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06.06.2019, 18:06 Uhr
Bernhard M. Baron
Text & Debatte
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Foto: Reinhold Willfurth

Anmerkungen zum Lesebuch Donauschwaben

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Das Deutsche Kulturforum östliches Europa engagiert sich für die Vermittlung deutscher Kultur und Geschichte im östlichen Europa. Dabei sind Regionen im Blick, in denen Deutsche gelebt haben oder bis heute leben. Das Kulturerbe jener Gebiete verbindet Deutschland mit seinen Nachbarn. Dies soll einer breiteren Öffentlichkeit bewusst gemacht werden – im Dialog und in zukunftsorientierter Zusammenarbeit mit den osteuropäischen Partnern. In der „Potsdamer Bibliothek östliches Europa“ erscheinen Sachbücher, Bildbände, Kultur- und Literarische Reiseführer. Vor Kurzem ist das kulturgeschichtliche Reisebuch Donauschwaben. Deutsche Siedler in Südosteuropa erschienen.

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Was haben Erzbischof Robert Zollitsch, Ex-Bundespräsident Horst Köhler, der ehemalige CDU-Fraktionsvorsitzende im Deutschen Bundestag Volker Kauder, die ehemalige SPD-Bundesfamilienministerin Renate Schmidt, der grüne Ex-Außenminister Joschka Fischer, der Sänger und Komponist Peter Maffay, der Schauspieler Heino Ferch oder der ehemalige österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz gemeinsam?

Ja, sie alle sind Nachfahren der verschiedensten deutschen Auswanderergruppen, die einst im späten 17. Jahrhundert und noch Ende des 18. Jahrhunderts von deutschen Donauhäfen auf sog. „Ulmer Schachteln“ (entstanden aus dem kleineren Typ der „Wiener Zillen“) donauabwärts über Regensburg und Passau in die von den Habsburgern zurückeroberten Länder des südöstlichen Europas gelangten, sich nach 1918 im heutigen Rumänien, Ungarn oder Serbien wiederfanden und allgemein – unabhängig von ihrer geographischen Herkunft – als „Donauschwaben“ oder „Ungarndeutsche“ bezeichnet wurden. Manche Auswanderergruppen gelangten sogar bis zur Mündung des Schwarzen Meeres, aus denen sich dann die Volksgruppen der Bessarabien-, Dobrudscha- und Schwarzmeerdeutschen bildeten. Bei ihrer Ankunft wurden die „Ulmer Schachteln“ gleich als Nutzholz oder zur Weiterverwendung verkauft.

Historische Darstellung einer Ulmer Schachtel

Die „Donauschwaben“ kamen als angeworbene Wehrbauern, waren bald ob ihrer Ausbildung, Tüchtigkeit und Ausdauer wirtschaftlich erfolgreich und prägten weite Landstriche. 1930 wurden rund 1,5 Millionen von ihnen vom Außenministerium der Weimarer Republik als eigenständige deutschstämmige Volksgruppe anerkannt und später unter den Nationalsozialisten als „Volksdeutsche“ vereinnahmt, in die Wehrmacht eingezogen oder in den Dienst in der Waffen-SS gestellt. Ab 1944, dem sog. „Blutigen Herbst“, verloren Hunderttausende durch Flucht, Vertreibung, Verfolgung und Deportation ihr Zuhause, Tausende sogar ihr Leben. Sie alle wurden kollektiv zum Ende des Zweiten Weltkriegs für deutsche Kriegsverbrechen verantwortlich gemacht. Ein Großteil der entwurzelten „Donauschwaben“ fand dann als „heimatvertrieben“ meist in Süddeutschland Zuflucht und dort eine neue Heimat. Über 300.000 gelangten in das Gebiet des heutigen Baden-Württemberg, rund 240.000 nahm der Freistaat Bayern auf. Dies war auch der Grund, warum der Bezirk Oberbayern am 23. Juli 1992 die Patenschaft „über den Volksstamm der Donauschwaben in Bayern“ übernahm „zur Wahrung ihrer Identität“. Die verbliebenen „Donauschwaben“ in der alten Heimat aber bilden heute wieder aktive deutsche Minderheiten in ihren dortigen Heimatstaaten zur Wahrung ihrer sozialen Rechte und zur Pflege ihrer eigenen Kultur.

