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24.04.2017, 15:04 Uhr
Bernhard M. Baron
Text & Debatte
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Foto: Reinhold Willfurth

Anmerkungen zum neuen Literarischen Reiseführer Oberschlesien

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Das Deutsche Kulturforum östliches Europa engagiert sich für die Vermittlung deutscher Kultur und Geschichte im östlichen Europa. Dabei sind Regionen im Blick, in denen Deutsche gelebt haben oder bis heute leben. Das Kulturerbe jener Gebiete verbindet Deutschland mit seinen Nachbarn. Dies soll einer breiteren Öffentlichkeit bewusst gemacht werden – im Dialog und in zukunftsorientierter Zusammenarbeit mit den osteuropäischen Partnern. In der „Potsdamer Bibliothek östliches Europa“ erscheinen Sachbücher, Bildbände und Kulturreiseführer. In diesen Tagen erschien der neue Literarische Reiseführer Oberschlesien.

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Wohl auf den ersten Blick fragt sich der unbedarfte Literaturfreund: Was hat der 2016 erschienene Literarische Reiseführer Oberschlesien von Marcin Wiatr, herausgegeben vom Deutschen Kulturforum östliches Europa e.V. Potsdam, mit dem Literaturland Bayern zu tun? Wäre da nicht die historische Weichenstellung durch die schlesische Landesherrin, die Heilige Hedwig (1174-1243) aus dem bayerischen Haus Andechs-Meranien, oder Joseph Freiherr von Eichendorffs im Tagebuch festgehaltene Durchreise durch Bayern von 1807 und 1808 (1853 Verleihung des bayerischen „Maximilians-Ordens für Wissenschaft und Kunst“ an Eichendorff – seit 1957 gibt es eine Eichendorff-Büste in der Walhalla bei Regensburg). Aber auch Gustav Freytags Aufenthalte in Coburg (Ernennung zum Coburger Hofrat 1854) wären zu erwähnen oder der Militäreinsatz des bayerischen Freikorps Oberland bei der Volksabstimmung in Oberschlesien mit der Erstürmung des Annaberges 1921 sowie die daraus entstehenden historischen Konsequenzen, die nach dem Zweiten Weltkrieg in dem großen Exodus von 1945 endeten und so unzählige oberschlesische Schriftsteller und Dichter nach Bayern führten: Ruth Storm, Karl Schodrok, Rudolf Langer, Peter Horst Neumann, Gerhard Kukofka, Arno Lubos, Janosch, Reiner Zimnik, Heinz Piontek, Horst Bienek, Heinar Kipphardt, Wolfgang Bittner, Ernst Josef Krzywon, Jochen Lobe, nicht zu vergessen die vielen Autoren mit oberschlesischen Vorfahren wie Franz Joachim BehnischKlaus Stiller oder Matthias Kneip. Sie alle prägten und bereicherten in ihrer Vielfalt das Literaturland Bayern in Wort und Schrift.

Zum besseren Verständnis des Herkunftslandes der neu-bayerischen Autoren, des Industriegebiets Oberschlesien und römisch-katholisch habsburgisch geprägten „Landes unterm Kreuz“ (Doku-Film von 1926/27), sei hier das gleichnamige Gedicht von Johann Wolfgang von Goethe aus seinem West-östlichen Divan (1819) zitiert:

Besserem Verständnis

Wer das Dichten will verstehen
Muß in’s Land der Dichtung gehen;
Wer den Dichter will verstehen
Muß in Dichters Lande gehen.

