Info
Geb.: 22. 7.1894 in Berg
Gest.: 28.6.1967 in New York
Oskar Maria Graf bei einer Lesung des Tukan-Kreises am 21. Juli 1958 (Bayerische Staatsbibliothek/Timpe)
Namensvarianten: Oskar Graf (Taufname), Oskar Graf-Berg

Oskar Maria Graf

„Gern bekenne ich“, schreibt der Schriftsteller Lion Feuchtwanger 1954, „dass mir das Werk von Oskar Maria Graf am Herzen liegt. Aus zwei Gründen. Es ist das starke Werk eines Dichters, und es ist das Werk eines ‚hoch‘-deutschen Dichters, eines bayerischen Dichters. Mir aber, dem Münchener, ist das Bayerische lieb und vertraut, und ich spüre auf jeder Seite Grafs die Verwandtschaft zwischen seiner Sprache und der meinen.“

Am 22. Juli 1894 kommt Oskar Graf als neuntes von elf Kindern des Bäckermeisters Max Graf und seiner Frau Therese am Starnberger See zur Welt. Nach sieben Jahren Volksschule beginnt er eine Lehre im elterlichen Betrieb in Berg. Als der Vater stirbt, führt der älteste Sohn Max die Bäckerei weiter. Brutal herrscht er über die Familie. Heimlich beginnt Oskar mit einigen seiner Geschwister zu lesen. Als der Bruder von dessen Liebe zur Literatur erfährt, kommt es zum Bruch. Oskar flieht mit 17 Jahren aus der dörflichen Welt nach München. Seinen Unterhalt verdient er zunächst als Hilfsarbeiter, u.a. in einer Mühle. In der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg lernt er das Leben der Schwabinger Bohème kennen und beginnt, sich auch für Politik zu interessieren. Graf schließt sich den Kreisen um Erich Mühsam an. 1914 veröffentlicht er erste Gedichte in der expressionistischen Zeitschrift Die Aktion. Im gleichen Jahr wird er als Soldat eingezogen und an die Ostfront verlegt. Weiterhin schreibt er Texte für die Zeitschrift Die Freie Straße. Auf eine Befehlsverweigerung hin wird er 1916 in die Psychiatrie eingewiesen. Aus einer Anstalt in Brandenburg gelangt Graf nach Haar bei München und wird schließlich als „dienstunbrauchbar“ entlassen.

Auf Vorschlag des Malers Jacob Carlo Holzer nennt sich der Schriftsteller seit 1917 Oskar Maria Graf, um nicht mit dem Kriegsmaler gleichen Namens verwechselt zu werden. 1917 heiratet er in München Karoline Bretting. Der erste Gedichtband Die Revolutionäre erscheint. Weil er sich am Streik der Munitionsarbeiter beteiligt, wird der Dichter verhaftet. Im darauffolgenden Jahr wird Grafs einzige Tochter Annemarie geboren. Graf erhält ein Stipendium und verdingt sich als Alleinunterhalter. Während der Revolution 1918/19 nimmt er am Marsch auf die Kasernen teil. Nach dem Ende der Räterepublik wird Graf für einige Wochen inhaftiert, kommt aber auf Fürsprache von Rainer Maria Rilke bald wieder frei.

Ein zweiter Gedichtband mit dem Titel Amen und Anfang erscheint. Seit 1919 lebt Oskar Maria Graf mit Mirjam Sachs zusammen, die aus Berlin nach Bayern gekommen ist. Anfang der 1920er Jahre betätigt er sich als Dramaturg für das Münchner Arbeitertheater Die neue Bühne, wo er Bertolt Brecht kennenlernt. 1922 wird der Erzählband Zur freundlichen Erinnerung veröffentlicht. Seine Kindheit und die Erfahrungen in München verarbeitet er 1927 in dem autobiographischen Roman Wir sind Gefangene. Ein Bekenntnis. Graf schildert ein Leben voller Entbehrungen. Mit dieser Veröffentlichung gelingt ihm der Durchbruch. 1928 erscheint der große Publikumserfolg Bayrisches Dekameron, auch der Roman Bolwieser (1931) wird gut angenommen.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten emigriert Oskar Maria Graf nach Wien. Die Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 kommentiert der Schriftsteller mit dem Artikel „Verbrennt mich!“ in der Wiener Arbeiterzeitung. Graf befindet sich zu diesem Zeitpunkt auf einer Lesereise in Österreich und bleibt im Ausland. 1934 zieht er nach Brünn in die Tschechoslowakei. Zusammen mit anderen Schriftstellern wie Klaus Mann reist er zu einem Kongress in die Sowjetunion. Auch in den Jahren der Emigration bleibt Graf produktiv, es erscheinen u.a. die wichtigen Werke Der harte Handel (1935) und Anton Sittinger (1937). 1938 flieht er gemeinsam mit Mirjam Sachs nach Holland, mit dem Schiff verlässt das Paar Europa in Richtung USA.

