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18.12.2018, 06:03 Uhr
Monacensia
Dichtung ist Revolution
Ein bebilderter Blog von Laura Mokrohs und Barbara Yelin. Redaktion: Sylvia Schütz / Monacensia im Hildebrandhaus

Dichtung ist Revolution (4): Die Sitzungen des provisorischen Nationalrates

Im November 1918 wird die Wittelsbacher Monarchie gestürzt, der Schriftsteller und Revolutionär Kurt Eisner ruft in München den „Freistaat Bayern“ aus. Zum 100. Jubiläum von Revolution und Rätezeit zeigt die Monacensia im Hildebrandhaus die Ausstellung „Dichtung ist Revolution“. Kuratorin Laura Mokrohs und Zeichnerin Barbara Yelin erzählen begleitend in zehn Episoden in Text und Bild von den Überzeugungen, Ideen und Taten der revolutionären Schriftsteller Kurt Eisner, Gustav Landauer, Erich Mühsam und Ernst Toller.

 

Am 18. Dezember 1918 kommt, wie an vielen vorangegangenen Tagen auch, der „Provisorische Nationalrat des Volksstaates Bayern“ im Landtagsgebäude an der Prannerstraße zusammen. Als beratendes Gremium steht der Nationalrat jetzt anstelle des bisherigen Parlaments an der Seite des provisorischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner. Bis zu den Wahlen sollen so die Interessen des Volkes in die Regierung eingebracht werden. Neben Mitgliedern der Arbeiter- und Soldatenräte sind Landtagsabgeordnete der Sozialdemokratie, Liberale und Vertreter des Bauernbundes im Rat. Bei der Sitzung am 18. Dezember 1918 sind unter anderem Kurt Eisner und Gustav Landauer anwesend.

Kurt Eisner, Gustav Landauer und andere Mitglieder des Provisorischen
Nationalrats auf dem Weg zum Landtagsgebäude

Der Versammlung kommt allerdings nur eine beratende Funktion zu, ihr politischer Einfluss ist begrenzt. Dennoch betont Eisner, wie wichtig ihm der Rätegedanke, die Beteiligung aller Menschen an der Demokratie ist. Die erste Sitzung des „Provisorischen Nationalrats“ fand bereits am 8. November statt und wurde von Kurt Eisner als dem Vorsitzenden des Arbeiter- und Soldatenrates eröffnet. In seiner Rede vertritt er die Überzeugung, dass eine Änderung der Gesellschaft nur durch Bildung und den Zugang zur Kultur für alle Menschen möglich ist. Er betont seine Hoffnung für die Zukunft:

Wir gehen dunklen Tagen entgegen, vielleicht den furchtbarsten Tagen, die seit Jahrhunderten uns beschieden gewesen sind. Aber ich bin der festen Überzeugung, daß aus diesem Meere von Blut und aus dieser Zerrüttung aller Verhältnisse dennoch eine neue Welt, eine hellere, reichere und freiere Welt entstehen wird, und die politische Umwälzung, die wir hier erlebt haben und die wir verteidigen werden [...], ist ein Vorklang jener sozialen Umgestaltung, die nach dem Frieden die heiligste und unaufschiebbarste Angelegenheit internationaler Pflicht sein wird.

Auch bei der Revolutionsfeier, die er am 17. November 1918 im Nationaltheater veranstaltete, bringt er seine Hoffnung auf eine „neue Welt“ und die Bedeutung von Kunst und Kultur für den Prozess der Erziehung zur Demokratie zum Ausdruck. Zur Feier waren Menschen aus allen Bevölkerungsschichten geladen worden. Die Atmosphäre im Nationaltheater war ganz anders, als man es bisher gewöhnt war: Keine festliche Auffahrt, keine rauschenden Toiletten, keine blinkenden Ordenssterne und Diademe. Die Karten waren durch das Los verteilt worden [...]. Die Minister saßen nicht wie sonst beieinander, sondern das Los hatte sie im Hause verteilt. [...] An Stelle der Orden und Diademe vergangener Festaufführungen sah man diesmal als einzige Auszeichnung rote Armbinden und rote Schleifen.

