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24.10.2018, 11:39 Uhr
Renée Rauchalles
Revolutionen 1918/1968
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© Folker Schellenberg

1918/1968 – Revolutionen (5): Eine Ausstellung über Kurt Eisners kurze Revolution

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In der Fortsetzung unserer Blogreihe zu den Revolutionen 1918 und 1968 veröffentlichen wir einen Artikel der Münchner Künstlerin Renée Rauchalles über die kommende Ausstellung in der Rathausgalerie in München, die sich dem Revolutionär und Bayerns erstem Ministerpräsidenten Kurt Eisner widmet. In Zusammenarbeit mit dem ver.di Kulturforum Bayern werden hier Exponate von 113 Künstlerinnen und Künstlern gezeigt, die sich in teilweise speziell für die Ausstellung entstandenen Werken mit Eisner beschäftigt haben. Der Artikel erschien auch in der 133. Ausgabe der Kulturzeitschrift Literatur in Bayern.

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Von einem Staat, bestehend aus Künstlern, träumte er, den viele einen Fantasten nannten. Er wollte, dass der Staat den Künstler wirtschaftlich unterstützt, damit er frei und unabhängig seinen innersten Trieben folgen kann, denn Kunst sei das Leben selbst und könne nur in vollkommenster Freiheit gedeien. 100 Jahre später ist die Freiheit der Kunst in vielen Ländern wieder in Gefahr. Zahlreiche Künstler unterzeichneten die Brüsseler Erklärung vom Juli 2018, um für die Freiheit und Vielfalt der Kunst einzutreten, die nicht mehr von der Politik beurteilt oder instrumentalisiert wird, sondern dem Künstler den Rücken frei hält, ganz im Sinne Kurt Eisners.

 

 

 

Der Dichter, Journalist, Schriftsteller und revolutionäre Humanist kämpfte gewaltlos für Freiheit und Frieden. Als Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie am 14. Mai 1867 in Berlin geboren, musste er aus finanziellen Gründen sein Studium der Philosophie sowie Geschichts- und Literaturwissenschaft abbrechen. Er arbeitete bei verschiedenen linken Zeitungen. Später, nach achteinhalb Monaten Untersuchungshaft, die er wegen Majestätsbeleidigung 1898 absitzen musste, wurde er leitender Redakteur bei Vorwärts in Berlin, dem Zentralorgan der SPD, der er sich inzwischen zugewandt hatte. Weil er sich 1905 mit ihr überwarf, zog er 1910 nach München. Aber auch dort verließ er die SPD 1917 im Streit um die Kriegskredite und wurde Mitglied der neu gegründeten Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD), an deren Gründung er maßgeblich beteiligt war.

Die bayerische Regierung tat sich lange Zeit schwer im Umgang mit Eisner, der durch seine friedliche Revolution die Monarchie abschaffte, sich am 7. November 1918 selbst zum ersten Ministerpräsidenten Bayerns ausrief und den Freistaat Bayern gründete. Man brachte ihn mit dem Ausbruch der Räterepublik und deren blutiger Niederschlagung in Verbindung, die erst begann, als er schon tot war. Die ins Trottoir eingelassene Bronzeplatte in der Kardinal-Faulhaber-Straße am Ort seiner Ermordung am 21. Februar 1919 durch den Studenten Graf Arco von Valley (Eisner war gerade auf dem Weg in den Landtag, wo er wegen der für seine Partei verlorenen Landtagswahl seinen Rücktritt erklären wollte), wurde erst 70 Jahre später nach einer hitzigen öffentlichen Diskussion angebracht.

 

 

21. Februar 1919: Bayerns Ministerpräsident Kurt Eisner auf dem Weg zur Rücktrittserklärung, kurz vor seiner Ermordung

 

Weitere 30 Jahre später erfährt er nun durch eine Ausstellung in der Rathausgalerie – Kunsthalle München, in der seine Regierungszeit in den Mittelpunkt gerückt wird, die ihm gebührende Würdigung. Bei einem Festakt am 7. November 2018 werden einige Eisner-Enkelinnen und -Enkel anwesend sein. Geplant sind Ansprachen und Aktionen, wie eine Lesung mit Konstantin Wecker, von dem in der Ausstellung einige eingespielte Revolutionslieder zu hören sein werden, und Livemusik von Michaela Dietl. Auch die Bayerische Staatsregierung, die Eisner inzwischen zur Symbolgestalt für »augeklärt-demokratische Kräfte« erklärt, wird, in einem Staatsakt am 8. November, endlich die historische Leistung »eines der bedeutendsten Münchner Bürger des 20. Jahrhunderts« (Oberbürgermeister Dieter Reiter in seinem Grußwort zum Ausstellungskatalog) ehren.

