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07.11.2018, 13:52 Uhr
Monacensia
Dichtung ist Revolution
Ein bebilderter Blog von Laura Mokrohs und Barbara Yelin. Redaktion: Sylvia Schütz / Monacensia im Hildebrandhaus

Dichtung ist Revolution (1): Revolutionäre Schriftsteller für Demokratie und Menschlichkeit

Im November 1918 wird die Wittelsbacher Monarchie gestürzt, der Schriftsteller und Revolutionär Kurt Eisner ruft in München den „Freistaat Bayern“ aus. Zum 100. Jubiläum von Revolution und Rätezeit zeigt die Monacensia im Hildebrandhaus die Ausstellung „Dichtung ist Revolution“. Kuratorin Laura Mokrohs und Zeichnerin Barbara Yelin erzählen begleitend in zehn Episoden in Text und Bild von den Überzeugungen, Ideen und Taten der revolutionären Schriftsteller Kurt Eisner, Gustav Landauer, Erich Mühsam und Ernst Toller.

 

Im November 1918 ist der pazifistische Schriftsteller Kurt Eisner überzeugt, dass die kriegsmüde Bevölkerung Münchens bereit ist für die Revolution. Am 7. November ruft er zusammen mit den unabhängigen Sozialdemokraten zu einer Friedenskundgebung auf der Theresienwiese auf. Tausende Münchnerinnen und Münchner, viele Soldaten und Matrosen strömen dorthin. An verschiedenen Stellen sprechen gleichzeitig Kurt Eisner und der Bauernführer Ludwig Gandorfer, sowie der gemäßigte SPD-Politiker Erhard Auer und andere.

 

 

Oskar Maria Graf beschreibt die Stimmung auf der überfüllten Theresienwiese:

Je näher wir der Wiese kamen, desto mehr Menschen wurden es. Alle hatten es eilig. Vor der Bavaria waren dichte Massen und wuchsen von Minute zu Minute. Auf den Hängen und von den Treppen der Denkmäler herab redeten Männer. Da und dort sah man eine rote Fahne aufragen. „Hoch!“ schrie es, dann wieder „Nieder!“. [...] Wir fanden endlich Eisner, der weither von einem Seitenhang herunterschrie... Wenn er einen Augenblick Atem holte, klangen die Stimmen der anderen Redner auf. Immer mehr und immer mehr Leute kamen. Unabsehbar war die Schar der Zusammengeströmten, wie ein Ameisenhaufen schwarz und bewegt.

Anschließend zieht eine Demonstration um Kurt Eisner auf das Signal seines Mittstreiters Felix Fechenbachs zu den Kasernen in der Innenstadt: „Soldaten! Auf in die Kasernen! Befreien wir unsere Kameraden! Es lebe die Revolution!“ Die kriegsmüden Soldaten verlassen die Kasernen und schließen sich an. Den Militärbehörden fehlen so alle einsatzfähigen Kräfte und bis zum Abend werden alle wichtigen Einrichtungen und Ministerien von den Revolutionären übernommen. Zehntausende sind nun auf dem Weg zum Mathäserbräu, wo die neu entstandenen revolutionären Arbeiter- und Soldatenräte tagen und Kurt Eisner zum Vorsitzenden machen.

 

 

Noch in der Nacht flieht die königliche Familie aus der Stadt. Die Räte wählen Kurt Eisner zum Ministerpräsidenten der neuen Republik Bayern. Am nächsten Morgen ist in den Münchener Neuesten Nachrichten seine Proklamation zu lesen:

Bayern ist fortan ein Freistaat.
Eine Volksregierung, die von dem Vertrauen der Massen getragen wird, soll unverzüglich eingesetzt werden. [...]
In dieser Zeit des sinnlos wilden Mordens verabscheuen wir alles Blutvergießen. Jedes Menschenleben soll heilig sein.
Bewahrt die Ruhe und wirkt mit an dem Aufbau der neuen Welt! [...]

Es lebe die bayerische Republik!
Es lebe der Frieden!
Es lebe die schaffende Arbeit aller Werktätigen!

 

 

Überall in der Stadt finden die Menschen auch rote Flugblätter und Aushänge, auf denen die Republik verkündet wird. Die fast 800-jährige der Herrschaft der Wittelsbacher wurde nahezu ohne Gewalt beendet. In seiner ersten Rede vor dem Provisorischen Nationalrat am 8. November betont Eisner das Ende der Kriegsgreuel und seine Zuversicht für das künftige friedliche und demokratische Zusammenleben:

[I]ch bin der festen Überzeugung, dass aus diesem Meere von Blut und aus dieser Zerrüttung aller Verhältnisse dennoch eine neue Welt, eine hellere, reichere und freiere Welt entstehen wird, und die politischen Umwälzungen, die wir hier erlebt haben und die wir verteidigen werden [...] ist ein Vorklang jener sozialen Umgestaltung, die nach dem Frieden die heiligste und unaufschiebbare Angelegenheit internationaler Arbeit sein wird.

