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07.03.2019, 16:57 Uhr
Monacensia
Dichtung ist Revolution
Ein bebilderter Blog von Laura Mokrohs und Barbara Yelin. Redaktion: Sylvia Schütz / Monacensia im Hildebrandhaus

Dichtung ist Revolution (7): Der Kongress der Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte

Im November 1918 wird die Wittelsbacher Monarchie gestürzt, der Schriftsteller und Revolutionär Kurt Eisner ruft in München den „Freistaat Bayern“ aus. Zum 100. Jubiläum von Revolution und Rätezeit zeigt die Monacensia im Hildebrandhaus die Ausstellung „Dichtung ist Revolution“. Kuratorin Laura Mokrohs und Zeichnerin Barbara Yelin erzählen begleitend in zehn Episoden in Text und Bild von den Überzeugungen, Ideen und Taten der revolutionären Schriftsteller Kurt Eisner, Gustav Landauer, Erich Mühsam und Ernst Toller.

 

Am 8. März 1919 geht die am 25. Februar begonnene mehrtägige, intensive Tagungsphase des Kongresses der Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte zu Ende. An insgesamt acht Sitzungstagen beratschlagen rund 300 Vertreter aller linken Richtungen im Landtagsgebäude über die Frage „Rätesystem oder Parlamentarismus?“.

Am 25. Februar eröffnet Ernst Niekisch mit folgenden Worten den Kongress:

Wir alle stehen noch unter dem Eindruck der furchtbaren Ereignisse vom letzten Freitag.

Eisner, Genosse Eisner ist tot.

[...] Was er für das Proletariat bedeutet hat, das zeigte sich sofort an den Wirkungen, die sein Tod ausgelöst hat. Spontan hat die Arbeiterschaft die Fabriken verlassen, spontan sind sie zusammengeströmt auf den Straßen, um ihrer Trauer Ausdruck zu verleihen, um kundzugeben, was das Proletariat mit diesem Manne verlor. Proletarier, gleich welcher Richtung, alle Proletarier trauerten. [...] Unsere Aufgabe aber ist es jetzt, uns unserer Verantwortung bewusst zu sein und Bayern, unserem Volke, über diese schweren Stunden hinwegzuhelfen. Das können wir am besten, wenn wir uns als Aufgabe setzen, das Vermächtnis des teuren Toten nun zu verwirklichen.

Der Kongresses der Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte im Landtagsgebäude am 25. Februar 1919

Bei aller Trauer und großer Anerkennung für Eisner kann es dem Rätekongress nicht ausschließlich um eine Fortsetzung von Eisners Politik gehen. Zwar stehen die Räte nach wie vor hinter seinen humanistischen Ideen, doch seinen politischen Strategien begegnen sie zunehmend skeptisch. Die Beteiligung der Räte soll jetzt stärker in der Regierung verankert werden. Gustav Landauer spricht nun zur Tagesordnung, als deren zweiter und wichtigster Punkt „die künftige Verfassung des freien Volkstaates Bayern“ diskutiert werden soll.

Dingend muss geregelt werden, wie es mit der Regierung weitergehen soll. Die Ermordung Eisners war wichtigen Landtagsentscheidungen zuvorgekommen. Der Freistaat war im Moment ohne politische Führung. Es herrschte ein Nebeneinander von Räteinstitutionen, Ministern und Parlamentariern.

Direkt nach Eisners Tod war es im Landtagsgebäude noch zu weiteren Schüssen und dem Versuch der Ermordung des Mehrheitssozialdemokraten Erhard Auer gekommen. In ihm vermutete man im ersten Moment den Drahtzieher hinter dem Mord. Der Landtag geht daraufhin auseinander, während der Revolutionäre Arbeiterrat den Belagerungszustand über Bayern verhängt. Noch am selben Tag hatten die aufgewühlten Arbeiter und Sozialisten einen neuen Zentralrat unter dem Vorsitz des Mehrheitssozialdemokraten Ernst Niekisch gebildet. Delegierte aus ganz Bayern, wie auch Vertreter der linken Parteien waren hier eingeschlossen. Dem Rat zu Seite wurde ein Aktionsausschuss gebildet. Kommissionen zur geordneten Bewaffnung der Arbeiter, zum Ernährungswesen, zur Lebensmittelverteilung, für Wohnungswesen, Gerichtswesen und für die Presse wurden gebildet. In der Sitzung am 25. Februar fasst Landauer die Lage treffend zusammen: „Denn darüber dürfen wir uns keinem Zweifel hingeben, wir sind zumal seit Freitag, dem 21., in der zweiten Revolution.“ Diese Phase ist deutlich radikaler als die bisherigen Ereignisse. Nicht nur im Rätekongress ist die Stimmung hitzig, auch in ganz München kommt es ständig zu Demonstrationen und Versammlungen, mit denen die Räterepublik gefordert wird. Ihnen stehen repressiv vorgehende Republikanische Schutztruppen gegenüber. Auf Anordnung des Stadtkommandanten Dürr durchsuchen sie am Morgen des zweiten Kongresstages vor dem Landtagsgebäude die Delegierten nach Waffen und verwehren Zuschauern aus Sicherheitsgründen den Eintritt. Der Rätekongress wehrt sich gegen dieses Vorgehen und erwirkt, dass die Zuschauertribüne wieder geöffnet wird. Waffen müssen an der Garderobe abgegeben werden, wo Soldaten der Landtagswache sie bewachen.

