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02.09.2020, 07:42 Uhr
Katrin Diehl
Text & Debatte
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© Martin Friedrich

Über die Münchner Comic-Zeichnerin Barbara Yelin

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Mitten in London, aus der Graphic Novel "Irmina" (© Barbara Yelin)

Vor den drei großen Schaufenstern spielen sich Geschichten ab, so wie sich auf der ganzen Welt und zu jedem Zeitpunkt Geschichten abspielen. Man muss sie nur sehen, das heißt sehen wollen. Barbara Yelin will. Denn Geschichten sind für sie zum Sehen, und dann – haben sie das Zeug dazu – zum Erzählen da.

Barbara Yelin erzählt mit Zeichnungen. Sie erzählt in Comics, und so schwer man sich mit der Verortung dieses Genres zwischen Literatur, bildender Kunst, Film … auch tut, für Yelin ist der Comic eben ein Erzählmedium, eines, das aus einer Folge gezeichneter Bildern besteht, kombiniert mit mal mehr, mal weniger Text. Auf viele Menschen, Kinder, Erwachsene, üben Comics eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus, sie sind „populär“, und sie sind eine Kunstform. Eine absolut reizvolle Kombination.

Barbara Yelin, ausgezeichnet mit nicht wenigen nationalen wie internationalen Preisen, darunter auch dem Bayerischen Kunstförderpreis, lebt seit einiger Zeit wieder in München, der Stadt, in der sie 1977 geboren wurde. Dazwischen liegen Jahre in Hamburg, wo sie an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften studiert hat. Es folgte ihre ausgiebige Berliner Zeit. „Was in Berlin funktionierte, ist, dass man einfach mal machen, mal ausprobieren konnte, ohne immer nur ans Geld denken zu müssen. Man konnte da einfach auch ohne riesigen Unterhalt überleben.“ Und weil das eben in München eher anders sei, so Yelin, fehle sozusagen unter den freischaffenden Künstlern so ziemlich die jüngere Generation. Vor zehn Jahren hätte sie sich München jedenfalls auch nicht leisten können, fügt sie hinzu. Und sie spricht von „Glück“ – wie sie überhaupt häufig von Glück spricht –, dass das dagegen heute für sie machbar geworden sei. Sogar mit einem kleinen Sohn an der Seite.

Ein wenig Glück mag da eine Rolle gespielt haben, viel „zuträglicher“ ist da aber ganz sicher der Erfolg gewesen, den Yelin mit ihren Büchern und ihrer Zeichenkunst erzielen konnte. Zu erwähnen ist da unbedingt Irmina (2014), das – entlang einer wahren Lebensgeschichte – in Bildern von einer jungen Frau erzählt, die sich während des Dritten Reichs fürs Wegsehen, Schweigen und Mitmachen entschieden hat. In Vor allem eins – dir selbst sei treu (2016) steht das bewegende Leben der großen israelischen Schauspielerin Channa Maron im Mittelpunkt, deren Karriere als Göre und Kinderstar im Berlin der 20er und frühen 30er Jahre begonnen hatte. Für Der Sommer ihres Lebens (2017), in dem eine alte Dame resümierend auf ihr langes Leben zurückblickt und große Fragen stellt, hat Yelin mit dem Autor Thomas von Steinaecker zusammengearbeitet.

Neben den Büchern verfertigt Barbara Yelin immer mal wieder pointierte Comic-Strips für Tageszeitungen wie die Frankfurter Rundschau oder den Berliner Tagesspiegel, machte einige Reisen, aus denen sie Ideen und Bilder mitbrachte … Und seit Kurzem gibt es ein Kinderbuch über den Riesen Gigaguhl, in dem sie die Illustrationen zu den Reimtexten von Alex Rühle gemacht hat.

Außerdem steigt sie gerade wieder ein in ein neues „sehr großes und sehr besonderes Projekt“, in dem es um die heute 85-jährige Emmie Arbel geht, eine Überlebende des KZs Ravensbrück. Vor ein paar Wochen hat sie die alte Dame in Israel besucht. „Die Möglichkeiten, die ich bekomme, die Freiheiten, die ich habe … was für ein Glück“, sagt Yelin, nicht ohne der Arbeit, die vor ihr liegt, mit einigem Respekt entgegenzusehen, „weil das Zeichnen und Zeichnen, das dauert halt auch wirklich lange“. Und sie sei nun niemand, der sich treiben lassen könne, und „missmutiges Scheitern“ kenne sie durchaus auch. Da helfe ihr dann das Prozesshafte, das Immer-weiter-machen ohne den Anspruch, „heute das größte Kunstwerk aller Zeiten“ schaffen zu müssen. „Dranbleiben, und dann kommt auch etwas dabei raus, und das ist dann wirklich eine coole Erfahrung“, sagt sie.

Wer so etwas wie eine „Handschrift“, einen eigenen Stil, in Yelins Strips sucht, dem fallen vielleicht die sichtbar gebliebenen Spuren des Arbeitsprozesses – skizzierte Linien – auf, die die Zeichnerin häufig einfach stehen lässt. Auch das Spiel mit dem Licht, die „verwaschenen“ Farben, die unterschiedlichen Grautöne … sind ihr eigen. Sie arbeite immer analog, „ganz anachronistisch mit der Hand“. Nur am Ende und „für kleine Korrekturen“ mache sie dann am Computer weiter.

Durch die drei großen Schaufenster ihres Ateliers in Untergiesing, dort gleich beim Mühlbach, fällt viel Licht. Menschen winken ihr zu, haben etwas zu erzählen. Barbara Yelin ist in der Stadt mit ihren Comics präsent. Immer mal wieder. Mit einem Plakat zum Comic-Festival, mit einem Blog für das Online-Literaturportal Bayern zur Ausstellung Dichtung ist Revolution in der Monacensia, mit zwei großflächigen Bildern auf einem doppelseitigen „Billboard“ von fünf auf fünf Metern mitten auf dem Lenbachplatz, mit Bildern, die das Unglück der Menschen, die auf dem Mittelmeer um ihr Leben kämpfen, feinsinnig und auf ihre Art plakatieren. Barbara Yelins Comics besitzen die Gabe zu rühren.

Externe Links:

Website von Barbara Yelin

LiteraturSeiten München (wo dieser Artikel zuerst erschien)