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1918/1968 – Revolutionen (8): Die wilden 1960er und ihre literarischen Spuren

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Demonstration von Studenten gegen den Bildungsnotstand 1967, Glyptothek München © BSB / Bildarchiv Timpe

Die 132. Ausgabe der Zeitschrift Literatur in Bayern widmet sich dem Schwerpunktthema Aufbrüche. In unserer Journal-Reihe zu den Revolutionen 1918 und 1968 veröffentlichen wir hier einen Artikel von Politikwissenschaftlerin und Schriftstellerin Michaela Karl über die Anfänge der 1968er-Bewegung in München und Bayern und ihre Spuren in der Literatur.

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Am 21. Juni 1962 riefen Anwohner der Leopoldstraße in München die Polizei, weil eine Gruppe Jugendlicher nach 22.30 Uhr auf der Straße Musik machte. Er war Fronleichnam, das schöne Wetter hatte zahlreiche Nachtschwärmer in die Cafés nach Schwabing gelockt. Als die Polizei eintraf, um die fünf Männer, die an der Leopoldstraße Ecke Martiusstraße friedlich russische Volkslieder spielten, festzunehmen, kam es zu einer Rangelei mit den Zuhörern der Musiker. Die Situation eskalierte derart, dass es rund um die Universität vier Tage lang zu Straßenschlachten kam. Am Ende gab es rund 400 Verhaftungen und zahlreiche Schwerverletzte.

Für München, das sich nach einem Wettbewerb erst zwei Wochen zuvor zur »Weltstadt mit Herz« erklärt hatte, waren die Schwabinger Krawalle ein rießiger Image-Schaden. Unter den Jugendlichen, die an ihnen beteiligt waren, befand sich auch der spätere RAF-Terrorist Andreas Baader. Obwohl damals keine politischen Forderungen formuliert wurden, waren die Junitage doch der Auftakt zum Kampf um kulturelle Selbstbestimmung, der sich in den nächsten Jahren massiv auf die ganze Republik ausweitete.

 

  

Demonstrationsaufruf zur Vietnam-Konferenz, 1968 // Heißer Sommer von Uwe Timm

 

Der Münchner Schriftsteller Uwe Timm beschreibt diese Zeit in seinem Roman Heißer Sommer (1974): »Ulrich sah die Fotos in der Zeitung. Der Student am Boden liegend. Über ihn gebeugt eine junge Frau in einem weiten schwarzen Abendkleid. Sie hält seinen Kopf. Am Hinterkopf und auf dem Boden: Blut. Daneben ein anderes Foto, drei Polizisten schlagen und treten auf einen am Boden liegenden Demonstranten ein, der sein Gesicht mit den Händen zu schützen versucht. Und dann das Foto von dem lachdenden Schah und Farah Diba, die eine kleine Krone im Haar trägt.«

 

Kommune in Kochel

Die Geschichte der legendären Kommune 1 begann am oberbayerischen Kochelsee. Hier traf sich in einer komfortablen Villa am See mit rießigem Park im Juni 1966 die sogenannte Viva-Maria-Gruppe. Die Villa gehörte einem reichen Textilkaufmann aus Krefeld, Vater von SDS-Mitglied Lothar Menne. Ein Hausmeisterehepaar kümmerte sich um die 16 Gäste: neun Männer, fünf Frauen und zwei Kinder. Die Besucher waren Mitglieder des Münchner und Berliner SDS. Ihren Namen Viva-Maria hatten sie von dem gleichnamigen Film von Louis Malle mit Brigitte Bardot und Jeanne Moreau abgeleitet.

Die Aktivisten, die sich am Kochelsee trafen, waren höchst unzufrieden damit, dass man zwar tagsüber Revolution machte, abends jedoch mit seinen alltäglichen Sorgen alleine blieb. Neben den Arbeitskreisen und Demonstrationen gab es eine Private Existenz, die angefüllt war mit Sorgen, Glück, kaputten Liebesbeziehungen, überforderten Müttern, Angst vor Prüfungen etc. Die Frage war, ob nicht in den unbeachteten Winkeln des privaten Lebens, das jeder für sich alleine führte, das Reaktionäre überleben konnte, da die Vereinzelung des Menschen so groß war.

