Zur Gründung des Vereins für Fraueninteressen

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Anita Augspurg. © Münchner Stadtbibliothek / Monacensia

1894 wird in München der „Verein für geistige Interessen der Frau“ gegründet, der 1899 in Verein für Fraueninteressen umbenannt wird. Er hat großen Anteil daran, dass sich die bürgerliche Frauenbewegung auch in Bayern verbreitet. Eine Gesetzesnovelle macht dann den Ersten Bayerischen Frauentag 1899 möglich. Aus ganz Bayern treffen in München Frauen zusammen, um ihre Rolle in Gesellschaft und Politik zu erörtern. Den Höhepunkt und Abschluss bildet Marie Haushofers Schauspiel: Zwölf Culturbilder der Frau (1899).

Für die bürgerliche Frauenbewegung ist es nicht leicht, im 19. Jahrhundert in Bayern Fuß zu fassen. Als sie hier Ende des 19. Jahrhunderts einsetzt, gibt es bereits seit 30 Jahren eine organisierte Frauenbewegung in Deutschland, von der Süddeutschland bis dahin aber unberührt geblieben ist. 1893 werden zuerst in Nürnberg zwei Vereine gegründet, welche die Ziele der bürgerlichen Frauenbewegung verfolgen, 1894 folgt dann auch in München ein Verein, der die moderne Frauenbewegung repräsentiert.

Zur „Keimzelle“ der bürgerlichen Frauenbewegung in München wird seit 1887 die Schönfeldvorstadt, die heute zur Maxvorstadt zählt und in der Nähe von Residenz und Innenstadt liegt. Die Schönfeldvorstadt war damals ein gehobenes Wohnviertel, in dem Aristokraten und vermögende Bürger, Staatsbeamte, Handwerksmeister und Kaufleute leben.

Im November 1886 war die als Lehrerin und Schauspielerin in Berlin ausgebildete Anita Augspurg (1857-1943) mit ihrer Freundin Sophia Goudstikker (1865-1924), der Tochter eines jüdischen Kunsthändlers, die in Dresden die Malschule von Amalie Augspurg besuchte hatte, in die königliche Haupt- und Residenzstadt gekommen. Sie wollten hier ihren Lebensunterhalt mit einer neuen Existenzgrundlage verdienen und auch zusammen leben. München wählten sie als Wohnort, weil dies damals als die geistig freieste, vorurteilsfreieste Stadt unter den deutschen Großstädten galt. Über den Winter hinweg liessen sie sich in einem der besten fotografischen Ateliers ausbilden. Bereits am 13. Juli 1887 eröffneten sie dann in der Schönfeldvorstadt das Fotostudio Atelier Elvira in einem neu errichteten Anbau des Mietshauses in der Von-der-Tann-Straße 15. Mit Goudstikkers Ernennung zur „Königlich Bayerischen Hofphotographin“ darf das Fotostudio Elvira sogar die Bezeichnung „Hofatelier“ führen. Das Atelier findet nicht nur bei den wohlhabenden Bürgerinnen und Bürgern großen Anklang, sondern auch in Adelskreisen und bei Hof- und Staatsbeamten.

Als unverheiratete Geschäftsfrauen verkörpern Anita Augspurg und Sophia Goudstikker den Typus der emanzipierten Frau. Viele namhafte Schriftstellerinnen und Künstlerinnen lassen sich hier bald porträtieren, auch Emma Merk, die mit ihrem damaligen Wohnsitz in der Schönfeldstraße sozusagen um die Ecke wohnt. Als unverheiratete Frau und selbstständige Schriftstellerin verkörpert auch sie den Typus der emanzipierten Frau, und so steht sie bald mit beiden Frauen in engem Kontakt. 1890 zieht Emma Merk gleichfalls in das Mietshaus in der Von-der-Tann-Straße 15, direkt nebenan liegt das Fotostudio Elvira. Die Wohnung von Emma Merk wird in diesen Jahren zum Treffpunkt der „bewegten“ Frauen Münchens. Hier treffen sich nicht nur die emanzipierten Frauen wöchentlich zu einem „Jour“, sondern auch Künstler und Gelehrte, darunter auch die Menschen, mit denen Emma Merk fortan ihr Leben lang eng verbunden sein wird, der Dichter und Professor für Nationalökonomie Max Haushofer, ihr späterer Mann, die Malerin Marie Haushofer, ihre spätere Stieftochter, und schließlich Carry Brachvogel, ihre lebenslange Freundin und spätere Kollegin im späteren Münchner Schriftstellerinnen-Verein.

Unter dem unverfänglichen Namen „Gesellschaft zur Förderung geistiger Interessen der Frau“ wird 1894 in München der spätere Verein für Fraueninteressen e.V. (1899) gegründet. Auch wenn die ursprüngliche Anregung dabei wohl von Anita Augspurg und Sophia Goudstikker ausgegangen ist, so spielten auch weitere Frauen und Männer bei dem Gründungsprozess eine Rolle, darunter eben auch die Schriftstellerin Emma Merk. Bereits in den ersten Jahresberichten des Vereins erscheint sie als Mitglied des Vorstands und hat das Amt der Schriftführerin inne. Auch spätere Würdigungen und Nachrufe legen nahe, dass sie maßgeblich an der Vereinsgründung mitbeteiligt war: „In gleicher Weise leistete sie Hervorragendes als Mitbegründerin und langjährige Vorsitzende des hiesigen Vereins für Fraueninteressen und Frauenarbeit.“ (Emma Haushofer-Merk †1925. In: München-Augsburger Abendzeitung, Nr. 197 vom 19. Juli 1925)

Erste Vorsitzende und Präsidentin wird 1896 Ika Freudenberg (1858-1912), die bald die neue Lebenspartnerin von Sophia Goudstikker ist, während Anita Augspurg 1899 München verlassen wird. 1896 schließt sich der Verein, der fortan einen großen Anteil daran hat, dass sich die moderne bürgerliche Frauenbewegung nun auch in Bayern verbreiten kann, durch seinen Beitritt zum Bund Deutscher Frauenvereine (BDF) auch offiziell der organisierten Frauenbewegung an.


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Dr. Ingvild Richardsen

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