Aus den einst eingewanderten Wehrbauern entstammten bald Ingenieure, Soldaten, Baumeister, Chemiker, Maler (Stefan Jäger), Komponisten (Paul Abraham), Theologen (Sebastian Kräuter) und Dichter. Die breite Palette reicht vom Biedermeier des Nikolaus Lenau (1802-1850), dem aristokratischen „Edler von Strehlenau“ und „Dichter des Weltschmerzes“ (Jean Paul), bis zur zeitgenössischen Literaturnobelpreisträgerin von 2009 Herta Müller (*1953) und ihrem Ehemann, dem Autor Richard Wagner (* 1952). Schon früh hatte sich auch Walter Höllerer in seiner Literaturzeitschrift Akzente (1972, 1974, 1976) der „deutschsprachigen Dichtung Rumäniens“ angenommen, in dessen Mittelpunkt der später umstrittene Sprachartist Oskar Pastior (1972-2006) stand. Oskar Pastior, seit 1968 in der Bundesrepublik Deutschland ansässig, war u.a. Gast bei den 7. Weidener Literaturtagen vom Mai 1991.

Besondere Erwähnung muss auch der Banater Schriftsteller Adam Müller-Guttenbrunn (1852-1923) finden, der sich unermüdlich für Deutsch als Unterrichtssprache einsetzte. Der Roman Die Glocken der Heimat ist seit 1911 in mehreren Auflagen erschienen. In diesem Zusammenhang sei noch auf den Publizisten Edmund Steinacker (1839-1929) verwiesen. Heute ist einer der wenigen im „Banat“ verbliebenen Schriftsteller und Journalisten Balthasar Waitz (*1950 in Nitzkydorf). Für seinen Roman Das rote Akkordeon (2017) erhielt er den Prosa-Preis des Rumänischen Schriftstellerverbandes.

Links: Nikolaus Lenau, Ölgemälde von Friedrich Amerling. Rechts: Herta Müller, Ehrentafel in der Eingangshalle des Nikolaus-Lenau-Lyzeums.

Großes Lob verdienen die beiden Autoren Gerhard Seewann (*1944) und Michael Portmann (*1975), beide Historiker mit kulturgeschichtlichem Einfühlungsvermögen und Weitblick, die hier ein ästhetisches, opulentes, fundiertes Handbuch mit zahlreichen Kartenmaterial und historischem Bildmaterial edieren.

Das Buch, herausgegeben vom „Deutschen Kulturforum östliches Europa“, ist eine Informationsquelle, ein Vademecum, das nicht nur betroffene Leser aus dem Bereich der Donauschwaben interessieren dürfte, sondern auch Literaturvermittler, Journalisten, Buchhändler und Bibliotheken. Aufgrund der Seriosität ist es zudem für den Schulunterricht an Realschulen und Gymnasien begleitend geeignet, ein wissenschaftliches Fundament zur Fülle der ebenfalls bisherigen notwendigen Heimat- und Erinnerungsbücher. Dank und Anerkennung sei an dieser Stelle allen Verantwortlichen des humanistisch-kosmopolitischen „Deutschen Kulturforums östliches Europa“ ausgesprochen, die sich als bibliophile Institution bestens bewährt hat!


Sekundärliteratur:

Ferenc, Mitja; Hösler, Joachim (2011): Spurensuche in der Gottschee. Deutschsprachige Siedler in Slowenien. Hg. v. Deutschen Kulturforum östliches Europa i.d.R. „Potsdamer Bibliothek“. Potsdam.

Florstedt, Renate (1998): Wortreiche Landschaft. Deutsche Literatur aus Rumänien – Siebenbürgen, Banat, Bukowina. Ein Überblick vom 12. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Hg. v. Förderverein BlickPunktBuch e.V. Leipzig (Sonderheft Rumänien). Leipzig.

Leicht, Sebastian (1983): Weg der Donauschwaben. Dreihundert Jahre Kolonistenschicksal. Graphischer Zyklus mit Texten von Georg Wildmann. Passau.

Schuster, Hermann: Die Donauschwaben aus dem ehemaligen Jugoslawien in Bayern. Dokumentation.

Seewann, Gerhard; Portmann, Michael (2018): Donauschwaben. Deutsche Siedler in Südosteuropa. Hg. v. Deutschen Kulturforum östliches Europa und dem Donauschwäbischen Zentralmuseum Ulm i.d.R. Potsdamer Bibliothek östliches Europa. Potsdam.

Stanicic, Mirjana (2013): Verschüttete Literatur. Die deutschsprachige Dichtung auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien von 1800-1945. Wien/Köln u.a.

Externe Links:

Die Donauschwaben

Donauschwäbische Kulturstiftung

Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas

Donauschwaben

Ulmer Schachtel

Liste donauschwäbischer Persönlichkeiten


Kommentare

Tanja Krombach am 17.06.2019 um 12:37

Vielen Dank für Ihre wiederum so freundliche und auch in diesem Fall ganz auf das Literarische gelenkte Rezension! Tanja Krombach, stellv. Direktorin und Verlagsleiterin Deutsches Kulturforum östliches Europa



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