Info
Geb.: 28. 2.1882 in Schwiebus (Polen)
Gest.: 26.3.1969 in Mexico City
B. Traven alias Ret Marut alias Otto Feige; Polizei-Photographie Ret Maruts anlässlich der Verhaftung, London, 1923
Namensvarianten: Ret Marut, Richard Maurhut (Pseud.); Herrmann Albert Otto Max Feige (wirkl. Name)

B. Traven

Geboren ist Herrmann Albert Otto Max Feige am 23. Februar 1882 in Schwiebus in der preußischen Provinz Brandenburg, heute Świebodzin (Polen). Seine Eltern sind der Töpfer Adolf Feige und die Fabrikarbeiterin Hermine Wienecke. Er absolviert von 1896 bis 1900 eine Ausbildung zum Maschinenschlosser. Von 1901 bis 1903 leistet er seinen Militärdienst in Bückeburg ab und arbeitet von 1904 bis 1906 in Magdeburg. Im Sommer 1906 wird er schließlich zum Geschäftsführer der Gelsenkirchener Verwaltungsstelle des Deutschen Metallarbeiterverbands berufen. 1907 kündigt er jedoch seine Anstellung und wechselt seine Identität. Er gibt sich unter dem Pseudonym Ret Marut als ein Schauspieler aus, der am 25. Februar 1882 in San Francisco geboren sei. Dabei macht er sich den Umstand zunutze, dass bei dem Erdbeben in Kalifornien von 1906 nahezu alle behördlichen Akten und Urkunden vernichtet worden sind und seine Abstammung damit rätselhaft verschleiert ist.

Marut arbeitet als Regisseur und Schauspieler für ein Tournee-Theater in Pommern, Ost- und Westpreußen, Posen und Schlesien. Unter den Kollegen befindet sich Elfriede Zielke, die 1912 in Danzig die gemeinsame Tochter Irene zur Welt bringt. Im selben Jahr wird Marut Mitglied des Danziger Stadttheaters und ist dort als Obmann und Kassierer des Künstlerheims tätig. 1913 begibt sich Marut nach Düsseldorf und arbeitet am Schauspielhaus Düsseldorf als Darsteller. In Düsseldorf wird die 21-jährige Schauspielschülerin Irene Mermet aus Köln seine Lebensgefährtin, mit der er zusammen im Herbst 1915 den Schauspielberuf aufgibt und nach München übersiedelt. Unter dem Pseudonym Richard Maurhut publiziert er 1916 die Novelle An das Fräulein S... im I. Mermet Verlag.

Mit seiner Adresse zuerst in der Herzogstraße und später in der Clemensstraße 84 befindet sich Marut inmitten allen Geschehens. Er ist politisch aktiv und gilt als ein Funktionär der Münchner Räterepublik. Schnell nimmt sich der Anarchist und Anti-Militarist der Revolution an und übernimmt die Leitung des Presseamts, um für das Ende der bisherigen Presse zu kämpfen. Zwar darf die bürgerliche Presse weiterhin erscheinen, allerdings nur nach Überprüfung durch die Zensurbehörden. Später wird Marut außerdem Vorsitzender und Sprecher des Revolutionstribunals. Hier lernt er Erich Mühsam kennen sowie Oskar Maria Graf und Gustav Landauer. Zwischen den Jahren 1917 und 1921 wird Marut schließlich Herausgeber der Zeitschrift Der Ziegelbrenner, eine Antikriegs-Zeitschrift, die für Völkerverständigung und -freundschaft eintritt und zudem für die Revolution von 1918/19 eine wichtige Rolle spielt. Jeder Ausgabe fügt Marut einen Aufruf zur Vernichtung der Presse bei.

Nach dem Sturz der Räterepublik wird Marut am 1. Mai 1919 verhaftet. Es gelingt ihm jedoch einer standgerichtlichen Verurteilung zu entgehen. 1924 verschwindet er spurlos. Marut schafft es bis nach London, wo er unter Spionageverdacht verhaftet wird, dann aber wieder freikommt. Heute weiß man, dass er per Schiff im Sommer 1926 in Tampico in Mexiko eintrifft, wo er als US-Bürger Berick Traven Torsvan registriert wird.

Dass Traven mit Marut identisch ist, mutmaßen bereits die Autoren Egon Erwin Kisch und Oskar Maria Graf, denen Marut zur Zeit der Räterepublik begegnet ist. Die erste Hypothese über die Identität B. Travens stellt jedoch Erich Mühsam auf. Als die ersten Romane Travens erscheinen, kommt Mühsam aufgrund sprachlicher und inhaltlicher Parallelen mit den ihm bekannten Schriften Maruts zu der Schlussfolgerung, ihr Autor müsse dieselbe Person sein. 2012 erscheint dann Jan-Christoph Hauschilds Biografie B. Traven – Die unbekannten Jahre mit neuen Forschungsergebnissen. Jüngst aufgefundene Dokumente schlagen eine Brücke von Otto Feige zu Ret Marut. Hauschild gelingt der Nachweis, dass Travens Wunsch nach Anonymität keine Geste der Bescheidenheit gewesen ist, sondern eine Reaktion auf die Erkenntnis, dass er mit seiner Biographie auch für die Wahrhaftigkeit seiner Abenteuerromane bürgt. Eine Klarstellung seiner proletarisch-künstlerischen Vergangenheit hätte seinem Erfolg im Weg gestanden. Die Forschung identifiziert Traven schließlich mit jemandem, der sich Torsvan nennt. Von ihm ist bekannt, dass er 1924 nördlich von Tampico ein Holzhaus mietet und bis 1931 dort oft verweilt und arbeitet. Seit 1931 wohnt er zwei Jahrzehnte lang in einem kleinen Haus mit Gastwirtschaft am Stadtrand von Acapulco, von wo aus er mehrere Reisen nach Mexiko antritt. Hier entsteht auch sein umfangreiches literarisches Werk.

