Exil

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Vorderansicht der Weltbühne vom 2. Dezember 1930

Am 16. Dezember 1933 wurde Julius Zerfaß aus dem Konzentrationslager entlassen. Im November 1934 gelang ihm die Flucht in die Schweiz, wo er unter dem Pseudonym Walter Hornung mit Dachau – eine Chronik 1936 eine der ersten Schilderungen aus einem Konzentrationslager vorlegte. Oskar Maria Graf schrieb darüber in Die neue Weltbühne:

Es sind Szenen in diesem Buche, die selbst der gewaltigste Dichter nicht schreiben könnte. Die erlittene Wirklichkeit nur konnte sie so formen [...] Das Buch ist wahr durch und durch. Es ist geschrieben mit einer unvergleichlich männlichen Phrasenlosigkeit, es riecht nach Echtheit. Aber die Wahrheit der geschilderten Erlebnisse und Zustände wäre noch nicht einmal das allein Aufwühlende an diesem Buch  das Überwältigende an ihm ist, dass wir in ihm ganz unerwartet und unbeabsichtigt zu miterlebenden Zeugen eines tiefen menschlichen Läuterungsprozesses werden [...] Das Buch erschüttert und richtet zugleich auf [...] Nur einer, der das Furchtbare erlebt hat, kann so einfach berichten. Ich will nicht zuviel sagen, aber ich glaube, diese Dachauer Chronik wird bleiben, wenn längst ein anderes Deutschland ist.

(Oskar Maria Graf: Bemerkungen. In: Die neue Weltbühne. H. 48. 1935, S. 1524f.)

Sehr wahrscheinlich war Zerfaß' Buch, neben den Schilderungen von Hermann Borchardt und Wolfgang Langhoff, eine der Quellen, die Ernst Toller für sein KZ Drama Pastor Hall (1939) benutzte. Historisches Vorbild von Tollers Märtyrer gegen die NS-Diktatur war Martin Niemöller, dessen Inhaftierung weltweite Proteste ausgelöst hatte. Zerfaß beschreibt in seiner Chronik detailliert, wie die Gefangenen auf Kommando Torf stechen müssen, eine Szene, die Ernst Toller im 2. Akt dramatisch umsetzt. Der zynische Satz aus dem 3. Akt „Auf Entlassung wird kein Wert gelegt“ ist eine Überschrift aus Zerfaß' Chronik.


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Dr. Michaela Karl

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