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12.01.2019, 12:30 Uhr
Monacensia
Dichtung ist Revolution
Ein bebilderter Blog von Laura Mokrohs und Barbara Yelin. Redaktion: Sylvia Schütz / Monacensia im Hildebrandhaus

Dichtung ist Revolution (5): Konflikte im Vorfeld der Landtagswahlen 1919

Im November 1918 wird die Wittelsbacher Monarchie gestürzt, der Schriftsteller und Revolutionär Kurt Eisner ruft in München den „Freistaat Bayern“ aus. Zum 100. Jubiläum von Revolution und Rätezeit zeigt die Monacensia im Hildebrandhaus die Ausstellung „Dichtung ist Revolution“. Kuratorin Laura Mokrohs und Zeichnerin Barbara Yelin erzählen begleitend in zehn Episoden in Text und Bild von den Überzeugungen, Ideen und Taten der revolutionären Schriftsteller Kurt Eisner, Gustav Landauer, Erich Mühsam und Ernst Toller.

 

Kurz vor den Landtagswahlen am 12. Januar 1919 wachsen die politischen Konflikte im jungen Freistaat Bayern. Rechte wie linke Kräfte kritisieren die aktuelle Lage und grenzen sich von der Politik Kurt Eisners ab. Die Differenzen zwischen dem konservativen und dem kommunistischen Lager verschärfen sich nun noch einmal deutlich.

In bürgerlichen und in nationalistischen Kreisen hat Eisner sich – besonders mit seinem Bekenntnis zur Kriegsschuld Deutschlands – viele Feinde gemacht. Am Weihnachtsabend 1918 sitzt der Mehrheitssozialdemokrat Erhard Auer mit Vertretern der bürgerlichen Kräfte und monarchistischen Militärs in der Türkenkaserne zusammen und schmiedet Pläne zur Bildung einer gegenrevolutionären Bürgerwehr. Diese soll die alten Werte vertreten und notfalls mit Waffen gegen die Kommunisten, die man als Bedrohung sieht, vorgehen. Kurz nach Weihnachten rufen Innenminister Auer und Justizminister Johannes Timm mit rund 20 weiteren Unterzeichnern offiziell zur Gründung einer Bürgerwehr auf. Bei den Räten formiert sich sofort Widerstand dagegen. Auch Eisner spricht sich im „Provisorischen Nationalrat“ gegen diese Absicht aus. Fürs erste kann er so den Widerstand aus den monarchistischen, bürgerlichen und nationalistischen Reihen einbremsen. Verdeckt arbeiten diese Kräfte jedoch weiter gegen Einser. Da sie große Teile der Presse hinter sich haben, ist dies im Hinblick auf die herannahenden Wahlen riskant. Um den neuen Freistaat nicht zu gefährden, versucht Eisner weiter mit Auer politisch zusammenzuarbeiten, anstatt sich nach der Bürgerwehraffäre deutlich von ihm zu distanzieren. Dies sorgt wiederum für Kritik von Seiten der Räte und den linken Kräften. Außerdem warnen sie Eisner wiederholt vor dem Einfluss der Presse und fordern eine Pressezensur im Dienste der Revolution. Bereits am 6. Dezember 1918 kam es nach Räteversammlungen zu einer Demonstration von rund 1.000 Menschen, die ihren Unmut gegen die Presse deutlich zeigten. Die Demonstranten besetzten, angeführt von Erich Mühsam, die Druckereien und Redaktionen mehrerer bürgerlicher Zeitungen, unter anderem die der Münchner Neuesten Nachrichten und des Bayerischen Kurier. Im Zuge der Besetzung versuchte Mühsam auch die Sozialisierung der Betriebe durchzuführen.

Besetzung der Redaktion im Bayerischen Kurier am 6. Dezember 1918

Unter seiner Redaktion wurde ein Aufruf verfasst, der auch das Verhalten der Presse in den Kriegsjahren angreift:

Brüder! Die Soldaten und Arbeiter Münchens [...] haben der schändlichen Hetzpresse, die das Volk durch 51 Monate belogen und betrogen hat und eine ungeheuere Blutschuld an diesem Völkermord trägt, ihr Gift genommen. ...

Trotzdem Eisner selbst immer wieder im Fokus der Pressehetze stand, ließ er die Besetzung beenden.

