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20.02.2019, 19:05 Uhr
Monacensia
Dichtung ist Revolution
Ein bebilderter Blog von Laura Mokrohs und Barbara Yelin. Redaktion: Sylvia Schütz / Monacensia im Hildebrandhaus

Dichtung ist Revolution (6): Ermordung und Beerdigung Kurt Eisners

Im November 1918 wird die Wittelsbacher Monarchie gestürzt, der Schriftsteller und Revolutionär Kurt Eisner ruft in München den „Freistaat Bayern“ aus. Zum 100. Jubiläum von Revolution und Rätezeit zeigt die Monacensia im Hildebrandhaus die Ausstellung „Dichtung ist Revolution“. Kuratorin Laura Mokrohs und Zeichnerin Barbara Yelin erzählen begleitend in zehn Episoden in Text und Bild von den Überzeugungen, Ideen und Taten der revolutionären Schriftsteller Kurt Eisner, Gustav Landauer, Erich Mühsam und Ernst Toller.

 

Am 20. Februar 1919 sitzt Kurt Eisner alleine an einem der runden Marmortische im Café Perzel am Marienplatz, wo er seit Jahren zu den Stammgästen zählt. Er trägt sich mit einer schweren Entscheidung. Am nächsten Tag will er vor der bayerischen Nationalversammlung im Landtag seinen Rücktritt erklären und nun arbeitet er an seiner Rede zu diesem Anlass.

 Kurt Eisner bei der Arbeit an seiner Rücktrittsrede im Café Perzel am 20. Februar 1919

Im November 1918 hatte er sich dem neu ausgerufenen Freistaat Bayern als provisorischer Ministerpräsident zur Verfügung gestellt – voller Hoffnung auf den Wandel der Gesellschaft hin zu einem menschlichen und gerechten Zusammenleben. Doch nach der mehr als deutlichen Niederlage bei den ersten Landtagswahlen im Januar 1919 muss er enttäuscht einsehen: Bayern ist noch nicht so weit. Klar ist für ihn als Verfechter des demokratischen Systems, dass er daraus Konsequenzen ziehen muss. Ohne die Legitimation durch die Wahlen kann und will er nicht weiter regieren. Mit dem Verfassen der Rücktrittserklärung zieht er Bilanz über seine hundert Tage als Ministerpräsident: Gelungen war seiner Regierung die Lösung von drängenden Problemen, aber auch die Umsetzung einiger langjähriger Ziele der Sozialdemokratie, wie die Einführung des Achtstundentages oder die Aufhebung der kirchlichen Schulaufsicht. Auch ein Entwurf für eine neue Verfassung war erarbeitet. Als nicht erreicht verbucht Eisner seine Ziele in der Außenpolitik und in der Frage nach der zukünftigen Verankerung der Räte in der Demokratie.

Am 21. Februar macht Eisner sich um kurz vor zehn Uhr vormittags mit der Rücktrittserklärung in der Tasche auf den Weg vom Palais Montgelas zum Landtag. Obwohl Vertraute ihm wegen der aufgeheizten Stimmung in der Stadt zu einem Schleichweg geraten hatten, wählt er den gewohnten Weg durch die Prannerstraße. Sein Sekretär Felix Fechenbach erinnert sich:

Für alle Fälle waren die Zugangsstraßen zum Landtag militärisch abgesperrt worden. Wir gingen zu dreien, rechts der Leiter des Bureaus des Ministerpräsidenten [Benno Merkle], in der Mitte Eisner und ich zu seiner Linken. Wir waren eifrig im Gespräch über die weitere politische Entwicklung. Plötzlich krachen hinter und schnell nacheinander zwei Schüsse, Eisner schwankt einen Augenblick, er will etwas sprechen, aber die Zunge versagt ihm. Dann bricht er lautlos zusammen. Das alles geschah im Bruchteil einer Sekunde.

Der Mörder, Anton Graf von Arco auf Valley, hatte sich in einem Hauseingang versteckt, geht Eisner nach und gibt zwei Schüsse auf ihn ab. Er trifft in Rücken und Kopf und Eisner stirbt sofort.