Joseph von Eichendorff, Horst Bienek, Janosch (c) Bayerische Staatsbibliothek/Timpe

So kommt der neue Literarische Reiseführer Oberschlesien zur rechten Zeit, auch weil über Heimat, so scheint es, wieder unbefangener als in den vergangenen Jahren, als der Begriff „Heimat“ gründlich diskreditiert worden war, geredet werden darf. Aber nicht nur Heimat-Touristen werden dieses interessante Vademecum in die Hand nehmen, sondern verstärkt diejenigen Kulturinteressierten, die ins heutige Polen reisen. „Die eigentlich literarischen Provinzen sind die verlorenen Provinzen“, zitiert Horst Bienek zu Recht Joseph Roth, der für immer unser Bild von den verschwundenen Ostprovinzen des alten k. u. k. Reiches geprägt hat.

*

Es gibt sie also doch die Literatur aus Oberschlesien, sei sie deutsch, polnisch oder auch mehrsprachig geprägt. Joseph von Eichendorff, dessen Vorfahren wohl aus dem niederbayerischen Eichendorf an der Vils bei Landau im frühen Mittelalter über die Mark Brandenburg ins südliche Schlesien gelangten, Max Herrmann-Neiße, Arnold Zweig, Max Tau, August Scholtis und Horst Bienek – sie alle stammen aus dem einst romantischen „wälderrauschenden Land“. Janosch, geboren als Horst Eckert in Hindenburg, heute Zabrze, setzte seiner Heimat ein bleibendes belletristisches Denkmal. Wilhelm Szewwcyk, Gustav Morcinek, Tadeusz Rozewicz lebten und schrieben hier, Jaromir Nohavica besang die Region und Kazimierz Kutz hielt sie filmisch fest.

Der Germanist und Historiker Marcin Wiatr, geboren in Gliwice (als Gleiwitz die Geburtsstadt Horst Bieneks) präsentiert ein vielschichtiges kulturelles Handbuch mit zahlreichen Illustrationen, Fotos und Stadtplänen. Fünf thematische Touren laden zu einer kunsthistorischen und literarischen Erkundung und Neuentdeckung Oberschlesiens ein unter Einbeziehung von Baukunst, Industrie, Grenze, Landschaft und Mystik. Ein kurzer Überblick über die Geschichte Oberschlesiens, Kurzbiographien der Schriftsteller sowie ein Orts- und Personenregister ergänzen den literarischen Reiseführer. Das Buch ist eine einzigartige Informationsquelle für Leser, Literaturvermittler, Journalisten, Buchhändler und Bibliotheken.

In Oberschlesien, Polen und darüber hinaus mag dieses Kompendium mit der aufgezeigten Tour d‘horizon auch anderen Literaturlandschaften als Anregung dienen!


Sekundärliteratur:

Baron, Bernhard M. (2016): Eichendorff in der Oberpfalz. In: Lubowitzer Jahrbuch XIII (2015), S. 44-57.

Bienek, Horst (Hg.) (1985): Heimat. Neue Erkundungen eines alten Themas (Dichtung und Sprache der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung Darmstadt, 3). München.

Fassl, Peter; Herrmann, Berndt (1995): Trauer und Zuversicht. Literatur der Heimatvertriebenen in Bayern. Katalog zur Ausstellung des Bezirks Schwaben i.Z. mit der Stadt Augsburg und dem Haus des Deutschen Ostens München. Augsburg.

Goethe, Johann Wolfgang von Goethe (1819): West-östlicher Diwan. Stuttgart, S. 16.

Gross, Herbert (1995): Bedeutende Oberschlesier. Kurzbiographien. Dülmen.

Lubos, Arno (1974): Geschichte der Literatur Schlesiens. 3 Bde. München.

Schweiggert, Alfons; Macher, Hannes S. (2004): Autoren und Autorinnen in Bayern. 20. Jahrhundert. Dachau.

Wiatr, Marcin (2016): Literarischer Reiseführer Oberschlesien. Fünf Touren durch das barocke, (post)industrielle, grüne, mystische Grenzland. Mit zahlreichen farbigen und Schwarz.-Weiß.-Abbildungen, Kurzbiografien, ausführlichem Register und zweisprachigen Karten. 424 S.

Externe Links:

Deutsches Kulturforum östliches Europa


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