Frank Wedekind: Herakles

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Herkules befreit Prometheus: Gemälde von Christian Griepenkerl, 1878

Nachdem er Maximilian Hardens Aufsatz Theater im Krieg in der Zeitschrift Die Zukunft (19.2.1916) gelesen hat, konkretisiert sich für Wedekind der Plan zu seinem mythologisch-dramatischen Werk Herakles. Dramatisches Gedicht in drei Akten. Dabei kommt ihm die Idee, das Theater aus seinen engen Grenzen zu befreien, „die ihm der Krieg zieht. Herakles von Euripides als Drama der Kriegspsychose des heimgekehrten Kämpfers.“ (Brief an Harden vom 24. Februar 1916) Wedekinds Herakles ist insofern als psychotisches Kriegsheimkehrerdrama konzipiert, was sechzehn Jahre später auch Oskar Maria Graf in seinem Roman Einer gegen alle mit anderen ästhetischen Mitteln zu gestalten versucht: „Herakles agiert als ein Faustulus, der immer dienend und strebend sich bemüht. Er ist eine Kampfmaschine, halb dem Wahnsinn verfallen, tötet und tötet und zieht eine riesige Blutspur hinter sich her.“ (Vinçon, Hartmut [2014]: Frank Wedekind und der Erste Weltkrieg, http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=19610)

Beherrschendes Thema des psychopathologischen Helden wird die Suche nach einem Erlösungsmodell, das nach der Apokalypse des individuellen und kollektiven Kriegserlebnisses notwendig geworden ist. Wedekind akzentuiert den Heros allerdings nicht als den Unbesiegbaren, den Herakles der Taten, sondern als Stellvertreter der „gehetzten Seelen“, womit er der euripideischen Tradition des Heroenbildes folgt. (Schneider, Uwe [2000]: Krieg, Kultur, Kunst und Kitsch, S. 105)

Sein Schicksal ist ein gelenktes und kein freies. Dass er eigentlich für die große Liebe unter den Menschen ins Feld zieht, diese aber nicht erringen kann, wird ihm schmerzlich bewusst: „Herakles: Wohl kämpf' ich rastlos um der Menschheit Glück/ Und kann der Menschheit Liebe nicht erkämpfen.“

Seine Erkenntnis führt ihn zur zentralen Szene der Befreiung des Prometheus: Herakles, der Kämpfer für die Menschheit, befreit Prometheus, den Schöpfer der Menschheit – es ist dies seine erste Tat, die nicht durch seine Aufgaben vorherbestimmt ist. In der Apotheose des Herakles zum göttlichen Helden, „dem es kaum gelungen [ist], Mensch zu sein“, wird das psychische und physische Martyrium desselben als Endstation einer von Hera inszenierten Prüfung dekuvriert.

Der Preis dafür ist indes hoch: Die im Herakles geschilderten 12 neuen Aufgaben, die in der antiken Mythologie in ihrer Verbindlichkeit noch außer Frage stehen, wirken nicht mehr als eine unverbindliche Vorausdeutung und sind mit den aktuellen moralisch-sittlichen Normen nicht zu vereinbaren. Der wahrhaft um Menschenwürde Ringende würde Herakles' Taten nicht gutheißen. Nicht zuletzt daraus – aus diesem Konflikt – lässt sich die Psychose des Helden Herakles begreifen.

(Schneider, Uwe [2000]: Krieg, Kultur, Kunst und Kitsch, S. 106f.)

(Vinçon, Hartmut [1987]: Frank Wedekind, S. 238-240)


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Dr. Peter Czoik

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