Ähnliche Worte legt er auch schon seinem Helden im Theaterstück Die Götterprüfung in den Mund:

[...] Glied der Menschheit
Wird nur das Volk, wo jeder König, jeder
Bewußter Führer ist, und nach des Geistes
Still reifendem Gesetz der Freiheit Kraft
Das Schicksal fügt; [...]
Zu unerreichbar fernen Höh’n, die Herzen
Wie rote Fackeln tragend und erleuchtend
Den dunklen Wolkenpfad geheimster Götter.

Das Stück verfasst er im Gefängnis, nachdem er wegen des Streiks der Munitionsarbeiter im Januar 1918, zu dem auch er aufgerufen hatte, verhaftet wurde. Aus der Haft wird er erst am 14. Oktober 1918 als Wahlkandidat der USPD wieder entlassen. Von da ab wirbt er für die Revolution.

 

Auch der Dichter und Anarchist Erich Mühsam setzt sich schon lange für Frieden und soziale Gerechtigkeit ein. Am 3. November spricht er neben Max Weber und Oskar Maria Graf im überfüllten Hotel Wagner zur Menge. In einer Luft aus „Bier und Rauch und Volk“ wächst die revolutionäre Stimmung. Augenzeugen erinnern sich, dass seine Rede, die sich vornehmlich an die Frauen richtet, eine so mitreißende Wirkung hatte, dass sogar der stille Schriftsteller Rainer Maria Rilke daraufhin zum Volk sprechen will. Die Bereitschaft zur Tat wächst:

Was die Versammlung hinriss, war das Gefühl der ungeheuren Empörung, das ihm mit den Worten zugleich über die Lippen sprang. Die Revolution war schon da, während Mühsam sprach.

Von morgens bis abends ist Mühsam nun für die Revolution auf den Straßen unterwegs. Beflügelt von der Hoffnung auf Verwirklichung seiner politischen Ziele hält er unzählige Reden. Auch am 7. November eilt er gemeinsam mit seiner Frau Zenzl auf die Theresienwiese und zieht dann zu den Kasernen, um die Soldaten zur Niederlegung der Waffen aufzurufen.

 

 

Zenzl Mühsam beschreibt die Ereignisse in einem Brief an den befreundeten dänischen Dichter Martin Andersen Nexö und berichtet, wie sie an die Türkenkaserne gerade im rechten Moment kommen, um an der Kaseren Kampfhandlungen zwischen revolutionären und noch zögernden Soldaten zu verhindern:

Wir kamen gerade in diesem kritischen Moment, ich sprang auf das Verdeck des Autos, nahm die rote Fahne und schrie Hoch der Friede und die Revolution, die Soldaten kamen zurück, [...] und dann zogen wir Mühsam rauf, der eine wundervolle Rede an die Soldaten richtete, da stürmten die Soldaten aus der Kaserne, zerschlugen ihre Gewehre auf dem Pflaster, und mit Hurra verließen diejenigen die Kaserne, die ausbrechen konnten, es waren nämlich alle Soldaten in den Kasernen eingesperrt.
[...] Das war die Nacht, die uns zu Republikanern machte. [...] unsere Soldaten sind durch all das Elend Menschen geworden, und der Militarismus wurde von uns selbst getötet.

Die Zeilen seiner Frau zeigen, dass mit der Revolution Mühsams jahrelang – auch in seinen Gedichten – geführter Kampf gegen den Militarismus in Erfüllung zu gehen scheint:

[...]
Ruft auf die Welt zum besten Mut,
zur Liebe ruft sie, zum Versöhnen!
Schwört aller Menschheit euern Eid,
der Menschheit, die ihr stets gemieden, -
mit ihr zu sein in Not und Leid!
Nicht Sternenwandler, - Menschen seid!
Und eure Lieder singt dem Frieden!

 

 

 

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-> Weiter geht es am 15. November mit „Dichtung ist Revolution“ Folge 2

 

Quellen der Zitate:

Oskar Maria Graf: Wir sind Gefangene. Ein Bekenntnis aus diesem Jahrzehnt. Werkausgabe. Bd. 1. Hg. v. Wilfried Schoeller. München 1994, S. 393.

Felix Fechenbach: Der Revolutionär Kurt Eisner. Berlin 1929, S. 40.

Kurt Eisner: An die Bevölkerung Münchens. In: Münchner Neueste Nachrichten, 8. November 1918.

Kurt Eisner: Rede vor dem provisorischen Nationalrat am 8. November 1918: In: Ders.: Die Neue Zeit. München 1919, S. 16.

Kurt Eisner: Die Götterprüfung. Eine weltpolitische Posse in fünf Akten und einer Zwischenaktspantomime. Berlin 1920, S. 150.

Friedrich Burschell. In: Die neue Weltbühne, 1935.

Zenzl Mühsam an Martin Andersen Nexö, 25. November 1918. In: Zenzl Mühsam. Eine Auswahl aus ihren Briefen. Hg. v. Uschi Otten und Chris Hirte (Schriften der Erich-Mühsam-Gesellschaft, Heft 9). Lübeck 1995, S. 9.

Erich Mühsam: An die Dichter, 1916. In: Erich Mühsam. Ausgewählte Werke. Bd. 1, 1978, S. 311.


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