Die Anhänger des Rätegedankens kritisieren auch im Vorfeld der Wahlen Eisners Politik des Ausgleichs und seine Bereitschaft, auf die Mehrheitssozialdemokraten zuzugehen. Zu diesen Kritikern zählen sowohl Kommunisten, als auch Anarchisten, wie Erich Mühsam. Viele von ihnen lehnen die geplanten Wahlen komplett ab. Parlamentarismus lässt sich für sie nicht mit einem konsequent umgesetzten Rätesystem vereinen. Erich Mühsam beschreibt rückblickend, wie verbreitet die Kritik am Parlamentarismus im Proletariat war:

Indem wir das Wesen der Räterepublik dem der parlamentarischen Demokratie gegenüberstellten, gewannen wir den besten Teil des Proletariats, dessen wachsender revolutionärer Wille den stärksten Ausdruck fand in der hasserfüllten Verwerfung der Wählerei.

Erich Mühsam und seine Vereinigung revolutionärer Internationalisten arbeiten jetzt eng mit der Anfang Januar neu gegründeten Münchner Ortsgruppe der KPD zusammen.

Auch Gustav Landauer ist skeptisch gegenüber den Wahlen – seiner Ansicht nach werde so dem Volk nur das Gefühl gegeben, mitzuwirken, tatsächlich aber ändere sich nichts an den Machtstrukturen:

Demokratie, Selbstbestimmung des Volkes und der einzelnen Gliederungen im Volk, ist ganz etwas anderes als der verruchte Wahlunsinn, welcher Abdankung des Volkes und Regierung durch eine Oligarchie ist.

Landauer denkt, dass die Beteiligung aller viel eher über Dezentralisierung, Selbstverwaltung und das Prinzip der Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte sichergestellt sei als durch Wahlen. Er warnt Eisner dringend, die Revolution nicht durch die Wahlen wieder von der direkten Beteiligung des Volkes, wie sie über die Rätebewegung möglich sei, zu trennen.

Eisner hingegen befürchtet von den linken Kräften „Störungen des Wahlakts und der Vorbereitung dazu. Zu Beginn des Jahres 1919 heizt sich die Stimmung auf. Am 7. Januar kommt es zum wiederholten Male zu Demonstrationen von Arbeitslosen. Deren Zahl ist rasant auf 40.000 angestiegen. Vor dem „Ministerium für soziale Fürsorge“ fordern sie die Erhöhung der Arbeitslosenunterstützung.

Demonstration auf der Theresienwiese

Am 8. Januar hört man aus Berlin, dass dort die Regierung auf Aufständische schießen lässt. Zunehmende Unruhe breitet sich auch in München aus. Tags darauf treffen sich mehrere Linke, um ihr Vorgehen gegen die Wahlen zu planen. Dabei sind die Anarchisten Erich Mühsam, Gustav Landauer und Josef Sontheimer, Max Levien für die KPD, und Hilde Kramer. Anarchisten und Kommunisten wollen gemeinsam dazu aufrufen, die Landtagswahlen zu boykottieren. Außerdem planen sie eine große Demonstration, die für das Rätesystem werben soll. In der Nacht auf den 10. Januar 1919 werden Erich Mühsam, Hilde Kramer und andere linke Revolutionäre verhaftet und ins Gefängnis Stadelheim gebracht.

Hilde Kramer beschreibt die Behandlung dort:

Die kleine vergitterte Zelle, der stinkende Toiletteneimer, die Rücksichtslosigkeit, mit der mir sofort bei Ankunft alle meine persönlichen Besitztümer, einschließlich Armbanduhr und Handtasche, entrissen wurden – all dieses war mir neu und gab mir das Gefühl, dass ich von nun an zu den Aussätzigen gehörte.

Hilde Kramer in einer Zelle im Gefängnis Stadelheim

In ihren Erinnerungen beschreibt Kramer auch, wie ihnen allen sofort deutlich war, dass ihre Verhaftung auf Eisners Veranlassung erfolgt war.

Es war klar, dass die Eisnerregierung am Tage vor den Wahlen zum bayerischen Landtag eine Demonstration gegen ihre Politik auf der Theresienwiese verhindern wollte. Sie ließ daher die ‚Rädelsführer’ verhaften.