Dank des großen Engagements des ver.di Kulturforums Bayern und von Sepp Rauch, Leiter und Kurator dieser beeindruckenden Ausstellung samt umfangreichem Begleitprogramm, gelang es, 113 Künstler zu gewinnen, die sich mittels Bild, Wort, Musik und Performance mit einem Thema beschäftigten, das viele bisher vermutlich nicht auf ihrem Radar hatten, sodass etliche Werke und Beiträge eigens für die Ausstellung entstanden. Über Kopfhörer kann man beispielsweise Musiktitel unter anderem von Jenny Evans, den Wellbappn oder einen Revolutionstango von Mulo Francel hören. Von Autoren sind Texte als Ausstellungsstücke zu sehen (darunter Gert Heidenreich, Ralf Höller). Des Weiteren werden historische Zeugnisse und vor allem bildnerische Werke gezeigt, so auch von Günther Gerstenberg, Autor des Buches Der kurze Traum vom Frieden zum Umsturz 1918 und einer der Kuratoren der ersten Eisner-Ausstellung überhaupt, die zu dessen 150. Geburtstag 2017 im Münchner Stadtmuseum gezeigt wurde.

 

 

 

Auch der unbequeme, in steter Beharrlichkeit agierende Aktionskünstler Wolfram Kastner, der mit seinen politischen Aktionen der Forderung Eisners entspricht, jeder Künstler müsse ein Anarchist sein, ist bildnerisch vertreten. Er mischt sich ein, legt den Finger in die Wunden, die man nicht sehen will oder kann. Für die Anerkennung Kurt Eisners und seiner Verdienste hat er sich wieder und wieder eingesetzt, sogar eine »Kurt Eisner Kulturstiftung« gegründet, aus der einige Exponate aus dem Historischen Kabinett »Münchner Maler 1918« zu sehen sind.

Diese Ausstellung will die Öffentlichkeit aufmerksam machen auf die richtungsweisende Rolle von Bayerns erstem Ministerpräsidenten. Ihm haben wir unsere heutige Demokratie zu verdanken und Gesetze, die immer noch gültig sind, wie das Frauenwahlrecht, die Öffnung der Staatlichen Kunstakademien für Frauen, den Achtstundentag, die Sozialversicherung, die Trennung von Kirche und Staat und die Pressefreiheit. Für eine nachhaltige Erinnerungskultur, durch die auch Eisners Nachkommen, die bis in die 1970er Jahre Anfeindungen und Verfolgungen ausgesetzt waren, ihr Trauma bewältigen könnten, wäre es allerdings notwendig, etwas Bleibendes zu schaffen. Gute Vorschläge gibt es genug, Informationen dazu sind in der Ausstellung zu finden, die vom 30. Oktober bis zum 24. November 2018 zu sehen ist.

 

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7. November 1918

»Die Freiheit erhebt ihr Haupt«

Gründung des Freistaats Bayern

Kurt Eisner. Erster Ministerpräsident Bayerns

30. Oktober – 24. November 2018

 

Die Kunsthalle München befindet sich im Rathaus (Marienplatz 8). Dort ist die Ausstellung bei freiem Eintritt von Dienstag bis Sonntag, 11 Uhr bis 19 Uhr, zu sehen sowie während der Veranstaltungen des umfangreichen Begleitprogramms.

Die Ausstellung wird veranstaltet durch das ver.di Kulturforum Bayern gemeinsam mit der Vereinigung Bildender Künstlerinnen und Künstler (VBK) in ver.di und dem Verband Deutscher Schriftstellerinnnen und Schriftsteller Bayern (VS). Förderer der Ausstellung sind das Kulturreferat der Landeshaupstadt München, der Kurt Eisner Verein und die Rosa-Luxemburg-Stiftung sowie zahlreiche Einzelpersonen.

