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Tukan-Preis 2014 geht an Nina Jäckle

In seiner heutigen Sitzung beschloss der Kulturausschuss des Münchner Stadtrats, den diesjährigen Tukan-Preis der Stadt München an Nina Jäckle für ihren Roman Der lange Atem (Verlag Klöpfer & Meyer) zu vergeben.

Der mit 6.000 Euro dotierte Tukan-Preis zeichnet alljährlich eine sprachlich, formal und inhaltlich herausragende literarische Neuerscheinung aus. In die Auswahl kommen alle belletristischen Veröffentlichungen von Münchner Autorinnen und Autoren. Zu Diskussion standen in diesem Jahr insgesamt 62 Bücher, die von der Jury in fünf Sitzungen besprochen und bewertet wurden.

 

Die Begründung der Jury:

Nina Jäckles Der lange Atem ist ein Roman, in dem sich Inhalt und Form in idealer Weise aufeinander beziehen. Das Schlüsselwort für diesen Roman, der um die Tsunami- und Nuklear-Katastrophe in Japan 2011 kreist, ist das Meer, das Tausende von Menschen verschluckte und Städte und Landschaften verwüstete: Ähnlich der Wellenbewegungen des Meers gleitet auch der Text in kurzen Abschnitten vor und zurück, immer wieder neue Bilder, neue Reflexionen ergebend. Obwohl dieser Text stets von Neuem an denselben Punkten zu landen scheint, erzählt er doch von zunächst kaum merklichen Veränderungen, die am Ende einen schroffen Bruch bewirken. Am Beispiel Japan spürt Jäckle einem universellen, allzeit aktuellen Thema nach: Sie vergegenwärtigt, welche Traumata Naturkatastrophen und deren Folgen in den Menschen auslösen, und wie schwierig, ja manchmal fast unmöglich die Trauerbewältigung ist.

Der Ich-Erzähler des Buches verfertigt anhand von Fotos der entstellten Tsunamiopfer möglichst präzise Phantomzeichnungen, damit den Hinterbliebenen die Identifizierung ihrer Angehörigen zumutbar wird; er versucht so, die ungeheuerlichen Verluste zu verarbeiten, die Leere: eine Arbeit von hoher Symbolik. Jäckle lässt ihn in klarer, am französischen Nouveau Romangeschulter Sprache vom Danach erzählen. Es ist eine Sprache, die – wie der Erzähler – zeichnet, skizziert und nicht ausmalt, die Gefühle erzeugt, gerade indem sie nicht von ihnen spricht. Nina Jäckle hat ein subtil komponiertes, berührendes Buch geschrieben, dem man viele Leser wünscht.

Nina Jäckle, 1966 im Schwarzwald geboren, absolvierte Sprachenschulen in der französischen Schweiz und in Paris. 1995 wurde ihr erstes Hörspiel produziert, dem viele weitere folgten. Ihre Bücher erschienen im Berlin Verlag (u.a. 2002 das Prosa-Debüt Es gibt solche) und beim Verlag Klöpfer & Meyer, zuletzt die Erzählung Nai oder was wie so ist (2010) sowie ihr Roman Zielinski (2011). Nina Jäckle erhielt etliche Stipendien und Preise, zuletzt 2013 das Arbeitsstipendium des deutschen Literaturfonds.

Der Jury des Tukan-Preises gehörten in diesem Jahr an: Prof. Dr. Britta Herrmann (Uni Münster), Michael Lemling (Buchhandlung Lehmkuhl), Katrin Schuster (Literaturjournalistin), Dr. Elisabeth Tworek (Monacensia), Antje Weber (Süddeutsche Zeitung), Dr. Florian Welle (Literaturkritiker) sowie aus dem Stadtrat Kathrin Abele, Beatrix Burkhardt, Thomas Niederbühl, Marian Offman und Klaus Peter Rupp.

Die öffentliche Preisverleihung durch Bürgermeisterin Christine Strobl findet am Donnerstag, 11. Dezember 2014, um 19.00 Uhr im Literaturhaus statt. Dr. Hans-Dieter Beck, Leiter des Tukan-Kreises, spricht Grußworte. Die Laudatio hält die Literaturkritikerin und Autorin Beatrix Langner. Axel Wolf (Laute) spielt J.S. Bach.

Weitere Informationen zum Preis unter www.muenchen.de/literatur.



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