Info
17.06.2019, 16:24 Uhr
Mona Kästle
Spektakula
images/lpbblogs/autorblog/2019/klein/aux2_164.jpeg
(c) Literaturportal Bayern

Nachbericht zum Wir sind Gefangene-Remix von Angela Aux

https://www.literaturportal-bayern.de/images/lpbblogs/autorblog/2019/klein/AngelaAux_1_500.jpg
Angela Aux in der Monacensia (c) Susanne Steinmassl

In einer multimedialen Performance rief Angela Aux am 6. Juni 2019 in der Monacensia im Hildebrandhaus erneut die bayerische Räterepublik aus. Durch den Raum wirbelten Texte, die während seiner Schreibmaschinen-Performance im April und Mai in der Monacensia entstanden waren. Sie sollten an die zentrale Rolle der Flugblätter während der Revolution und Rätezeit erinnern. Mona Kästle war für uns vor Ort und hat sich Flugblätter und Performer genauer angesehen.

*

„Hi ich bin Florian!“ sagt der Mann mit Perücke zu mir, als ich ihn frage, ob ich ein Foto machen darf. Er trägt eine schwarze Strumpfhose, darüber ein buntgemustertes kurzes Sommerkleid und darüber eine noch buntere Jacke, die mit Weihnachtskugeln bedruckt ist. Erst als ich das Foto später wieder anschaue, fällt mir auf, dass er auf dem Kopf eine Cap trägt.

Angela Aux steht auf der Galerie der Monacensia, die als eine Art Bühne dient, und verkündet die Republik. Angela Aux. So nennt er sich. In der Hand hält er – oder muss ich jetzt sagen „sie“ – einen Stapel Flugblätter. Angela Aux remixt Texte von Oskar Maria Graf. Er möchte dadurch seinen Beitrag zur Aufarbeitung der Räterepublik leisten.

Ich fordere hiermit zum ersten und letzten Mal:

DIE REPUBLIK der inneren Unsicherheit.

DIE REPUBLIK der humanoiden Wahrhaftigkeit.

DIE REPUBLIK als Loch in der Welt.

DIE REPUBLIK des schönen Untergangs.

DIE REPUBLIK als Alternative zu dem ganzen Mist.

Und so geht es weiter... Dreißig mal fordert Aux DIE REPUBLIK... Am Ende: Angela Maria Aux, 04. Juno 2019. Er blättert um, nächstes Flugblatt. Es ist der

Wir sind Gefangene – RMX. Jetzt geht die Revolution an sagte ich romantisch – Ich fand Rachsucht und Frieden und Brot und musste die Wirtschaft nieder saufen.

Manchmal flüstert er ins Mikrofon, manchmal ruft er laut. Immer wieder greift er in eine Kiste voll mit Papierschnipseln, die neben ihm steht und wirft ein paar ins Publikum.

In einem abgetrennten Bereich unterhalb der Bühne liegen Flugblätter und Papierschnipsel mit kurzen Texten am Boden. Davor steht ein Schild:

ACHTUNG – Mensch! Hier betrittst Du die lyrische Zone – Steige auf diese Gedanken nach oben und verkünde.

Die Flugblätter sind während seiner Schreibmaschinen-Performance im April und Mai in der Monacensia entstanden. In atmosphärischer Nähe zum literarischen Nachlass von Oskar Maria Graf und dessen Original-Schreibtisch näherte Aux sich auf der Schreibmaschine tippend Grafs 1927 erschienenem Roman Wir sind Gefangene an.

(c) Susanne Steinmassl

Oskar Maria Grafs autobiografischer Roman, der geprägt ist vom München des frühen 20. Jahrhunderts, dem Ersten Weltkrieg und der Münchner Räterepublik. Wir sind Gefangene

ist eine Lupe in Verhältnisse und Verwirrungen, die heute drohend am Horizont leuchten. Der Remix erzeugt durch Verknappungen, Editionen und weiterführende Gedanken kleine Geheimgänge in diese Zeit, ihre Gedankenwelt und in das Buch an sich.

„Das Patent auf Punk in der bayerischen Denkgeschichte gehört bis heute dir“, verkündet Aux. „Die Kindheit nachts im Schlund der Bäckerei und dann der Krieg als mondäner Witz.“ Ein Verstehen solcher Textstellen gelingt nur, wenn man den Bezug zu Graf erkennt, der 1894 als Bäckersohn in der Nähe von Starnberg geboren wurde.

Das Publikum wird aufgefordert, mitzumachen. Man kann auf die Bühne gehen und durch das Mikrofon sprechen, die Revolution ausrufen oder seine eigenen Gedanken verkünden. In einer Ecke des Raums steht eine Schreibmaschine, auf der eigene Flugblätter oder Texte entworfen werden können. Nach und nach trauen sich ein paar Menschen in den mit Flugblättern tapezierten Raum. Man hebt ein Flugblatt auf, schaut sich die Papierschnipsel an. Langsam entstehen Gespräche. Es stehen Stühle bereit, auf denen man es sich bequem machen und sich in die Texte vertiefen kann. Oder das Geschehen beobachten. Einer traut sich sogar auf die Bühne und spricht ins Mikrofon:

Hallo ich heiße Oskar und ich verkünde hiermit die Revolution.

Angela Aux ist ein Künstler der Gegensätze, ein Künstler des Spiels mit der Identität. Er schlüpft in verschiedene Rollen oder kombiniert sie miteinander. Hip-Hop-Cap trifft Sommerkleid. Er veröffentlicht seine Texte unter verschiedenen Pseudonymen, das bekannteste ist Angela Aux, aber auch von Heiner Hendrix sollte man wohl mal gehört haben.

Beim Verlassen der Veranstaltung fällt mir das Schild am Eingang auf.

Bevor Sie eintreten, beantworten Sie sich bitte folgende Fragen: Was ist Ihr größtes Glück? Wer sind Ihre liebsten Menschen? Wie würden Sie gerne mal sein?

Schöne Fragen. Sollte man sich öfter stellen.

Oskar

im Pferdehimmel tragen alle Hippie-Pferde dein Gesicht als Amulett um den Hals und den ganzen Sommer durch wiehern sie deinen Namen: morgens, mittags und abends

Oskar

kein Wunder, dass niemand deinen Namen kennt oder wirklich Bücher von dir gelesen hat, denn wenn es so wäre, würde die Welt anders aussehen

Oskar


Externe Links:

Zur Website des Autors

Angela Aux in der Wikipedia


Kommentar schreiben