Schriftsteller in Oberbayern und der Kriegsbeginn 1914

Vor genau hundert Jahren, am 1. August 1914, beginnt in Deutschland der Erste Weltkrieg. Kein späteres Ereignis hinterlässt im 20. Jahrhundert so tiefe Spuren wie dieser Krieg, der heute noch der „Große“ genannt wird und rückblickend den Auftakt zu einem weiteren, noch viel größeren Zweiten Weltkrieg mit all seinen Verwerfungen bildet: Europa sollte nie wieder so aussehen wie zuvor, das langwierige Ende der bürgerlichen Epoche hatte begonnen, und Europa konnte sich auch politisch bzw. psychologisch von diesem Krieg nicht wieder vollständig erholen. Der Erste Weltkrieg wird zum Nährboden für Faschismus und Nationalsozialismus, beendet das Zeitalter des Hochimperialismus und setzt eine bis heute andauernde Auseinandersetzung der Kriegsschuldfrage in Gang. Zu Beginn noch euphorisch von vielen begrüßt, sind am Ende, im November 1918, rund 17 Millionen Tote, eine in Trümmer gestürzte Weltordnung und ungestillte Revanchegelüste zu bilanzieren.

Die ersten Augusttage werden schon damals als epochale Zeitenwende erfahren. Persönliche Erinnerungen und amtliche Publikationen berichten von enthusiastischen Menschenmengen und vaterlandstreuen Veranstaltungen. Das Kriegsgeschehen scheint bei vielen einen ganz eigenen ‚kreativen’ Schub auszulösen: patriotische Theaterstücke werden geschrieben, unzählige kriegsverherrlichende Gedichte und Geschichten an Buchverlage und Redaktionen der zeitgenössischen Presse verschickt. Der Krieg kommt schließlich auch bei den elitären kriegsgegnerischen Dichtern und Künstlern an.

[Links: Einschlagende Granaten, „welche unter Lebensgefahr des Photographen in nächster Nähe aufgenommen wurden“, Fotografie nach August 1914/15. Album Der Weltkrieg in der Photographie um 1915, BSB/Porträtsammlung. Mitte: Tote französische Chasseure im Zuge der Einnahme des Dorfes Carency während der Lorettoschlacht, Mai 1915. Rechts: Deutscher Schützengraben, während der Schlacht an der Somme von den Briten besetzt, Juli 1916.]

[Links: Zerbombter Chateauwald bei Ypern, Dritte Flandernschlacht, Schlacht von Passchendaele, Oktober/November 1917. Mitte: Angehörige der britischen 55. Division geblendet von Tränengas, 10. April 1918. Rechts: Ehemaliges Schlachtfeld bei Verdun, 2005.]

Von dem Münchner Schriftsteller Lion Feuchtwanger stammt der Satz: „Es wird wohl so kommen, wie es ein gescheiter Italiener prophezeit hat: ein Vierteljahr nach Friedensschluß werden sich die meisten dessen schämen, was sie während des Krieges geschrieben haben.“ (Schaubühne, Jg. 10, 12. November 1914, zit. n. Wilhelm, Hermann [2013]: München im Ersten Weltkrieg, S. 65) Dass er damit indirekt recht behalten hat, zeigen weniger die literarischen Verwerfungen einzelner Dichter nach dem Krieg als vielmehr die variierende Unterschiedlichkeit ihrer Beiträge schon während des Krieges und die damit einhergehenden eigenen oder fremden Neubewertungen. „Von [...] emphatischer Bejahung des Krieges über zeitweise amüsierte Distanziertheit und eine Nähe zur Gleichgültigkeit bis hin zur Bewertung des Krieges als ‚einzige Narretei’ (Oskar Maria Graf) reicht die Bandbreite der Haltungen.“ (Schneider, Uwe; Schumann, Andreas [2000]: Einführung, S. 9)

Wie sehen nun die bayerischen Schriftstellerinnen und Schriftsteller den Krieg, insbesondere unmittelbar nach Kriegsausbruch 1914? Die folgenden Ausführungen und Einzeldarstellungen wollen zumindest einen ausschnitthaften Überblick darüber geben, wie männliche Schriftsteller in und aus Oberbayern den Ersten Weltkrieg in ihren Dichtungen, Reflexionen und Biografien ‚poetisch’ verarbeitet haben. Denn das ist die treibende Kraft ihrer persönlichen Äußerungen – dass sie den Krieg immer ästhetisierend wahrnehmen, zumal sie von unmittelbaren Kampfeinsätzen an der Front meist ausgeschlossen sind und sich so ihren eigenen Zugang zum Kriegsgeschehen erst schaffen müssen.

(Rürup, Reinhard [1984]: Der „Geist von 1914“ in Deutschland, S. 1-30)

(Schneider, Uwe; Schumann, Andreas [2000]: Einführung, S. 7-12)


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Dr. Peter Czoik

Sekundärliteratur:

Literaturliste als PDF



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