Am Vorabend der Revolution

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Felix Fechenbach (1894-1933), Revolutionär und Journalist, (Bayerische Staatsbibliothek/Hoffmann)

Ab Dezember 1916 trafen sich die Münchner Kriegsgegner jeden Montag im Goldenen Anker in der Schillerstraße. Felix Fechenbach von der sozialdemokratischen Jugend hatte Kurt Eisner gebeten, Aufklärungsabende für die Jugend zu veranstalten, denen sich mehr und mehr Erwachsene anschlossen. Auch Oskar Maria Graf verirrte sich eines Tages in ein Treffen ins Nebenzimmer des Goldenen Ankers:         

Unerregt saß alles da und blickte auf einen Tisch vorne, hinter dem ein nicht sehr großer Mann mit wallendem grauem Haupthaar, einem ebensolchen Schnurr- und Spitzbart stand und eine Rede hielt. Einen Kneifer trug er, hinter dem sehr bewegliche kleine Augen saßen. Hin und wieder unterstrich er irgendeinen Satz mit einer kurzen Armbewegung oder streckte den Zeigefinger wie ein Schullehrer in die rauchige Luft. Er hatte eine ziemlich tonlose, etwas kratzende Stimme, sprach aber sehr flüssig. Seine Kleidung war lässig, und alles an ihm machte den Eindruck von einem pensionierten Schulrat oder Professor. [...] „Wer ist denn der Redner?“ erkundigte ich mich leise bei meinen Nebenmann. Der Eisner war die Antwort. Ich suchte in meinem Gedächtnis, ging alle Revolutionäre und Bekannten aus meiner Anarchistenzeit durch, nein, ich musste mich geirrt haben. Liebknecht, Bebel, Rosa Luxemburg, Landauer, Mühsam, die gehörten zu den Radikalen, aber Eisner? Wo war ich denn hingeraten?

(Oskar Maria Graf: Wir sind Gefangene. Ein Bekenntnis. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1999, S. 317)


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Dr. Michaela Karl

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