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04.07.2017, 10:10 Uhr
Bernhard M. Baron
Text & Debatte
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Foto: Reinhold Willfurth

Ein Lesebuch über deutschsprachige Auswanderer aus dem östlichen Europa um 1900

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Das Deutsche Kulturforum östliches Europa engagiert sich für die Vermittlung deutscher Kultur und Geschichte im östlichen Europa. Dabei sind Regionen im Blick, in denen Deutsche gelebt haben oder bis heute leben. Das Kulturerbe jener Gebiete verbindet Deutschland mit seinen Nachbarn. Dies soll einer breiteren Öffentlichkeit bewusst gemacht werden – im Dialog und in zukunftsorientierter Zusammenarbeit mit den osteuropäischen Partnern. In der „Potsdamer Bibliothek östliches Europa“ erscheinen Sachbücher, Bildbände und Kulturreiseführer. Vor einiger Zeit ist auch das Lesebuch Nach Übersee über deutschsprachige Auswanderer aus dem östlichen Europa um 1900 erschienen.

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So wie heute die Bundesrepublik seit geraumer Zeit de facto längst ein „Einwanderungsland“ geworden ist, war Deutschland seit Jahrhunderten immer schon ein globales „Auswanderungsland“. Aufgrund der vorhandenen Bremer Passagierlisten verließen ab 1820 allein 7 Millionen Deutsche ihre angestammte Heimat. Vielfach waren die Gründe gepaart mit politischer (gescheiterte Revolutionen 1848 und 1918/19, NS-Zeit), religiöser oder ethnischer Verfolgung (Judenpogrome, Holocaust), aber auch ganz allgemein ausgelöst durch eine gewisse Fernweh. Natürlich hat dies nicht zuletzt Spuren in der Literaturgeschichte hinterlassen.

So geht Daniel Defoes Inselheld-Roman Robinson Crusoe (1719) über einen über Bremen nach England kommenden Pfälzer namens „Robinson Kreutznaer“ aus Bad Kreuznach. James Fenimore Coopers Kentucky-Nachbar, Johann Adam Hartmann, ein geflohener Wilddieb aus Edenkoben und Major der US-Miliz, wird zum Vorbild seines grandiosen Lederstrumpf (1826f.). Und Tausende von deutschen Soldaten ziehen – durch ihre Landesherrn aus selbstherrlichen Protzgründen verkauft – in einen Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, der sie eigentlich gar nichts angeht, was Friedrich Schiller zu einer „Kammerdiener“-Anklage in seinem bürgerlichen Trauerspiel Kabale und Liebe (1784) bewegt („Soldatenhandel mit siebentausend Landeskindern“). Auch ist dies noch die Folie von Der Winter, der ein Sommer war (1972) der Oberpfälzer Autorin Sandra Paretti. Lola Montez, die Geliebte des bayerischen Königs Ludwig I., wiederum flieht 1848 in die Vereinigten Staaten, gefolgt von ihrem letzten studentischen Oberpfälzer Geliebten Elias Peißner, dem Türmersohn aus Vilseck. Ihren Briefwechsel beinhaltet das Kammerspiel Lola Montez (2006) des phantastischen Realisten Wolfsmehl.

Die Niederbayerin Emerenz Meier (Aus dem bayerischen Wald, 1897) bestreitet 1906 ihren Weg in den Goldenen Westen, der ihr zum Verhängnis wird, B. Traven, der sprachgewaltige literarische „Ziegelbrenner“, flieht nach der niedergeschlagenen Münchner Revolution von 1919 nach Mexiko. Wahre deutsche Exoten gründen 1929 eine Kommune auf den Galapagos – nachzulesen im Roman Die Galapagos-Affäre (2001) von Günter Seuren. Nach 1933 erfolgt dann der geistige Exodus der deutschen Literatur: Wie viele andere Schriftsteller geht der bayerische Dichter Oskar Maria Graf (Gelächter von außen, 1966) über Österreich und die Tschechische Republik in die USA. 2004 arrangierte das Haus der Bayerischen Geschichte in Augsburg eine großartige und fundierte Ausstellung zur Auswanderung aus Bayern nach Amerika seit 1683 unter dem Titel „Good Bye Bayern. Grüß Gott America.“