Revolutionsfeier im Nationaltheater am 17. November 1918

Die Feier begann mit der Aufführung  von Beethovens Leonoren-Ouvertüre. Auf den Flugblättern zur Feier findet sich der von Eisner eigens zu diesem Anlass verfasste Liedtext Gesang der Völker. Es ist bezeichnend, dass es ihn in der Phase des Umsturzes dazu drängt, seine Gefühle literarisch zu fassen. Mitten in diesen bewegten Tagen hat er kaum eine freie Minute und schreibt dennoch den Text nieder:

[...]

Die Zeiten entgleiten.
Die Erde erbebte.
Es krallte das Alte
Ins Herz junger Zeit.
Da mußten die Bleichen
Den Schreitenden weichen.
Du Volk wurdest erweckt.
Der Tod war besiegt.

Wir schwören zu hören
Den Rufern der Freiheit.
Wir schirmen in Stürmen
Die heiligen Höhn.
Die Menschheit gesunde
In schaffendem Bunde,
Das neue Reich entsteht.
Oh Welt werde froh!
Welt werde froh!

Die friedliche Aufbruchsstimmung entspricht jedoch schnell nicht mehr der tatsächlichen Lage in der Bevölkerung: Mit dem Rätegedanken und seinem Bekenntnis zur deutschen Kriegsschuld macht Eisner sich Feinde in bürgerlich-konservativen Kreisen und der SPD. In der Presse wird vielfach gegen Eisner vorgegangen. Dennoch hält er an seinem Grundsatz der Pressefreiheit fest, wie er auch in seiner Rede vor dem „Provisorischen Nationalrat“ deutlich macht:

Aber es ist nicht so leicht, den neuen Geist, von dem man redet, auch innerlich zu betätigen, (Zwischenruf: sehr gut!) [...] Die Ausführungen des Herrn Vorredners beweisen die Macht der Presse. Er hat nichts an kritischen Bedenken gegen meine Tätigkeit vorgebracht, was ich nicht vorher in der Presse gelesen hätte. [...] Gestatten Sie mir auch heute zu sagen, dass ich nicht den geringsten Anlass habe, diesem gedruckten Worte eine übermäßige Achtung zu widmen, [...]. Wer viereinhalb Jahre lang als einsamer Kämpfer gegen die Macht der Lüge, gegen den Terror der Lüge kämpfte, (sehr richtig!) der war nur erstaunt, dass dieselbe Presse, die schimpflich versagte in den schwersten Jahren des deutschen Volkes, heute noch den Mut hat sich als Erzieher des Volkes aufzuspielen. (Lebhaftes Bravo und Händeklatschen)

Kurt Eisners Rede in der Sitzung des Provisorischen Nationalrats am
18. Dezember 1918

Besonders vor dem Hintergrund der für Januar geplanten Wahlen warnen ihn Revolutionäre wie Erich Mühsam vor der Pressehetze. Zweifel daran, wie schnell der demokratische Gedanke sich unter den Menschen verbreiten lasse, werden laut. Etwa in der Rede Landauers vom 18. Dezember heißt es:

[...] sollte es aber so kommen, dass die kommende Nationalversammlung z.B. oder der Landtag in Bayern eine Mehrheit des alten, des gar nicht mehr Seienden präsentiert, so ist das bloß ein Zeichen, dass der Weg der Revolution schwieriger und länger sein wird. [...] das Weichende, das Schwankende, das liegt in all denen, soweit sie ehrlich sind, die von der Revolution noch nicht ganz und recht berührt sind; und die Hoffnung ist, ich sage das frei heraus, dass auch unter denen, [...], wenn sie unter die Einwirkung von Revolutionären kommen, gar manche innerlich erweicht, innerlich zart werden, dass sie dem Neuen, dem uralt Echten, Gerechten und Freiheitlichen zugänglich werden. Das wollen wir hoffen, um des Friedens willen, [...].