Trotzdem – oder gerade deshalb – demonstrieren am nächsten Tag rund dreitausend Personen auf der Theresienwiese. Sie ziehen vor das Montgelas-Palais, wo Eisner sitzt, und fordern die Freilassung der Verhafteten. Oskar Maria Graf schildert die Ereignisse:

Hin und her drängte sich alles. Hinter dem verschlossenen Tor, hieß es, stünden schussbereite Maschinengewehrschützen. Man ratschlagte einige Minuten. Auf einmal kletterte ein Matrose auf dem Kandelaber zum Balkon empor, schwang sich drüber und verschwand unter lautem Jubel in der Tür. Kurz darauf erschien er mit Eisner, der furchterregt auf uns herunter schrie: ‚So holt sie euch, in Gottes Namen! Sie sind enthaftet!‘ 

Kundgebung vor dem Montgelas Palais

Rudolf Egelhofer, der Matrose, der über den Balkon einsteigt, kann Eisner überzeugen, einzulenken und die Verhafteten freizulassen. Daraufhin löst die Demonstration sich auf, die geladene Stimmung hält jedoch an. Mühsam und Levien sprechen auf einer Versammlung, ein anderer Teil der Menge geht weiter zum Hauptquartier der Republikanischen Schutztruppe am Hauptbahnhof. Dort wird aus den Fenstern auf sie geschossen, es gibt Tote und Verletzte.

Am 12. Januar finden die ersten Wahlen in der neuen Demokratie statt. Erstmals haben auch Frauen das Wahlrecht, sie machen 54 Prozent der Wahlberechtigten aus. Trotz des Wahlboykotts der Kommunisten nehmen 86 Prozent der Wahlberichtigten an den Wahlen teil. Anders als befürchtet, gibt es am Wahltag keine Zwischenfälle. Der konservative Schriftsteller Josef Hofmiller beschreibt die Stimmung:

Gutes, etwas frisches Wetter, heiter und klar, geeignet zu Demonstrationen, von denen aber bis jetzt nicht viel zu bemerken ist. ... Die Wahlbeteiligung war sehr stark, die Leute standen an wie um Butter, Zigaretten oder Pferdefleisch. Der Anblick der zahlreichen Frauen und Soldaten in und vor dem Wahllokal fiel auf. ... Aber die vielen Plakate in allen möglichen Farben, sehr schreiend, erinnerten an diejenigen der karnevalistischen Unterhaltungen.

Schlange vor einem Wahllokal am 12. Januar 1919

Für Eisner fällt das Ergebnis noch schlimmer aus, als er es befürchtet hatte. Die USPD erreicht landesweit nur 2,5 Prozent der Stimmen, was gerade einmal drei Sitze im neuen Landtag bedeutet. Die Bayerische Volkspartei erhält 35, die SPD 33 Prozent. Bis zum Zusammentritt des neuen Landtags am 21. Februar 1919 soll die Regierung Eisner weiter die Geschäfte führen, doch für Eisner, wie auch für Ernst Toller und die anderen Mitglieder der USPD, ist klar, dass sie aus diesem Wahlergebnis Konsequenzen ziehen werden.

 

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-> Weiter geht es am 21. Februar mit „Dichtung ist Revolution“ Folge 6

 

Quellen der Zitate:

Bayerischer Kurier, Nr. 340. 7. Dezember 1918.

Erich Mühsam: Von Eisner bis Leviné. In: Erich Mühsam. Ausgewählte Werke. Bd. 2 (1985), S. 253.

Gustav Landauer: Die vereinigten Republiken Deutschlands und ihre Verfassung (25.11.1918). In: Ausgewählte Schriften. Bd. 4 (2011), S. 255f.

Erich Mühsam: Von Eisner bis Leviné. In: Erich Mühsam. Ausgewählte Werke. Bd. 2 (1985), S. 254.

Hilde Kramer: Rebellin in München, Moskau, Berlin. Autobiographisches Fragment 1900-1924. Hg. v. Egon Günther unter Mitarbeit von Thies Marsen. Berlin 2011.

Oskar Maria Graf: Wir sind Gefangene. Ein Bekenntnis aus diesem Jahrzehnt. Werkausgabe. Bd. 1. Hg. v. Wilfried Schoeller. München 1994.


Externe Links:

Ausstellungsinformationen

Ausstellungsprogramm


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