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1918/1968 – Revolutionen (7): Tiny Stricker, fast vergessener Rebell und Pop-Pionier

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Tiny Stricker © Maro Verlag

Die 132. Ausgabe der Zeitschrift Literatur in Bayern widmet sich dem Schwerpunktthema Aufbrüche. In unserer Journal-Reihe zu den Revolutionen 1918 und 1968 veröffentlichen wir hier einen Artikel von Klaus Hübner über Heinrich („Tiny“) Stricker, einen fast vergessenen Autor der rebellischen Hippie-Zeit und einem Pionier der deutschen Popliteratur aus Bayern.

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Besonders groß ist er nicht. Schlank, fast schmal. Von ausgesuchter Höflichkeit. Er spricht nicht viel, und er spricht leise. Angenehme Stimme. Reflektiert und liebenswürdig zugleich, oft über Bücher, über Musik, über Kunst. Ein hochsympathischer älterer Herr, eine unspektakuläre Erscheinung. Fast schon unscheinbar. 69 Jahre alt wird er heuer.

Heinrich Stricker wohnt in der Münchner Maxvorstadt. Ein klassischer Bildungsbürger ist er nicht, aber im Freundeskreis der Staatlichen Antikensammlung am Königsplatz fühlt er sich ganz wohl. Das letzte bayerische Wirtshaus Schwabings verschmäht er nicht, obwohl der Wein dort weniger gepflegt wird als das Bier. Ein weltoffener und neugierig gebliebener Herr. Dass er auch anderes gesehen hat als das schöne Bayernland, merkt man bald. Er kann auch spöttisch-amüsiert dreinschauen. Zum Beispiel, wenn jemand den berühmten Anfangsakkord von Satisfaction nicht als Bassakkord erkennt und ihn fälschlicherweise Keith Richards zuschreibt statt Bill Wyman. Oder Steve Winwood mit einem »d« in der Mitte schreibt und ihn damit zum »Windholz« macht.

Als Heinrich im Jünglingsalter war, damals in Gundelfingen und Lauingen, nannte man den britischen Musiker noch Little Stevie Winwood. Heinrich schrieb provokative Rebellen-Gedichte und trug sie öffentlich vor – »Beat & Lyrics« im Saal des Dillinger Klosterinternats. Lang ist das her. Man sieht dem liebenswerten Heinrich Sticker wirklich nicht an, was Ende der Siebziger Jahre in ihm gebrodelt hatte. Es hatte mächtig gebrodelt.

 

 

Bücher von Tiny Stricker im Maro Verlag © Maro Verlag

 

Die neue Generation, das waren damals die Beatniks und bald darauf die Hippies. 1970 lobte die Frankfurter Allgemeine Zeitung das erste Buch das damals 20-Jährigen names Tiny Stricker: Trip Generation.

Der Autor hatte 1968 das Abitur gemacht und war nach München gegangen – und dieses München engte ihn ein. Heini, so nannten sie ihn damals, Heini musste weg, unbedingt. Trip Generation schildert seine Erlebnisse »on the road« – 1969 ging's, wie damals nicht unüblich, über Istanbul und Teheran nach Karachi. Und weiter. Weil die Asiaten »Heini« schwer aussprechen konnten, sagten sie »Tiny« zu ihm.

Im heutigen Bangladesch, genauer gesagt, im Hafen von Chittagong, war dann Schluss mit der von unterschiedlichsten Menschen, Sprachen und Landschaften, von Spiritualität, von Literatur, Musik und natürlich auch Drogen durchzogenen Globalbewusstseinserweiterung. Burma blieb für Ausländer gesperrt, die Kohle war alle, und überhaupt ... Tiny musste Geld verdienen für die Heimreise. Neben dem Jobben hatte er Zeit für Notizen und Geschichten. Dann Kalkutta, Benares, Kabul – und zurück nach Europa.

Daheim im Schwabenland gab es einen Jugendfreund, Benno Käsmayr. Der wollte Szene-Bücher verlegen und machte in Augsburg den Maro Verlag auf. Zu dessen ersten Büchern gehörte Trip Generation. Als »Neuausgabe« firmiert dieses Buch heute als Band 1 der »Werkausgabe Tiny Stricker«. Ja, die gibt es. Auch die Romane Soultime und Ein Mercedes für Täbris gehören dazu, die beide im Jahr 1968 spielen. Und sie wächst immer noch: Der zehnte Band, Unterwegs nach Essaouira, erschien im September 2017.

Essaouira ist dort nicht nur ein weltbekannter Szene-Treff in Marokko, sondern auch ein Glitterwort für die Hippie-Zeit generell, für Haschischwolken und Räucherstäbchen, für die Klangteppiche von Greatful Dead und anderen Bands, für Love and Peace an den schönsten Stränden zwischen Tanger, Ibiza und Utting. Für's ständige Unterwegssein jedenfalls, für das intensive Lebensgefühl einer ruhelosen und freiheitssüchtigen Generation.