Kurt Eisner wird am 21. Februar 1919 von den Schüssen des Attentäters Anton Graf von Arco auf Valley getroffen

Der Mörder wird daraufhin von Eisners Leibwächtern niedergeschossen und muss wegen seiner Verletzungen operiert werden und überlebt. Auch er trägt ein Schriftstück bei sich – am Tag vor der Tat hatte er seine Motive niedergeschrieben:

Eisner strebt nach der Anarchie, er ist Bolschewist, er ist Jude, er fühlt nicht deutsch, er untergräbt jedes deutsche Gefühl, er ist ein Landesverräter. [...] Ich hasse den Bolschewismus, ich liebe mein Bayernvolk, ich bin ein treuer Monarchist und guter Katholik. Über alles achte ich die Ehre Bayerns.

Anton Graf von Arco auf Valley kommt aus dem Umfeld der antisemitischen Thule-Gesellschaft, war aus dieser jedoch wegen der jüdischen Herkunft seiner Mutter ausgeschlossen worden. Offenbar will er mit der Tat seine Gesinnung beweisen. Mit seinem Motiv, Eisner aus Hass auf Bolschewismus und Judentum zu erschießen, vertritt er keine singuläre Meinung, sondern greift Positionen auf, die in der Hetze gegen Eisner schon ab November 1918 verbreitet sind.

Unmittelbar nach der Ermordung geht jedoch ein Ruck durch München und die Sympathien der Bevölkerung wenden sich wieder Eisner zu, Erich Mühsam wird später schreiben, dass Eisner so „zum Symbol der bayerischen Revolution“ wurde. Oskar Maria Graf beschreibt die Stimmung in der Stadt in den Stunden direkt nach der Tat:

Es war klarkalt. [...] Die Glocken von allen Türmen fingen zu läuten an, die Trambahnen hörten mit einem Mal zu fahren auf, da und dort stieß jemand eine rote Fahne mit Trauerflor zum Fenster heraus, und eine schwere, ungewisse Stille brach an. Alle Menschen liefen mit verstörten Gesichtern stadteinwärts. Je weiter ich kam, desto aufgeregter wurde die dumpfe Hast. Vor dem Landtag ballte sich ein schwarzer Menschenknäuel, Soldaten und bewaffnete Zivilisten waren darunter. Ich stürmte weiter in die Promenadestraße, an den Mordplatz. Da hatten sich Hunderte schweigend um die mit Sägespänen bedeckten Blutspuren Eisners zu einem Kreis gestaut. Fast niemand sagte ein lautes Wort. Frauen weinten leis und auch Männer. Etliche Soldaten traten in die Mitte und errichteten eine Gewehrpyramide. Dem einen rannen dicke Tränen über die braunen Backen herunter. „Unser Eisner! Unser einziger Eisner!“ klagte eine Frau laut auf, und jetzt wurde das Weinen vernehmbarer. Viele legten Blumen auf den Platz, immer mehr und immer mehr.

Die Tat führt zu einer politischen Radikalisierung in der Bevölkerung. Im Trauerzug zu Eisners Beerdigung am 26. Februar 1919 sind zum letzten Mal alle revolutionären Strömungen vereint. Mehr als 100 000 Menschen ziehen von der Theresienwiese zum Ostfriedhof, um ihrem Ministerpräsidenten das letzte Geleit zu geben.

Trauerzug zu Eisners Beerdigung am 26. Februar 1919

Der Tag des Mordes, der 21. Februar 1919, ist auch der erste Todestag von Gustav Landauers Frau Hedwig Lachmann. Deshalb ist Landauer in Kulmbach bei seinen Kindern, macht sich aber schnellstmöglich auf den Rückweg nach München.

