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Gustav Landauer in Bayern (2): Umzug von Berlin nach Krumbach-Hürben

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Bildnis der Schriftstellerin Hedwig Lachmann von Julie Wolfthorn, ca. 1903

Gustav Landauer, geboren am 7. April 1870 in Karlsruhe, war eine außergewöhnliche und äußerst vielseitige Persönlichkeit: Als brillanter Vortragsredner und engagierter Publizist kämpfte er sein Leben lang gegen Ungerechtigkeit und soziale Missstände. Gleichzeitig war er als Literatur- und Theaterkritiker, Schriftsteller, Dramaturg und Übersetzer im kulturellen Bereich äußerst produktiv.

Die folgenden Ausführungen einer mehrteiligen Blogreihe zu Gustav Landauer beleuchten die Zeit von Mai 1917 bis Mai 1919, in der Landauer mit seiner Familie in Bayern lebte. Diese letzten zwei Jahre seines Lebens waren von dramatischen Ereignissen gekennzeichnet und endeten mit seiner brutalen Ermordung.

Ein Beitrag von Rita Steininger, deren neue Gustav-Landauer-Biografie soeben im Volk Verlag erschienen ist.

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Es ist Frühjahr 1917: Der Erste Weltkrieg geht nun bald ins vierte Jahr und je länger er andauert, desto größer wird die Not in der Bevölkerung. Vor allem in den Großstädten wird die Versorgungslage immer schwieriger. Gustav Landauer, seine Frau, die Dichterin Hedwig Lachmann, und die drei Töchter Charlotte, Gudula und Brigitte haben sich in ihrer Lebensweise schon immer stark einschränken müssen; inzwischen nagt die Familie am Hungertuch.

In dieser Notlage kommt der Gedanke auf, Berlin für einige Zeit den Rücken zu kehren und nach Bayern zu ziehen. Hedwig Lachmanns Mutter ist im Februar dieses Jahres gestorben; seither steht die Wohnung im schwäbischen Ort Krumbach, wo Hedwig aufgewachsen ist, leer. Kurzerhand beschließen Landauers, die Sommermonate dort zu verbringen. Nur die älteste Tochter Charlotte bleibt in Berlin. Sie hat dort eine Anstellung als Kindermädchen und soll sich bis zur geplanten Rückkehr ihrer Familie um die Wohnung im Berliner Vorort Hermsdorf kümmern.

Doch als der Sommer zu Ende geht, fährt die 14-jährige Gudula Landauer allein zurück in die Reichshauptstadt. Sie will dort ihr begonnenes Musikstudium fortsetzen und kommt bei ihrem Onkel Adolf Otto und ihrer Tante Franziska Otto, Hedwig Lachmanns Schwester, in Berlin-Grünau unter. Der Rest der Familie bleibt in dem kleinen, beschaulichen Ort in Schwaben, mit dem sich für Hedwig Lachmann viele Kindheitserinnerungen verbinden.

Hedwig Lachmann, das älteste von sechs Kindern des jüdischen Kantors Isaak Lachmann und seiner Frau Wilhelmine, wurde 1865 in Pommern, geboren. Als Hedwig sieben Jahre alt ist, ziehen ihre Eltern mit ihr und ihren zwei jüngeren Brüdern ins schwäbische Hürben (der Ort wird später nach Krumbach eingemeindet), wo ihr Vater die Stelle des Kantors übernimmt. Die Familie bezieht eine leer stehende Wohnung im jüdischen Schulhaus und in den folgenden Jahren kommen dort noch weitere drei Kinder zur Welt. Hedwig besucht das Fernsemer'sche Höhere Töchterinstitut in Krumbach, wo sie sich hervorragende Englisch- und Französischkenntnisse aneignet, und besteht im Alter von 15 Jahren die Prüfung zur Sprachlehrerin. Schon mit 17 geht sie als Erzieherin nach England, 1885 nach Dresden und 1887 nach Budapest, wo sie auch die ungarische Sprache erlernt. Mit 24 Jahren lässt sie sich schließlich in Berlin nieder. Neben ihrer Tätigkeit als Erzieherin und Hauslehrerin nutzt sie jede freie Minute, um sich ihrer eigentlichen Passion, der Lyrik zu widmen. Sie lernt den „Dichterfürsten“ Richard Dehmel kennen, mit dem sie lange Zeit eine komplizierte Beziehung verbindet – bis sie eines Tages dem Schriftsteller und Publizisten Gustav Landauer begegnet. Er ist, wie Dehmel, ein verheirateter Familienvater, und so wehrt sie auch sein Werben zunächst standhaft ab. Erst nach dem Tod ihres strenggläubigen Vaters, der eine solche Verbindung nie geduldet hätte, findet sie den Mut, sich für eine Zukunft mit Landauer zu entscheiden. Das Paar bekommt zwei Töchter, Gudula und Brigitte, und nimmt nach dem Tod von Gustavs erster Ehefrau auch die älteste Tochter Charlotte in ihrer Wohnung in Berlin-Hermsdorf auf.

Ihren Lebensunterhalt bestreiten Gustav Landauer und Hedwig Lachmann in den folgenden Jahren hauptsächlich mit Übersetzungsarbeiten. Doch immer wieder muss sich Landauer auch nach anderen Einnahmequellen umsehen, sei es als Buchhändler, Autor, Vortragsredner oder Theaterkritiker. 1908 kehrt er nach jahrelanger Abstinenz zur politischen Agitation zurück und gründet mit Martin Buber, Erich Mühsam und anderen Gleichgesinnten den Sozialistischen Bund.

Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs stehen Landauers engste Freundschaften plötzlich vor einer Zerreißprobe: Während der Religionsphilosoph Martin Buber und der Sprachkritiker Fritz Mauthner von der allgemeinen Kriegseuphorie erfasst werden, bleiben Gustav Landauer und Hedwig Lachmann unbeirrbar bei ihrer pazifistischen Haltung – und stehen damit auf sehr einsamem Posten.

Beide atmen auf, als sie im  Mai 1917 von Berlin-Hermsdorf nach Krumbach umziehen. Landauer empfindet die Menschen auf dem Land als längst „nicht so ekelhaft“ wie die Bewohner Berlins. Was er zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen kann: Bald werden ihm die Ortsbewohner wegen seiner Beteiligung am Revolutionsgeschehen in München feindselig gegenüberstehen. Während der ersten Räterepublik im April 1919 werden sie ihn als Eindringling und Feigling beschimpfen, der nur zum Sattessen nach Bayern gekommen sei. Damit wird deutlich: Mit einem Revolutionär wollen die Krumbacher nichts zu tun haben.

Sekundärliteratur:

Steininger, Rita (2020): Gustav Landauer. Ein Kämpfer für Freiheit und Menschlichkeit. Volk Verlag, München.

Walz, Annegret (1993): „Ich will ja gar nicht auf der logischen Höhe meiner Zeit stehen“. Hedwig Lachmann. Eine Biographie. Edition Die Schnecke, Flacht.

Quelle:

Martin Buber; Ina Britschgi-Schimmer (Hg.): Gustav Landauer. Sein Lebensgang in Briefen. 2 Bde. Verlag Rütten und Loening, Frankfurt am Main 1929.

Externe Links:

Gustav Landauer-Biographie beim Volk Verlag

Website von Rita Steininger

Hedwig Lachmann in der Wikipedia