In Unterwegs nach Essaouira kommt Oberbayern mehrfach vor, zum Beispiel die schmale Dachwohnung in München-Neuhausen. »Sie lag an einer schnurgeraden, in Richtung Westen verlaufenden Straße, und weil das Haus die Nummer 77 trug und die rote Sonne effektvoll am Ende der Straße untergehen konnte, nannten sie es ›77 Sunset Strip‹ nach der gleichnamigen US-Serie«. Nebenbei wird Siloah gegründet, eine Hippie-Band, die zwei schöne LPs macht und sich dann wieder auflöst – die CDs oder Vinyl-LPs mit zeittypischen Songtiteln wie Krishna's Golden Dope Shop und Aluminium Wind kann man noch heute erwerben.

 

 

Die LPs von Siloah: Siloah (1970) und Surkram Gurk (1972) // In Unterwegs nach Essaouira verarbeitet Tiny Stricker die Erlebnisse mit der Band.

 

Relativ unbeschwerte, von einem neugierigen Aufeinander-Zugehen geprägte Zeiten lässt Tiny Stricker auferstehen, auch wenn sich das Ende der goldenen Hippie-Zeit schon bemerkbar macht – etwa beim alten Kumpel Willie, der plötzlich in West-Berlin studiert: »Er bediente sich jetzt einer stark akademischen Sprache, die schon nach kurzer Zeit einsetzte und die er mit großer Geläufigkeit anwandte. Er abstrahierte sofort, benutzte Ausdrücke wie ›das Nicht-So-Sein‹ oder ›dies als reale Kategorie‹, vor allem bei den gesellschaftlichen Themen, um die es bei ihm meistens ging«.

Auch wenn Heinrich Stricker heute die Hippie-Zeit als »tollen Traum« bezeichnet, »leider war er ökonomisch kein bisschen durchdacht« – sein Erzähler wertet oder kommentiert nicht, sondern schildert, was war. Kritische Fragen wie zum Beispiel die, was die meist grenzenlos hedonistischen und oft total verpeilten Hippies eigentlich Brauchbares hinterlassen haben außer ein paar Songs und Gedichten, interessieren den Schreibenden nicht. Damals, vor fast 50 Jahren, war vieles sicherlich vollkommen sinnfrei. Aber müssen Fantasien Sinn haben? Oder sind sie selber schon der Sinn? »Abends wurden Reefer gereicht und Pläne entwickelt, die sie aber am nächsten Tag teilweise vergessen hatten oder die sich in der glanzlosen Wirklichkeit als undurchführbar erwiesen. Vielleicht fanden sie es überhaupt schwer, ihre schönen Fantasien der billigen Wirklichkeit zu opfern«.

Heinrich Stricker verbrachte den größten Teil seines erfolgreichen Berufslebens beim Goethe-Institut. Er arbeitete in Manchester, Thessaloniki und Sarajevo, nach dem Bosnienkrieg. Und in München. Nur wenige Berufskollegen aber wussten, dass Heinrich all die Jahrzehnte hindurch Tiny gelieben war. Er ist es immer noch. Man sieht's ihm nicht an. Kein Hippie, nirgends. Ein unscheinbarer älterer Herr. Scheinbar.

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Klaus Hübner, Dr. phil., wurde 1953 in Landshut geboren und legte sein Abitur am dortigen Hans-Carossa-Gymnasium ab. Er studierte Germanistik, Geschichte und Kommunikationswissenschaft in Erlangen und München und wurde 1980 mit der Studie Alltag im literarischen Werk. Eine literatursoziologische Studie zu Goethes Werther promoviert. An der Universidad de Deusto in Bilbao (Spanien) war er von 1981 bis 1983 als DAAD-Lektor tätig. Später wurde er wissenschaftlicher Mitarbeiter und Lehrbeauftragter am Institut für Deutsch als Fremdsprache und am Institut für Deutsche Philologie der Universität München. Von 1984 bis 2016 war Hübner Redakteur der monatlich erscheinenden Zeitschrift Fachdienst Germanistik. In den Jahren 1985 bis 1999 war er hauptsächlich für den Münchner iudicium-Verlag tätig. Von 2003 bis 2017 war er außerdem Ständiger Sekretär des Adelbert-von-Chamisso-Preises der Robert Bosch Stiftung und im Zusammenhang damit auch als Journalist und Moderator tätig. Seit 2012 ist Hübner Mitglied der Redaktion der Zeitschrift Literatur in Bayern, seit 2016 Redaktionsbeirat der Literaturzeitschrift Neue Sirene. Als Publizist veröffentlichte er zahlreiche Buchkritiken, Autorenporträts und andere Arbeiten in Zeitschriften, Zeitungen und Internetforen sowie mehr als 100 Lexikonartikel, z.B. für Kindlers Neues Literaturlexikon, das Metzler Literatur Lexikon und das von Walther Killy begründete Literaturlexikon. Hübner ist zudem Mitarbeiter am Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas (IKGS) der Universität München.

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