Im Anschluss an Landauers Rede spricht als eine der wenigen weiblichen Rednerinnen im „Provisorischen Nationalrat“ die Frauenrechtlerin und promovierte Staatswissenschaftlerin Rosa Kempf. Sie ist als Vertreterin des Hauptverbandes der bayerischen Frauenvereine an der Sitzung beteiligt und befasst sich ebenfalls mit der Frage der politischen Erziehung.

Vorläufig stehen wir noch nicht in dieser neuen Zeit, besonders nicht was die Frauen angeht. Wenn wir in diesem Saal uns umsehen, dann werden Sie vergeblich die gleichberechtigte Beteiligung der Frau suchen. Wo hat der Bauernrat seine Bäuerinnen? [...] Da liegt die ganze politische Arbeit der staatsbürgerlichen Erziehung der Frau noch unausgeführt vor uns. [...] Wo hat die Arbeiterschaft ihre Arbeiterinnen? Im Kriege standen die Arbeiterinnen in der Fabrik und in allen anderen Betrieben. Hier sehen wir zwei, höchstens drei Frauen. Wir sogenannten bürgerlichen Frauen sind noch am stärksten vertreten. Ich wundere mich über diese Erscheinung und konstatiere sie hier ausdrücklich, weil damit gezeigt werden soll, wieviel auf dieser Seite noch zu arbeiten ist.

Rosa Kempf in der Sitzung des Provisorischen Nationalrats am 18.
Dezember 1918

Rosa Kempf kritisiert die Räte-Einrichtungen, die noch nicht ausreichend an der Beteiligung der Frauen arbeiten: Wenn also wirklich die Räte als Fundament einer neuen politischen Organisation bestehen bleiben sollen, dann muss auch für die Frau eine derartige Ratsorganisation geschaffen und sie muss mit Funktionen und Rechten ausgestattet werden.

Vor dem Hintergrund, dass die politische Teilhabe der Frauen durch die Einführung des Frauenwahlrechts erst ganz frisch möglich ist, betont sie, dass diese in besonderem Maße der politischen Aufklärung bedürfen: Eines ist uns aber klar, der Wunsch, die Nationalversammlung hinauszuschieben, hat Berechtigung, insofern man das Volk lieber länger aufgeklärt hätte. Das bezieht sich ganz besonders auf die Frauen. Wir können die Frauen unmöglich in dieser kurzen Zeit aufklären.

Trotz der Sorge bis zu den Wahlen im Januar, nicht genügend Zeit für die politische Bildung zu haben, drängt auch bei Rosa Kempf der Wunsch nach der Nationalversammlung, um die neuen Verhältnisse zu bekräftigen.

 

 

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-> Weiter geht es am 12. Januar mit „Dichtung ist Revolution“ Folge 5

 

Quellen der Zitate:

Verhandlungen des provisorischen Nationalrates des Volksstaates Bayern im Jahre 1918/1919. Stenographische Berichte Nr. 1 bis 10, Sitzung am 8. November 1918, München 1919. 

Benno Merkle über die Revolutionsfeier. In: Kurt Eisner: Die Neue Zeit. München 1919, S. 30.

Flugblatt Revolutions-Feier, November 1918. Münchner Stadtbibliothek/Monacensia, Flugblattsammlung.

Verhandlungen des provisorischen Nationalrates des Volksstaates Bayern im Jahre 1918/1919. Stenographische Berichte Nr. 1 bis 10, Sitzung am 17. Dezember 1918, München 1919. 

Verhandlungen des provisorischen Nationalrates des Volksstaates Bayern im Jahre 1918/1919. Stenographische Berichte Nr. 1 bis 10, Sitzung am 18. Dezember 1918, München 1919. 


Externe Links:

Ausstellungsinformationen

Ausstellungsprogramm


Kommentare

Elisabeth Seidel am 15.01.2019 um 18:24

Vielen Dank für diese Revolutions-Geschichten und die Bilder dazu. Und dass Sie darin auch deutlich machen, wie die Frauen damals beteiligt waren. Ich bin gespannt auf die Fortsetzung...



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