Die Garderobe des Landtags während der Kongresstage

Nach diesen anfänglichen Unruhen gehen die Beratschlagungen über die künftige Regierungsform weiter. Ernst Toller positioniert sich deutlich gegen den Landtag:

Dieser Landtag stob auseinander in dem Augenblick, wo Minister erschossen und schwerverwundet wurden [...]. Dieser Landtag hatte nicht mehr den Mut, den Willen, das Verantwortlichkeitsgefühl, die Geschicke des Volkes in die Hand zu nehmen in einem Augenblick, in dem es am dringendsten nötig war. Ich sage Ihnen, Sie mögen sich zum Landtag stellen wie Sie wollen, für mich hat der Landtag überhaupt keinen Sinn mehr. [...] Gerade weil wir das bayerische Volk nicht chaotischen Zuständen entgegenführen wollen, müssen wir, die Räte, die Beauftragten der körperlichen und geistigen Arbeiter, die Geschicke des Volkes in die Hand nehmen.

Er versucht, wie vorher schon Erich Mühsam, den Gedanken des Rätesystems verständlich zu machen:

Im Gegensatze zum Parlament, bei dem die Arbeit des Volkes darin besteht, dass es seine Stimme abgibt, wird das Volk endlich der Auftraggeber. Die Beauftragten beraten die Gesetzte, führen sie durch und lernen bei ihrer Durchführung, sie leisten sowohl legislative wie exekutive Arbeit. Das ganze Rätesystem ist im Grunde genommen das mittelalterliche Dorfgemeindesystem, auf den Staat übertragen. [...]

Toller plädiert weiter dafür, dass das Rätesystem keine Übergangslösung sein könne, sondern es zu einer grundlegenden Entscheidung dafür kommen müsse:

Wenn eine Idee, das Volk, ja nur einen Menschen beherrscht, kann man diese Idee nicht mehr unterdrücken und genau so, beherrscht die Räteidee jetzt das bayerische Volk und Sie können tun, was sie wollen, diese Idee werden wir nie mehr töten.

Ähnlich wie bei Toller wird in den Reden vieler Delegierter deutlich, dass man den gerade tagenden Rätekongress als souveräne Regierungsgewalt für Bayern ansieht. Am 28. Februar wird dann ein Kompromissantrag verhandelt, der vorschlägt, dass der Landtag fürs erste nicht zusammentreten soll und an die Stelle des gerade tagenden Gesamtkongresses ein Nationalrat treten soll. Dieser aus maximal 250 Personen bestehende Nationalrat soll einen kleineren Aktionsausschuss aus Mitgliedern der Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte und den Parteien SPD und USPD wählen, der wiederum einen siebenköpfigen Zentralrat wählt. Alle diese Institutionen hätten sich untereinander zu verantworten und könnten jederzeit abberufen werden. Es soll eine Verfassung ausgearbeitet werden, die dem gesamten Volk zur Entscheidung vorgelegt werden soll.

An diesem Punkt wird die Sitzung jedoch jäh unterbrochen. Ein Trupp von Soldaten der Republikanischen Schutztruppe stürmt den Saal und verhaftet Erich Mühsam, Max Levien, den Vertreter der Arbeitslosen, sowie den kommunistischen Vertreter der demobilisierten Soldaten.

