise in den Böhmerwald“ nach Waldsassen kommt. In Nietzsches Heften, mehr noch durch Erwin Rohdes ausführlich-anschauliche romantisierende Schilderung Reise in den Bayerischen Wald im August 1867 erfährt man mehr darüber.

Von Leipzig aus gestartet, fahren die beiden intellektuellen Wanderer vom böhmischen Franzensbad nach Eger. Nach einem ungehinderten bayerischen Grenzübergang bei dem Wallfahrtsort Wies kehren sie am 8. August 1867 „beim Klosterwirth“ (am Johannisplatz unweit der Klosterkirche) im Markt Waldsassen ein: „köstlicher Name, bei dem Einem unwillkürlich der Gedanke an kühle, gewölbte Hinterstuben und perlenden Rheinwein aufgeht!“ In einer „einfachen Stube“ werden Nietzsche und Rohde an die Tafel des Hausherrn („table d‘ hote“) gastfreundlich eingeladen und genießen die Runde „mit einem kühlen Glase Bier“. Ein illustrer, jovialer Gast aus Leipzig erklärt den Wanderfreunden die Gegend. Aber der wandermüde Nietzsche notiert lakonisch: „Waldsassen. Klosterwirth 6 Kr.[euzer] Bahn bis Parksteinhütte […].“

Einen längeren Aufenthalt im gleichen historischen Klostergasthof hat 1944/45 der österreichische Dichter Heimito von Doderer (1896-1966). Im Ersten Weltkrieg zuletzt Rittmeister, wird der Dichter der Dämonen (1. Teil 1937) nach Beginn des Zweiten Weltkrieges zum Leutnant der Luftwaffe aktiviert. Als „Prüfoffizier“ mit der „Aufnahmestelle 4 für Offiziersbewerber der Luftwaffe“ (von Wien über den Fliegerhorst Eger) kommt er im November 1944 in den Klosterhof. Doderer notiert: „Hier lebt man wie in einer Kadettenschule, einem Knabenpensionat oder sonst einer Erziehungsanstalt dieser Art: 6 Uhr Wecken, ¾ 7 Uhr Frühstück, ¼ 8 Uhr Beginn der Arbeit, 12 Uhr Mittagessen […]. Aber ich habe ein Zimmer für mich.“

Historischer Klostergasthof in Waldsassen um 1912 in Festschmuck (li.) und 1940 (re.). Foto: Archiv Robert Treml (Waldsassen)

Am 23. Dezember 1944 liegt Doderer im Bett und sinniert über die „Nation der Bayern“, über Otto von Freising, den Maler Leibl und den Historiker Aventin. Weihnachten 1944 verbringt der praktizierende Katholik dann mit seiner späteren zweiten Frau Emma Maria „Mienzi“ Thoma (1896-1984), der Nichte des bayerischen Dichters Ludwig Thoma, die eigens aus Landshut angereist ist. Am 28. Dezember besichtigt Doderer in Waldsassen die historische Stiftsbibliothek und notiert einen Tag darauf: „Gestern im Stift, Besichtigung des berühmten Bibliotheksaales. Eine sehr liebe, alte Zisterzienser Schwester führte uns […].“

Zwar wird Doderer am 1. Januar 1945 nach Bückeburg/Westfalen versetzt, jedoch später wieder nach Waldsassen zurückbeordert. Am 25. Februar tritt er die Rückreise in die Oberpfalz an: „Ob ich dort wohl wieder in dem schönen Zimmer beim hl. Thomas werde wohnen können?“ Im Fliegerhorst Eger erfährt er, dass „unser Amt“ gar nicht mehr in Waldsassen ist. Immer wieder entflieht er den mittäglichen Fliegerangriffen und reist „wie des Herrn von Grimmelshausen abenteuerlicher Simplicius Simplicissimus“ zu seiner „Mienzi“ nach Landshut. Noch im März wird Doderer vom Fliegerhorst Karlsbad nach Norwegen versetzt, wo er in englische Kriegsgefangenschaft gerät. 1951 kommt für ihn mit seinem Großroman Die Strudlhofstiege der Durchbruch, womit er bald internationalen Ruhm erlangt.

1957 wird der historische Klostergasthof, der seit dem 14. Jahrhundert  als „Wirtshaus des Stiftes“ und später auch als „Stifts Tafern“ geführt wird, teilweise abgebrochen. An gleicher Stelle, Johannisplatz 1, befindet sich seit 1960 das Gebäude der damaligen Kreis- und Stadtsparkasse und heutigen Filiale Waldsassen der Sparkasse Oberpfalz-Nord.

Verfasser: Bernhard M. Baron / Bayerische Staatsbibliothek

Sekundärliteratur:

Baron, Bernhard (1999): Litera-Tour durch die Oberpfalz. In: 50 Jahre Tourismusverband Ostbayern. Von der Reklame zum Internet (FS). Regensburg, S. 83-86.

Ders. (2011): Zum 115. Geburtstag: Doderer in Waldsassen 1944/45. In: Heimat – Landkreis Tirschenreuth 23, S. 5-10.

Ders. (2013): Nietzsche in Waldsassen. Wie der Philosoph Nietzsche 1867 nach Waldsassen kam. In: Heimat – Landkreis Tirschenreuth 25, S. 89-92.

Doderer, Heimito (1964): Tangenten. Aus dem Tagebuch eines Schriftstellers 1940-1950. Teil VI: Schwarzes Buch. München, S. 252f.

Knedlik, Manfred (1995): Zwei literarische Reisen. Tirschenreuth, S. 20-21.

Nietzsche, Friedrich (1933ff.): Werke und Briefe. Historisch-kritische Gesamtausgabe. Bd. III (W), S. 280-290 und S. 423-437. [Vgl. auch Nietzsche: Werke. Kritische Gesamtausgabe. Begr. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, weitergeführt von Wolfgang Müller-Lauter und Karl Pestalozzi. Teil 1. Bd. 4. Berlin 1999, S. 344 und S. 425f.]

Treml, Robert (2004): Es lebe die Gemütlichkeit. Die einstigen Waldsassener Hotels. In: Heimat – Landkreis Tirschenreuth 16, S. 97ff.


Kommentare

Bernhard M. Baron am 09.10.2015 um 10:10

Emmy Ball-Hennings (1885-1948), deutsche Schriftstellerin und Kabarettistin, reist - auf Empfehlung ihres Ehemannes Hugo Ball (1886-1927), Autor und Mitbegründer der Dada-Bewegung - im Mai 1927 (von München aus kommend) nach Waldsassen und nimmt Quartier im traditionsreichen "Klostergasthof". Von hier wandert Emmy Ball-Hennings (ab "Himmelfahrtstag" 26. Mai 1927) täglich nach Konnersreuth und steht ehrfürchtig staunend am Bett der stigmatisierten Therese Neumann. Sie ist fasziniert von Therese, die den Besuchern willig ihre Wundmale zeigt. Auf den Seiten eines Schulheftes ("Konnersreuth 1927") hält Emmy Ball-Hennings ihre Besuche und Eindrücke (bis 6. Juni 1927) fest - wie die Gespräche mit dem Konnersreuther Pfarrer Joseph Naber (1870-1967). Hugo Ball ermuntert Emmy, sich Wunsiedel, die Stadt Jean Pauls, anzusehen. Davon berichtet sie auch Hermann Hesse, genauso wie von ihrem Besuch in Bayreuth (vgl. Bärbel Reetz, Das Paradies war für uns. Emmy Ball-Hennings und Hugo Ball, Insel-TB 4400, Berlin 2015, S. 349f.).



Kommentar schreiben