Das Thema bleibt weiterhin aktuell: So hat auch der amtierende US-Präsident Donald Trump (*1946) einen deutschen Großvater, der sich noch bei seiner Einschiffung exakt „Friedrich Trumpf“ schrieb und (*1869) aus Kallstadt in der Pfalz stammte – damals Bestandteil des Königreichs Bayern. Und Elvis Presleys deutsche Vorfahren hießen einst „Preßler“. Unvergesslich noch heute in der Oberpfalz seine Militärdienstzeit 1959/60 in Grafenwöhr. Der Vater des bewusst provozierenden US-Schriftstellers Henry Miller (Sexus, 1949) Heinrich war wiederum ein Schneider aus Bayern.

Elvis Presley in Weiden, (c) Thomas Dobler, Der neue Tag, Weiden i.d. OPf.

Der „westliche“ Exodus in „gelobte Länder“ – vor allem in die Vereinigten Staaten – scheint einigermaßen bekannt und auch literarisch aufgearbeitet zu sein. Aber wer weiß schon, dass bayerische Siedler auch in Westböhmen in neue Horizonte aufbrachen, genauso wie ansässig gewordene Siebenbürger Sachsen, deutschstämmige Siedler aus Galizien oder Wolgadeutsche aus dem Russischen Reich, wo sie – gerufen von der Deutschen Katharina der Großen – meinten, für immer eine „neue Heimat“ gefunden zu haben? Auch „vor Ort“ in ihrer neuen geographischen Bleibe herrschten Armut, Arbeitslosigkeit, Landknappheit, Kinderreichtum, religiöse oder politische Unfreiheit. Und so machten sich auch im östlichen Europa um 1900 die ehemaligen deutschen Einwanderer auf, um nach Australien, Neuseeland, Südamerika oder Kanada zu gelangen – stets in der Hoffnung auf ein besseres, erfüllteres Leben.

Diesen kleinen „exotischen“ Randgruppen wurde in der Vergangenheit von der deutschen Kulturgeschichtsschreibung viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Zahlreiche Beiträge in dem kultur- und sozialgeschichtlichen Lesebuch Nach Übersee zeichnen jetzt diese deutsche Emigrationsgeschichte einfühlsam nach und verdeutlichen damit verbundene wirtschaftliche, kulturelle und politische Phänomene.

Für bayerische LeserInnen dürfte der darin enthaltene Aufsatz „Auswanderer des 19. Jahrhunderts aus Böhmen nach Neuseeland und ihre Nachkommen“ (S. 57f.) von Wilfried Heller (*1942 in Littmitz/Lipnice) von besonderem Interesse sein: Die böhmischen Auswanderer aus Dörfern zwischen Mies (Stribro) und westlich von Pilsen, die zwischen 1859 und 1863 aufbrachen – mit „Nachwanderungen“ auch aus Schlesien und Nürnberg –, sprachen einen deutschen, den sogenannten Egerländer Dialekt, der ja zur nordbaierischen Dialektfamilie gezählt wird. Bis zum Ersten Weltkrieg kommunizierte die dortige Puhoi-Bevölkerung sogar im Dialekt des Herkunftsgebiets, einer regionalen Variante des Egerländer Dialekts, weil der Migranteninitiator Martin Krippner (*1817), gebürtiger Egerländer und österreichischer Offizier, auch in Neuseeland als versierter Schullehrer fungierte. Heute noch werden diese Migranten, die sich noch jahrzehntelang nach ihrer Einwanderung als Deutsche begriffen und offiziell auch als solche bezeichnet wurden, von den Neuseeländern „Bohemians“ genannt. Der Begriff „Bohemians“ hat sich so verfestigt, dass er nach dem Rückgang der antideutschen Stimmung und Ressentiments im Zuge zweier Weltkriege, sogar beibehalten wurde. Besondere „Überlebenshilfe“ kam kurioserweise von den einheimischen Maoris, die sich bis heute intensiv um die museale Pflege und literarische Tradition der deutschen Einwanderer bemühen.