Bei der Trauerfeier am Ostfriedhof hält er –  neben Hans Unterleitner und Hugo Haase von der USPD und Max Levien von der KPD –  eine Trauerrede für seinen Freund und politischen Gefährten. Er zitiert dabei erstaunlicherweise mehr den Dichter Eisner als den Politiker. Anhand von Versen, die Eisner in seiner Jugend gedichtet hat, zeigt er dessen Nachdenken über die Menschheit:

Das ist der Jammer dieser Welt,
Dass all die Dummheit der Millionen
Den wenigen, deren Geist erhellt,
Den Weisen wird zu Dornenkronen;
Dass sich der Massen Unverstand
Frech an des Genius Schwingen heftet,
Ihr zerrt aus seinem hohen Land,
Bis er zu Boden sinkt entkräftet.

Landauer betont auch die große Bereitschaft Eisners, sich für die Verwirklichung seiner Ziele – mit dem Wissen um die Gefahr, in die er sich begab – einzusetzen: Kurt Eisner, der Jude, war ein Prophet, der unbarmherzig mit den kleinmütigen, erbärmlichen Menschen gerungen hat, weil er die Menschheit liebte und an sie glaubte und sie wollte. Er war ein Prophet, weil er mit den Armen und Getretenen fühlte und die Möglichkeit, die Notwendigkeit, schaute der Not und Knechtung ein Ende zu machen. Er war ein Prophet, weil er ein Erkennender war, dieser Dichter, der zugleich von der Schönheit, die kommen sollte, träumte und den harten, bösen Tatsachen unerschrocken ins Gesicht sah.

Im März gibt es im großen Saal des Konzerthaus Odeon eine weitere Trauerfeier für Kurt Eisner. Hier hält Heinrich Mann eine Rede und bringt noch einmal deutlich die Leistungen Eisners zur Sprache.

Heinrich Manns Gedenkrede für Kurt Eisner bei einer Trauerfeier im März 1919

Er betont besonders seinen Einsatz für Kultur und Bildung: Die hundert Tage der Regierung Eisners haben mehr Ideen, mehr Freuden der Vernunft, mehr Belebung der Geister gebracht, als die fünfzig Jahre vorher. Sein Glaube an die Kraft des Gedankens, sich in Wirklichkeit zu verwandeln, ergriff selbst Ungläubige.

In den Tagen nach der Beerdigung verschärfen sich die Spannungen zwischen radikalen und gemäßigten Linken. Direkt nach der Ermordung verhängt der Revolutionäre Arbeiterrat den Belagerungszustand, ruft den Generalstreik aus, bemüht sich um die Bewaffnung der Arbeiter und stellt die Presse unter Zensur. Die Macht liegt nun beim Zentralrat. Vom 25. Februar bis zum 8. März tagt der Rätekongress, bei dem die Radikalen aber keine Einigung mit den unabhängigen und sozialdemokratischen Kräften finden können. Währenddessen formieren sich die Revolutionsgegner in München. Entgegen Mühsams Hoffnung entscheidet der Rätekongress sich nicht für die Ausrufung der Räterepublik – die Macht liegt nun wieder beim Landtag, der eine sozialdemokratische Regierung unter Johannes Hoffmann von der Mehrheitssozialdemokratie bildet.

 

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-> Weiter geht es am 8. März mit „Dichtung ist Revolution“ Folge 7

 

Quellen der Zitate:

Felix Fechenbach: Der Revolutionär Kurt Eisner. Aus persönlichen Erlebnissen. Berlin 1929, S. 62.

Motiv von Anton Graf von Arco auf Valley. Staatsarchiv München. StAnw. München I, Nr. 2295.

Oskar Maria Graf: Wir sind Gefangene. Ein Bekenntnis aus diesem Jahrzehnt. Werkausgabe. Bd. 1. Hg. v. Wilfried Schoeller. München 1994, S. 399.

Gustav Landauer: Gedächtnisrede auf Kurt Eisner. Gehalten am 26.2.1919 bei der Totenfeier im Münchner Ostfriedhof. In: Ausgewählte Schriften. Band 4, 2011, S. 302–308, hier S. 306.

Ebd.

Heinrich Mann: Kurt Eisner (Gedenkrede, gehalten am 16.3.1919). In: Ders. Macht und Mensch. München 1919, S. 107f.


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