Die Aufhebung des Privaten sollte neue Möglichkeiten revolutionärer Praxis in Westeuropa einleiten. Am Ende des Wochenendes in Kochel wurde deshalb beschlossen, in Berlin eine Kommune zu gründen. Drei von ihnen, Manfred Hammer, Dieter Kunzelmann und Dagmar Seehuber, hielten sich daran. Vom Spätsommer 1966 an trafen sich die Entschlossenen mehrfach außerhalb des SDS, und es stießen in der Folgezeit weitere dazu, denen die ängstliche Betulichkeit des SDS auf die Nerven ging: Fritz Teufel, Rainer Langhans, Ulrich Enzensberger.

 

Die virtuelle Kommune Der Harem im Jahr 2000 mit Rainer Langhans (sitzend rechts)

 

Gemeinsam war den Initiatoren der Kommunenbewegung die Verachtung für den bloßen Seminarmarxismus. Mit ihren provokanten Aktionen zogen sie bald die Aufmerksamkeit der Medien auf sich. Für die braven Bürger wurde die Kommune 1 Projektionsfläche aller Ängste und Fantasien. Berühmtestes Gesicht der Kommune 1 war das Münchner Fotomodell Uschi Obermeier. Nach Ende der Kommune in Berlin gründete sie zusammen mit dem Kommunarden Rainer Langhans in der Giselastraße in München-Schwabing die Highfish-Kommune.

 

Reisen nach München

Es waren 1968er-Revolutionäre selbst, die als Schriftsteller Kultromane und zugleich das literarische Vermächtnis der Bewegung verfassten. Einer der berühmtesten Texte stammt von Bernward Vesper, Sohn des völkischen Dichters Will Vesper und Verlobter von Gudrun Ensslin. Er schieb 1969 den autobiographischen Romanessay Die Reise. In diesem Fragment verarbeitete Vesper nicht nur das problematische Verhältnis zu seinem Vater, sondern auch seine eigene politische Überzeugung.

 

Bernward Vesper // Die Reise wurde 1977 posthum veröffentlicht und gilt als bedeutendes literarisches Zeitdokument.

 

Nach Ende der Bewegung erlebte Vesper 1969 in München bei einem LSD-Trip, wie sich eine Baumaschine in eine mythische Gestalt verwandelte. Er begann seine Drogentrips niederzuschreiben.

»Wir fahren kreuz und quer durch Schwabing, endlose Umleitungen, landen immer wieder auf der Leopoldstraße, kommen schließlich in die Schellingstraße, Türkenstraße. [...] Wir schlendern die Türkenstraße entlang, sehen in die Schaufenster, belustigen uns über die ausgestellten Dinge. Wahnsinnig, was die Menschen alles herstellen und verkaufen! In welchen kleinen Budiken! Was für Existenzen! Vor einem Antiquitätenladen bleiben wir plötzlich stehen: die Dinge kommen auf uns zu, die Dinge sind da, treten in uns ein, erfüllen uns, sprengen uns, vernichten uns, breiten sich aus [...].«

1977 im Zuge des Deutschen Herbstes veröffentlicht, gilt Die Reise als der literarische Nachlass der 1968er schlechthin. Bernward Vesper war da schon lange tot. 1971 erlitt er auf einer weiteren Reise nach München einen schizoiden Schub. Er wurde in die Psychiatrische Klinik in Haar eingeliefert. Noch im selben Jahr nahm er sich das Leben.

 

Mehr dazu sowie weitere Kapitel aus der Geschichte des politischen und literarischen Widerstands in Bayern finden Sie im Themen-Essay Rebellisches Bayern von Michael Karl.

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