Unter dem Pseudonym B. Traven veröffentlicht er zwölf Romane, einen Reisebericht und mehrere Kurzgeschichten. Sein erster Roman Die Baumwollpflücker erscheint 1925. Er handelt von einem US-amerikanischen Seemann, Gerald Gales, der in Mexiko Arbeit in verschiedenen Berufen sucht, oft in zwielichtigem Milieu verkehrt und als Opfer und Zeuge kapitalistischer Ausbeutung den Kampfwillen und die Lebenslust trotzdem nicht verliert.

Zu nennen ist außerdem Das Totenschiff. Die Geschichte eines amerikanischen Seemanns (1926). Der Roman handelt wiederum von dem Seemann Gerald Gales, der nach dem Verlust seiner Dokumente und damit seiner Identität das Recht auf ein normales Leben und seine Heimat einbüßt und sich schließlich auf einem „Totenschiff“ wiederfindet. Das Totenschiff ist ein teils ironisch-sarkastisch geschriebener Abenteuer- oder Seemannsroman verbunden mit einer kapitalismuskritischen Haltung. Er beinhaltet zahlreiche Wendungen aus der Seemannsprache und Anspielungen auf Dantes Göttliche Komödie, Balzacs Menschliche Komödie sowie Büchners Woyzeck.

1927 erscheint Travens Roman Der Schatz der Sierra Madre. Seine Helden sind diesmal eine Gruppe US-amerikanischer Abenteurer und Goldsucher in Mexiko. 1948 wird das Buch von Hollywood-Regisseur John Huston unter demselben Titel mit großem Erfolg verfilmt. Gerüchte ranken sich, ob der mysteriöse Buchautor B. Traven zeitweise als Berater am Drehort anwesend gewesen sei. 1946 verabredet Huston ein Treffen mit B. Traven im Hotel Bamer in der Hauptstadt Mexikos, um die Einzelheiten der Verfilmung zu besprechen. Statt des Schriftstellers erscheint jedoch ein unbekannter Mann, der sich als Hal Croves, Übersetzer aus Acapulco und San Antonio, vorstellt und die angebliche Vollmacht B. Travens, in der der Schriftsteller ihn zu allen Entscheidungen in seinem Namen bevollmächtigt, vorzeigt.

In seinem vierten Roman Die Brücke im Dschungel von 1929 nimmt Traven seine Hauptfigur Gales wieder auf. Wenn man annimmt, dass B. Traven mit dem Revolutionär Ret Marut identisch ist, sind im Werk deutliche Parallelen sichtbar zwischen dem Schicksal Gales und dem Leben seines heimatlosen Autors, der ebenfalls gezwungen ist, im Kesselraum eines Dampfers auf der Fahrt von Europa nach Mexiko zu arbeiten. In den 1930er-Jahren schafft Traven den aus sechs Teilen bestehenden Caoba-Zyklus, der das leidvolle Dasein indianischer Holzfäller im südlichen Mexiko um das Jahr 1910 beschreibt.

Travens Werke lassen sich wohl am besten als „proletarische Abenteuerromane“ beschreiben. Er schreibt seine Bücher vor allem konsequent aus der Perspektive der „Unterdrückten“ und „Ausgebeuteten“. Seine Figuren stehen am Rande der Gesellschaft, entstammen dem proletarischen Milieu, eine Art Karl May meets Karl Marx. Traven gilt jahrelang als Anwärter auf den Literaturnobelpreis und ist bis heute einer der meistgelesenen Schriftsteller deutscher Sprache.

Einen Tag, bevor der weltweit erfolgreiche Schriftsteller B. Traven 1969 stirbt, soll er seiner Frau anvertraut haben, dass er mit dem an der Münchner Räterepublik beteiligten Ret Marut identisch sei. In einem Beitrag über die Beerdigung des Dichters und Simplicissimus-Begründers Frank Wedekind schreibt Marut:

Leute die sich seine Freunde nennen heulen mit den schlechten Angewohnheiten verschmierter Komödianten ‚Trauer-Reden‘ herunter [...] Nunmehr ist Gewähr geboten, daß kein Mensch einmal erfahren wird, wenn ich meinen letzten Atemzug verrichte. [...] Und dankbar will ich den Göttern sein, wenn sie mit meinem Leichnam hungernde Aasvögel und verstoßene Hunde einmal satt füttern, so daß auch nicht ein bleiches Knöchelchen übrig bleibe, das einem Journalisten Gelegenheit geben könnte, über meine sterblichen Überreste seine Bedürfnisse zu verrichten, wie das im Waldfriedhof zu München geschah, kurz vor Frühlings Erwachen im Jahre 1918.

Über den Tod hinaus bewahrt der geheimnisvolle Autor seinen Mythos. Geblieben ist von Traven nicht einmal ein Grab. Auf den testamentarisch verfügten Wunsch hin verstreut man 1969 seine Asche aus einem Flugzeug über den Urwald der mexikanischen Provinz Chiapas.