„Deutschböhmen in Neuseeland“ dürfte für viele vielleicht ein noch unbekanntes, unverstandenes Kapitel sein. Es lohnt sich aber, dieses aufzuschlagen und nachzulesen. Einer von zahlreichen Beiträgen in dem Band, der zeigt, wie globale Emigration – auch unter schwierigen Umständen – gelingen kann!


Sekundärliteratur:

Deutsches Kulturforum östliches Europa e.V. (2015): Nach Übersee. Deutschsprachige Auswanderer aus dem östlichen Europa um 1900. Mit ausführlichem Register und Karten (Reihe Potsdamer Bibliothek östliches Europa). Potsdam.

Daniel Defoe: Kurze Geschichte der pfälzischen Flüchtlinge [A Brief History of the poor Palatine Refugees, 1709]. Übers. v. Heide Lipecky mit e. Vorw. v. John Robert Moore. München 2017.

Florstedt, Renate (Hg.) (1998): Wortreiche Landschaft. Deutsche Literatur aus Rumänien – Siebenbürgen, Banat, Bukowina. Ein Überblick vom 12. Jahrhundert bis zur Gegenwart (Sonderband Rumänien des Fördervereins BlickPunktBuch e.V. Leipzig). Leipzig.

Hamm, Margot u.a. (Hg.) (2004): Good Bye Bayern. Grüß Gott America: Auswanderung aus Bayern nach Amerika seit 1683. Katalogbuch zur Ausstellung (Veröffentlichungen zur Bayerischen Geschichte und Kultur, 48). Augsburg.

Oberhauser, Fred; Kahrs, Axel (2008): Literarischer Führer Deutschland (Insel-TB). Frankfurt/M. und Leipzig, S. 96 und S. 727.

Schweiggert, Alfons; Macher, Hannes S. (2004): Autoren und Autorinnen in Bayern. 20. Jahrhundert. Dachau.

Stiehler, Heinrich (1974): Zwischen Utopie und Idylle. Deutschsprachige Dichtung Rumäniens. In: Akzente. Zeitschrift für Literatur, H. 1, S. 21-52.

Externe Links:

Deutsches Kulturforum östliches Europa

Literaturkreis der Deutschen aus Russland e.V.

Passagierlisten für Abfahrten aus Bremen 1907f.


Kommentare

Ralf Heimrath am 04.07.2017 um 12:50

Lieber Herr Baron, ich möchte darauf hinweisen, dass der von mir sehr geschätzte Wilfried Heller die Siedlung Puhoi in Neuseeland aus der Sicht eines Geographen geschildert hat. Zum Dialekt hat er sich dabei wenig geäußert. Die bisher ausführlichste Beschreibung des zum "Nordbairischen" gehörenden Egerländer Dialekts in Puhoi stammt dagegen aus meiner Feder, veröffentlicht im Jahrbuch der Johann-Andreas-Schmeller-Gesellschaft und auf internationaler Ebene in Ralf Heimrath: Punoi - The Agony of a German Language Island in New Zealand. In: Ralf Heimrath / Arndt Kremer (Ed.): Insularity. Small Worlds in Linguistic and Cultural Perspectives. Würzburg: Königshausen & Neumann 2015, S. 63-79. Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie dies in Ihre Anmerkungen zum Lesebuch "Nach Übersee" aufnehmen könnten. Mit freundlichen Grüßen Ralf Heimrath



Tanja Krombach am 05.07.2017 um 08:39

Lieber Herr Baron, herzlichen Dank für Ihren wiederum überaus fundierten und kenntnisreichen Text auf dem Literaturportal Bayern über unser Übersee-Buch, das nun hoffentlich noch etwas mehr Beachtung findet, das Thema muss man doch eigentlich spannend finden. Wir sind jedenfalls sehr froh und dankbar, dass es Ihr Interesse fand und Sie für seine Verbreitung sorgen. Herzliche Grüße Tanja Krombach, Deutsches Kulturforum östliches Europa, Stellvertretende Direktorin, Leiterin Verlagsabteilung



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