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Liesl Karlstadt bei der Tukankreis-Lesung von Oskar Maria Graf 21. Juli 1958 (Foto-Archiv Timpe/BSB)
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Tukan-Kreis

Als Student und angehender Dichter kommt Rudolf Schmitt Anfang der 1920er Jahre nach München – und nennt sich fortan Rudolf Schmitt-Sulzthal, nach der Stadt, in der er geboren wurde. 1930 eröffnet er den Tukan-Verlag, dessen Name laut Legende auf einen Abend in der Künstlerkneipe Simplicissimus und den Autor Hugo Biernath zurückgeht. Eine Reihe in diesem Verlag nennt sich die Tukan-Reihe, die laut Eigenbeschreibung „jungen Kräfte der Dichtung [sammelt], die über das reine Formenspiel zum glühenden Farbenspiel des Lebens gelangen wollen“. Die vitalistische Rhetorik passt bestens in diese Zeit, als die legendäre Münchner Avantgarde bereits der Vergangenheit angehört.

Als Buchclub und Lesungsveranstalter gründet Schmitt-Sulzthal 1933 den Tukan-Kreis. Mit den neuen Machthabern hat er weniger Probleme, als es nachher heißen wird. Das Verbot des Tukan-Kreises im Jahr 1937, das nach 1945 als Leumundszeugnis verwendet wird, gründet vermutlich weniger in inhaltlichen Differenzen als vielmehr in den Prinzipien der „Gleichschaltung“.

Nach dem Krieg kehrt Schmitt-Sulzthal aus russischer Gefangenschaft zurück, er zieht ins Münchner Umland, die Neugründung des Verlags misslingt allerdings. Der Tukan-Kreis aber feiert am 24. April 1950 im früheren Bohème-Café Stefanie sein 20-jähriges Bestehen. Alle zwei Wochen finden nun Lesungen statt. Es treten einige Autoren aus den Vorkriegsjahren auf, aber auch eine Reihe ganz anderer Autorinnen und Autoren, darunter Erich Kästner, Walter Kolbenhoff, Leonhard Frank, Günter Eich, Hermann Kesten, Luise Rinser, Carl Amery und – bei seinem ersten Besuch in Deutschland nach der Emigration nach New York – Oskar Maria Graf. Der Tukan-Kreis etabliert sich schnell als so intellektuelle wie feierlustige Institution. Zudem steht die Aufmerksamkeit für Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die während der NS-Zeit verboten oder vertrieben wurden, ausdrücklich auf dem Programm. „Man war etabliert“, schreibt Dirk Heißerer in dem Bändchen zum 80. Geburtstag des Tukan-Kreises: „Tukan hieß das Zauberwort in München für eine Mischung literarischer Vielfalt bei immer größer werdender Prominenz.“ Ähnlich ein Artikel über den Tukan-Kreis in der Wochenzeitung Die Zeit aus dem Jahr 1955:

Alle 14 Tage tagt er in einem Schwabinger Cafe unter dem Vorsitz des „Ober Tukans“ und lässt bei dieser Gelegenheit alte und junge, bekannte und unbekannte Autoren sprechen. Das geht nun schon 25 Jahre lang so –  mit einer Karenzzeit allerdings, die einem 1937 ausgesprochenen Verbot folgte und erst 1950 ablief, aber die darf man einrechnen und am 21. März das silberne Jubiläum feiern. Trotz der unverkennbaren Schwabinger Note, der großen Liberalität, mit der man Leonhard Frank so gut wie Ilse Aichinger, Ernst Penzoldt, Friedrich Märker, Erich Kästner wie Simon Glas oder Carl Amery dort begegnen konnte, um ein paar Namen zu nennen, hat der Tukan Kreis mit der Zeit eine mehr als nur lokale Bedeutung gewonnen.

1965 überzeugt Rudolf Schmitt-Sulzthal schließlich die Stadt München, alljährlich den Tukanpreis zu verleihen. Nur sechs Jahre später stirbt der Mann, der den Tukan-Kreis all die Jahre geleitet hatte. Seine Frau Erica übernimmt, bis sie sich Anfang der 1980er Jahre selbst nach einem Nachfolger umsehen muss. Ihre Wahl fällt, durch Vermittlung des Literaturredakteurs Karl Ude, auf den Verleger Hans Dieter Beck, der davon selbst ein wenig überrascht zu sein scheint, da er zwar steter Gast der Tukan-Kreis-Veranstaltungen ist, sich aber als literarischen Laien betrachtet. Geschadet hat es dem Tukankreis jedenfalls nicht: Das Programm bleibt auch unter seiner Schirmherrschaft kontrovers und anspruchsvoll; zudem gibt er dem Tukan-Kreis eine feste Struktur, indem er einen gleichnamigen Verein gründet, als dessen Vorsitzender er fungiert. Unterstützt wird er bei der Programmgestaltung von einem Beratergremium. Das Kulturreferat der Landeshauptstadt München trägt durch die Gewähr eines jährlichen Zuschusses zum existentiellen Erhalt einer der ältesten literarischen Institutionen Münchens bei. Der Wunsch von Erich Kästner – „Möge der Tukan nie auf Stelzen gehen! Das besorgen andere Vögel. Und möge er nie seinen Schnabel halten!“ – scheint offenbar in Erfüllung zu gehen.


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