Verhaftung Erich Mühsams bei der Kongresssitzung am 28. Februar 1919

Daraufhin setzt ein solches Durcheinander ein, dass weitere geplante Verhaftungen nicht mehr vorgenommen werden können. Nach kurzer Zeit können die loyalen Landtagswachen die Verhafteten wieder befreien. Als die Sitzung fortgesetzt werden kann, stellt Mühsam den Antrag, Bayern umgehend zur sozialistischen Räterepublik zu erklären:

Wir wissen, dass in München ständig Versammlungen stattfinden, dass diese Arbeitermassen nicht von uns einberufen sind, sondern ganz aus eigenem Antriebe zusammenkommen. Die Forderung der Leute ist immer die gleiche: „Ausrufung der Räterepublik“.

Der Antrag wird mit 234 gegen 70 Stimmen abgelehnt. Selbst Anhänger des Rätegedankens, wie etwa Gustav Landauer, stimmen dagegen, weil sie den Zeitpunkt für verfrüht halten. Auch über den Kompromissantrag, der vor der Störung durch die Schutztruppen vorgestellt wurde, wird abgestimmt. Dieser wird angenommen. Als Reaktion darauf erklären einige Kommunisten um Levien ihren Austritt. An den folgenden Sitzungstagen wird über die Aufgaben und die Zusammensetzung des durch die Abstimmung abgesegneten Aktionsausschusses verhandelt. Die neue Regierungsform ist ein Kompromiss zwischen Räterepublik und Parlamentarismus. Wieder ist jedoch die Funktion der Räte nur unzureichend verankert, wie Landauer und Mühsam finden. Obwohl der Rätekongress für den Moment die einzige souveräne Regierungsgewalt darstellt, gelingt ihm kein klares Vorgehen. In den Sitzungen der ersten Märzwoche gibt es weitere Debatten über den Kompromiss. Die Verhandlungen zwischen den Vertretern des Parlamentarismus und den Räten gestalten sich zunehmend schwierig. Am 7. März wird noch einmal an der Zusammensetzung des Aktionsausschusses gearbeitet, auch Ernst Toller und Max Levien werden hier jetzt zu Mitgliedern gewählt. Am gleichen Tag kommt auch die USPD zusammen und Toller gewinnt die Wahl zu Eisners Nachfolger in der Position des Vorsitzenden.

Der letzte Tag des Gesamträtekongresses am 8. März ist für Landauer, Mühsam und Toller frustrierend. Im Vorschlag für die Abstimmung ist die Funktion der Räte auf eine rein beratende Rolle reduziert. Sowohl Landauer und Mühsam, wie auch Toller arbeiten mit Anträgen dagegen. Sie fordern, dass die Regierung auf Basis des aktuellen Rätekongresses erhalten bleiben soll. In Mühsams Wortbeitrag heißt es:

Genossen! [...] Es steht hier einfach zur Frage: Wollen wir die Macht, die wir jetzt in den Händen haben, wieder aus den Händen geben, wollen wir verzichten zugunsten dessen, was wir abschafften, wollen wir das wieder einsetzen, was uns in das Unglück des Krieges führte, oder wollen wir etwas Neues fest stabilisieren, wollen wir uns endlich einmal aus dem Status der Provisorien heraus retten und etwas Definitives, und zwar Vorbildliches schaffen?

Auch Toller erklärt, dass die USPD nicht hinter dem in der Abstimmung gewählten Kompromiss stehe. Dennoch geht es nun gleich an die Bildung eines neuen Ministeriums, dessen Ministerpräsident Johannes Hoffmann von der SPD wird. Der Kongress der Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte schließt mit Tollers fast schon resignierendem Appell:

[I]ch sehe mich gezwungen, Ihnen vorzuwerfen, dass Sie aus einem Mangel an Einsicht in die bestehenden politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse, aus einem Mangel an Mut [...] die Möglichkeit geben, in Zustände zu kommen, die wir alle aus tiefer Seele verabscheuen. [...] Sie wissen nicht was Sie tun. An euch alle, revolutionäre Sozialisten, richte ich die Mahnung: Tretet in Opposition! Haltet euch in Bereitschaft und wartet den Augenblick ab, wo wir zur dritten endgültigen Revolution des Sozialismus der Gesinnung, die Sie noch nicht besitzen, schreiten können!

Ernst Tollers Schlussworte beim Kongress der Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte am 8. März 1919

 

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-> Weiter geht es am 7. April mit „Dichtung ist Revolution“ Folge 8

 

Quellen der Zitate:

Stenographischer Bericht über die Verhandlungen des Kongresses der Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte vom 25. Februar bis 8. März 1919 in München. URL: http://daten.digitale-sammlungen.de/~db/0000/bsb00009689/images/, (06.03.2019).



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