Frank Wedekind: Bismarck

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„Reichskanzler Fürst von Bismarck. Nach einer Photographie“, BSB/Porträtsammlung

Drei Tage nach dem Kammerspielvortrag, am 21. September 1914, notiert Wedekind die Pläne eines Dramas um den ehemaligen deutschen Reichskanzler Fürst von Bismarck (1815-1898). Bis Oktober 1915 entstehen seine Bismarck-Szenen, die jedoch – wie auch das balladeske Spiel Überfürchtenichts und Herakles – nicht aufgeführt werden können.

Zum hundertsten Geburtstag Bismarcks (1915) erscheint eine wahre Flut an literarischen, politischen und historischen Publikationen über diesen Staatsmann. Verglichen mit der apologetischen Bismarck-Literatur ist Wedekinds Drama weder als historisches Gemälde noch als Erinnerungsstück zu verstehen, obwohl es in der Buchausgabe von 1916 als „Historisches Schauspiel in fünf Akten“ ausgewiesen ist, sondern als Antwort auf den gerade erst ausgebrochenen Ersten Weltkrieg: nicht kriegerische Auseinandersetzungen, sondern diplomatische Verhandlungen stehen dabei im Vordergrund. Wedekinds Anliegen ist es, „auf den Zusammenhang von Diplomatie und Krieg aufmerksam zu machen“ (Vinçon, Hartmut [2014]: Frank Wedekind und der Erste Weltkrieg, http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=19610)

Gleichwohl mündet das Drama in der pedantischen Auswertung historischer Quellen und Zitate bereits in die Gattung des „Dokumentarstücks“. Die „Simulierung“ historischen Geschehens, die schon zum dramaturgischen Prinzip der Realpolitik des historischen Bismarcks geworden ist, übernimmt Wedekind aber auch für sein Stück: „Der Medialisierung historischer Ereignisse wird so der Authentizitätsanspruch genommen.“ (Schneider, Uwe [2000]: Krieg, Kultur, Kunst und Kitsch, S. 94f.) Das gemeinsame Foto beim fiktiven Zusammentreffen von Bismarck, Staatsvertretern und Künstlern im Fünften Bild des Dramas untermauert dies.

Noch ein weiterer Aspekt ist interessant: der dramaturgische Verlauf des Stückes ist, wie öfters bei Wedekind, von (sozial-)darwinistischen Grundprinzipien geprägt. Die Diplomatie wird als „die gesellschaftliche Form der Lehre vom Überleben des Stärkeren“ gesehen, der Krieg wiederum als „paradoxer und zugleich notwendiger“ Handlanger:

Bismarck: Der Krieg wurde zum Schutz gegen den Krieg geführt. Um Ihrer, um meiner oder um irgendeiner anderen Existenz willen besteht doch die Welt nicht! Der Zweck des Daseins ist die Steigerung der Kraft, zu deren Erhaltung der Kampf mit dem Bösen unentbehrlich ist.

(zit. n. Schneider, Uwe [2000]: Krieg, Kultur, Kunst und Kitsch, S. 95)

Doch dabei bleibt es nicht. Gezeigt wird letztlich der wiederum ‚dämonische’ Verlauf dieser stetig anwachsenden Kriegsbegeisterung im Sinne einer darwinistischen „Steigerung der Kraft“ – „Wedekind bleibt damit sich und seinen Kategorien treu, denn der Krieg ist [...] kein kategorial neues Ereignis für die Kunst, die Kultur, sondern lediglich eine neue Variante der wilhelminischen Reichspolitik.“ (Schneider, Uwe [2000]: Krieg, Kultur, Kunst und Kitsch, S. 96)

(Vinçon, Hartmut [1987]: Frank Wedekind, S. 93 und 236f.)


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Dr. Peter Czoik

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