Im New Yorker Exil bewohnt der Schriftsteller ein kleines Apartment in der Hillside Avenue mit Blick auf den Hudson River und die Washington Heights. 1943 ruft er einen populären Stammtisch ins Leben. Alle Fotografien aus der Emigration zeigen Oskar Maria Graf in der Lederhose. Der Dichter vertritt die deutschen Schriftsteller im Exil und schreibt für die deutsch-jüdische Zeitung Aufbau. In New York entsteht sein Hauptwerk Das Leben meiner Mutter (engl. 1940, dt. 1946), mit dem er aus der Ferne seine bayerische Heimat in den Blick nimmt. Der Roman, der das harte und entbehrungsreiche Leben einer einfachen Frau auf dem Land beschreibt, ist Grafs Gegenentwurf zum Blut- und Bodenkult der Nationalsozialisten. Auch mit dem pazifistischen Roman Unruhe um einen Friedfertigen (1947) kehrt der Dichter schreibend an seinen Geburtsort zurück.

1958 reist Oskar Maria Graf erstmals zurück nach München. Zu einem Eklat führt sein Auftritt im Cuvilliés-Theater in Lederhose, wo er zum Jubiläum der Stadt aus seinen Romanen lesen soll. Seine zweite Frau Mirjam Sachs stirbt 1959. Im Jahr 1962 heiratet Graf in dritter Ehe Gisela Blauner. 1964 reist der Schriftsteller aus Anlass seines 70-sten Geburtstags erneut nach München sowie nach Bad Reichenhall und Ostberlin. Im Jahr darauf unternimmt er eine letzte Reise, die ihn nach Frankfurt am Main, München, Bad Reichenhall, Wien, Zürich und Ascona führt. Immer wieder kommentiert er in Artikeln und offenen Briefen das Zeitgeschehen. 1966 erscheint seine Autobiographie Gelächter von außen. Aus meinem Leben 1918 bis 1933.

Am 28. Juni 1967 stirbt er im Mount Sinai Hospital in New York. Seine Asche wird 1968 auf dem Bogenhausener Friedhof in München beigesetzt.

Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek

Sekundärliteratur:

Barck, Simone (1994): Lexikon sozialistischer Literatur. Ihre Geschichte in Deutschland bis 1945. Stuttgart u.a., S. 176-178.

Dittmann, Ulrich (2014): Für München bin ich ein linksräudiges Schaf. Oskar Maria Graf im Briefwechsel mit Herbert Günther und ein kleiner Rückblick zum 120. Geburtstag. In: Literatur in Bayern 117, 29. Jg., Nr. 3, S. 24-27.

Tworek, Elisabeth (2006): Wurzel und Flügel. Dichterschreibtische in der Monacensia. In: Aviso. Zeitschrift für Wissenschaft und Kunst in Bayern 2. München, S. 20-23.

Viesel, Hansjörg (1980): Literaten an die Wand. Die Münchner Räterepublik und die Schriftsteller. Frankfurt am Main, S. 99-156.

Oskar Maria Graf: Die skandalöse Lederhose. Klagen eines bayerischen Schriftstellers über die Kleiderordnung im Cuvilliés Theater. In: Schwab, Hans-Rüdiger (Hg.): München. Dichter sehen eine Stadt. Texte und Bilder aus vier Jahrhunderten. Stuttgart 1990, S. 310-311.

Oskar Maria Graf: Wir sind Gefangene. Ein Bekenntnis. München 1927.


Externe Links:

Literatur von Oskar Maria Graf im BVB

Literatur über Oskar Maria Graf im BVB

Oskar Maria Graf in der BLO

 

Kommentare

Bernhard M. Baron am 27.02.2014 um 15:42

Menschliches, allzu menschliches bedrückte den als "bairischen Schwejk" mit einem Eisenbahn-Truppen-Transport an die Masuren-Front reisenden "Landser Graf". Als der Militärzug im Oberpfälzischen Schwandorf hält, verlässt Oskar Graf wegen eines menschlichen Bedürfnisses ("ich ging auf den Abort") seine Einheit. Als er zum Bahnsteig zurückkommt, ist sein Zug weg, den er verspätet - mit einem folgenden Zug - wieder in Marktredwitz erreicht ... (köstlich nachzulesen in Wir sind Gefangene, München 1994, S. 142). Später gehörte Oskar Maria Graf zur "Münchner Gruppe" um Kurt Eisner (Gedichte Die Revolutionäre, 1918).



Rudolf Homann am 08.05.2015 um 14:43

In seiner Autobiographie "Gelächter von außen", meinem Lieblingswerk des Autors, beschreibt er, wie er als stets klammer Schriftsteller in seinen Münchner Jahren einem jungen Österreicher begegnete, der Anschluss an die Boheme suchte und den Leuten mit seinen völkischen Tiraden auf den Geist ging. Interesse heuchelnd folgte er ihm in ein Restaurant, um ihn dort um ein Essen zu prellen. Der Geprellte hieß Adolf Hitler.



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