Rebellisches Bayern

Renitenz gilt als urbayerische Eigenschaft. Sozialrebellen, Bauernbündlern, bayerischen Suffragetten, und Kaffeehaus-Revolutionären zeugen von einem tiefverwurzelten Widerspruchsgeist, in dessen würdiger Nachfolge bis heute unzählige Schriftsteller und Kabarettisten stehen. Als im großen deutschen Bauernkrieg die Zwölf Artikel der Bauern verlesen wurden, wählte man das bayerische Memmingen, um sie zu verkünden. Und wer lehnte sich 1705/1706 mit dem Schlachtruf „Lieber bayerisch sterben als kaiserlich verderben“ gegen die Habsburger auf? Die Bauern bei Sendling und Aidenbach.

Als Bayern in den Umbruchsjahren des 18. und 19. Jahrhunderts zum Verfassungsstaat wurde, war das Land die Heimat berühmter Räuber und Wildschützen, die wenngleich auch als Staatsfeinde verfolgt, vom Volk doch unterstützt und geliebt wurden. Parallel zum ländlichen Widerstand wehrte sich Mitte des 19. Jahrhunderts das emanzipierte Bürgertum in den Städten und forderte seine politischen Rechte ein. Die „14 Bamberger Artikel“ von 1848 zeigen, dass es bei der 1848er Revolution in Bayern doch um ein klein wenig mehr ging, als um eine spanische Tänzerin.

Das Schwabing der Jahrhundertwende kannte unzählige Berühmtheiten mit revolutionärer Gesinnung. Hier erschienen legendäre Zeitschriften mit noch legendärerem Inhalt: Simplicissimus, Erich Mühsams Kain, oder Ret Maruts Der Ziegelbrenner. Wahnmoching, wie Franziska zu Reventlow Schwabing nannte, war das Zuhause von Frauenrechtlerinnen wie Anita Augsburg und Lida Gustava Heymann, von Anarchisten wie Erich Mühsam, existentialistischen Schriftstellern wie Ernst Toller und radikalen Humanisten wie Gustav Landauer.

Bei so viel renitentem Geist - war es da ein Wunder, dass Bayern 1918 als erstes deutsches Land die Monarchie abschaffte und die Republik ausrief? Als in Berlin die Revolution längst ad acta gelegt worden war, da wurde Bayern Räterepublik. Nach dem Ende der Revolution wurde der Freistaat zur Ordnungszelle des Reiches. Doch glücklicherweise gibt es auch aus diesen schlimmen Zeiten von bedeutendem literarischen und politischen Widerstand zu berichten.

Auch in der Demokratie blieben die Bayern ihrem rebellischen Geist treu. So gab´s in Schwabing schon Krawalle, als in Berlin noch studiert wurde. Die Gründungsdiskussion der legendären Kommune 1 fand in Bayern statt - in der idyllischen Umgebung des Kochelsees und nicht zu vergessen, war das schönste Gesicht der Revolte ein Export aus Bayern: Uschi Obermaier.

Bis heute hat man in Bayern ein Faible für alles Renitente. Der Bayer mag geduldig sein, gefallen lässt er sich nichts, schon gar nicht von der Obrigkeit: WAA, Donauausbau, Autobahn durchs Isental – stets heißt es: „Nicht mit mir“! Und während Touristen aus aller Herren Länder zu den Königsschlössern pilgern, stattet der Bayer lieber dem Grab des Wildschützen Jennerwein einen Besuch ab. Einem Outlaw die Ehre zu erweisen ist eben irgendwie typisch bayerisch.


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Dr. Michaela Karl

Sekundärliteratur:

Bachmann, Christoph: Kriminalfälle (19./20. Jahrhundert). In: Historisches Lexikon Bayerns, URL: http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/artikel/artikel_46390, (25.02.2014).

Grau, Bernhard: Revolution, 1918/1919. In: Historisches Lexikon Bayerns, URL: http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/artikel/artikel_44332, (25.02.2014).

Linse, Ulrich: Anarchismus. In: Historisches Lexikon Bayerns, URL: http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/artikel/artikel_44834, (25.02.2014).

Revolution, Rätegremien und Räterepublik in Bayern, 1918/19. In: Bayerische Landesbibliothek Online, URL: http://www.bayerische-landesbibliothek-online.de/bayern1918, (25.02.2014).

Schmalzl, Markus: Zweite Revolution, 1919. In: Historisches Lexikon Bayerns, URL: http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/artikel/artikel_44333, (25.02.2014).

 

Verwendete Literatur und Quellen:

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