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Parallel zur Ausstellung in der Rathausgalerie finden in München außerdem zwei weitere Ausstellungen mit Bezug zu Kurt Eisner statt:

Vom 2. November 2018 bis zum 11. Januar 2019 zeigt das DGB Haus München in der Schwanthalerstraße die Kunstausstellung Avantgardistinnen und Rebellen vom 1900 bis heute aus Politik und Kunst und die historische Ausstellung Schlaglichter zu Eisners Haderner Zeit läuft vom 18. Oktober bis zum 23. November 2018 im Guadini90, nahe dem ehemaligen Wohnort der Familie Belli/Eisner.

 

 

Renée Rauchalles ist Autorin, Künstlerin und Dozentin und lebt in ihrer Geburtsstadt München, wo sie Grafik, Malerei, Operngesang und Schauspiel studierte und u.a. am Residenztheater München tätig war. 17 Jahre stellte sie in ihrer ZEITfürKunst-GALERIE in selbstkonzipierten zahlreichen Lesungen vorwiegend Lyrikerinnen vor, die teilweise auch Eingang fanden in ihre Lyrik-Anthologie Mir träumte meine Mutter wieder – Autorinnen und Autoren über ihre Mütter. Sie veröffentlicht eigene Lyrik, Prosa, Essays sowie Sachliteratur. Ihr bildnerisches Werk ist regelmäßig in Ausstellungen zu sehen.


Sekundärliteratur:

Kurt Eisner: Der Sozialistische Staat und der Künstler. An Alle Künstler! Berlin: Kunstanstalt Willi Simon, 1919.

Ausstellungskatalog 7. November 1918. »Die Freiheit erhebt ihr Haupt« Gründung des Freistaats Bayern. Kurt Eisner. Erster Ministerpräsident Bayerns. Herausgeber: ver.di Kulturforum, Sepp Rauch.

Ausstellungskatalog Schlaglichter. Kurt Eisners Haderner Zeit. Ein Bilck auf die Haderner Familie Belli-Eisner und die politischen Geschehnisse vor 100 Jahren. Herausgeber: Geschichtsverein Hadern, Sepp Rauch.

Externe Links:

Literatur in Bayern

Ausstellungsinformationen

Renée Rauchalles


Kommentare

Bernhard M. Baron am 24.10.2018 um 15:56

Zum fundierten Beitrag von Renée Rauchalles möchte ich nur darauf hinweisen, dass Kurt Eisner auch einige Male in der Oberpfalz aktiv war: Am 10. Dezember 1918 kommt Kurt Eisner zum Auftakt des Wahlkampfes nach Burglengenfeld und hält im dortigen Rathaussaal eine Rede vor begeisterten Arbeitern. In Regensburg spricht Kurt Eisner am 14. Dezember 1918. Am 17. Dezember 1918 hat Kurt Eisner bereits die "Kreisunmittelbarkeitserklärung" für die Stadt Weiden mit Wirkung vom 1. Januar 1919 unterschrieben. Noch heute ist Weiden "kreisfrei". Jahrelang verhinderte ein übermächtiger OB irgendwelche Erinnerungen an dieses Ereignis. Am 7. Januar 1919 spricht Kurt Eisner in Weiden im renommierten "Hotel Anker" bei einer sozialdemokratischen Wahlversammlung. Einen Tag später spricht Kurt Eisner vor über 1.000 Menschen in Tirschenreuth. Auf seiner Rückreise vom "Rat der Volksbeauftragten" in Berlin unterbricht Kurt Eisner am 28. Januar 1919 in Weiden seine Fahrt und spricht im gleichen "Anker"-Saal beim Weidener "Arbeiterrat". Nach seiner Ansprache kommt es zwischen 22 und 23 Uhr noch zu einer nächtlichen Großkundgebung vorm historischen Alten Rathaus. Dies zeigt, welche Bedeutung Kurt Eisner der Weidener Arbeiterschaft zukommt. Am Tage seiner Beisetzung (26. Februar 1919) ziehen in Weiden tausende von trauernden friedlichen Demonstranten (organisiert von der SPD und den Gewerkschaften) zum Weidener Rathaus. Dies zeigt, welches Ansehen Kurt Eisner besonders in Weiden in der Bevölkerung genossen hat. Am 9. November 1979 kommt die Kurt Eisner-Enkelin und SZ-Journalistin Freya Eisner zum Vortrag bei den JUSOs: "Kurt Eisner: Die Politik des libertären Sozialismus".



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