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25.09.2020, 09:43 Uhr
Bernhard M. Baron
Text & Debatte
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Foto: Reinhold Willfurth

Zum 50. Todestag von Erich Maria Remarque: Eine filmliterarische Spurensuche

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Filmtext-Plakat zu "Zeit zu leben und Zeit zu sterben". Foto: Archiv Gerald Morgenstern Grafenwöhr

Er beschrieb das Schicksal von Soldaten, schilderte, wie Menschen unter einer Diktatur leben und erzählte von Heimatflucht und Vertreibung. Die Themen im Werk von Erich Maria Remarque sind heute aktueller denn je. Der in Osnabrück geborene Schriftsteller starb am 25. September 1970 in der Schweiz. Mit seinem Anti-Kriegsroman Im Westen nichts Neues (1927) wurde er weltberühmt. Heute jährt sich sein 50. Todestag. Bernhard M. Baron auf den filmliterarischen Spuren von Erich Maria Remarque durch die Oberpfalz.

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„Er erzählte seine Geschichten, wie Millionen sie erzählen würden, wenn sie schreiben könnten,“ urteilt der in Nürnberg aufgewachsene Literaturkritiker und PEN-Präsident Hermann Kesten über den aus Osnabrück stammenden international bekannten Bestsellerautor, ausgebildeten Lehrer und praktizierenden Journalisten, Erich Maria Remarque (eigentlich Erich Paul Remark, jedoch führt er frankophil seinen Autorennamen in Erinnerung an seine hugenottischen Vorfahren). Schon sein autobiographisch motivierter Anti-Kriegsroman Im Westen nichts Neues (1929), der schonungslos und desillusionierend – ganz im Gegensatz zu Ernst Jüngers verklärenden In Stahlgewittern – die Schrecken des Ersten Weltkriegs aufzeigt (Remarque ist selbst Kriegsfreiwilliger von 1916), wird ein sensationeller Welterfolg und bereits 1930 in den USA erfolgreich verfilmt. In der Weimarer Republik von den Nationalsozialisten unterdrückt („schädliches und unerwünschtes Schrifttum“), gehört es bei der NS-Bücherverbrennung vom Mai 1933 „wegen literarischen Verrats an Soldaten des Weltkriegs“ zu den verbrannten und anschließend verbotenen Büchern. 1938 wird der antimilitaristische Schriftsteller Erich Maria Remarque, der sich schon in den frühen 1930er-Jahren nach Frankreich und später in die Schweiz retten kann, vom Deutschen Reich ausgebürgert. In den USA wird er nicht nur US-Staatsbürger, sondern auch Liebhaber von Marlene Dietrich und Greta Garbo. Erich Maria Remarque wird den Nationalsozialisten nie vergessen, dass im Dezember 1943 seine Schwester Elfriede „wegen Wehrkraftzersetzung“ vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und hingerichtet wird.

Nach dem Zweiten Weltkrieg lebt der schreibgewandte, sich snobistisch gebende Bonvivant, Grandseigneur und „Weltbürger wider Willen“ (Der Spiegel), der sich 1926 durch seine damalige Ehefrau zum „Freiherrn von Buchwald“ adeln lässt und mit dem Großen Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet wird, in Porto Ronco bei Ascona am Lago Maggiore in der Schweiz.

1946 erscheint sein Roman Arc de Triomphe, 1954 Zeit zu leben und Zeit zu sterben, 1956 Der schwarze Obelisk und 1962 Die Nacht von Lissabon. Fast alle Romane Erich Maria Remarques behandeln Inflation, Emigration, Widerstand, KZ und Drittes Reich. Sie überzeugen eindrucksvoll von seinem dichten Erzähltalent und präsentieren psychologisch detaillierte Gestalten. Kein Wunder also, wenn sie fast allesamt auch verfilmt werden. Erich Maria Remarque „weiß, Themen für ein breites Publikum zu erschließen“ (Lutz Hagestedt). Millionen Leser*innen und Millionen Kinogänger*innen auf der ganzen Welt werden so mit der Wirklichkeit des 20. Jahrhunderts vertraut gemacht.

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Links: Erich Maria Remarque, 1928. Rechts: Dieter Borsche als Wehrmachtshauptmann im Spätherbst 1957 in Bernreuth (Foto: Archiv Rudi Weber Auerbach)

Einmal hat Erich Maria Remarque dank der US-Verfilmung seines pazifistisch-antifaschistischen Romans mit tragischer Liebesgeschichte Zeit zu leben und Zeit zu sterben von Douglas Sirk (A Time to Love and a Time to Die, 1958) auch den Weg nach Bayern gefunden, genauer gesagt, in die Oberpfalz, auf den US-Truppenübungsplatz Grafenwöhr.

Drehorte werden im Spätherbst 1957 neben Grafenwöhr im Landkreis Neustadt a.d. Waldnaab so das ehemalige Hammerschloss Altenweiher (von dem heute nur noch die Grundmauern stehen), das alte, heute aufgelassene Dorf Bernreuth, die frühere, von der US-Army teilweise sanierte Kirche von Hopfenohe oder der historische Eisenhammer Hammergänlas. Eine Phalanx von namhaften deutschen Schauspieler*innen geben sich hier in der Oberpfalz ein Stelldichein: Für die ursprünglich vorgesehene Hauptdarstellerin Marianne Koch springt Liselotte Pulver ein; die amerikanische Schauspielercrew, angeführt von John Gavin (HD Ernst Gräber), wird vervollständigt durch Barbara Rütting (russische Partisanin), Dorothea Wieck, Agnes Windeck, Dieter Borsche (Wehrmachtshauptmann Rahe), Charles Regnier, Kurt Meisel, Klaus Kinski, Ralf Wolter sowie Benno Hoffmann. Ja selbst der Romancier und Drehbuchautor Erich Maria Remarque spielt mit und agiert in der Rolle als Widerstandskämpfer „Prof. Pohlmann“. Bemerkenswert ist, dass alle deutschsprachigen Darsteller*innen die deutschsprachige Fassung auch selbst synchronisieren – lediglich Erich Maria Remarque lässt sich von Robert Klupp synchronisieren. Um den Schnee im russischen Winter 1944/45 optisch zu simulieren, lässt die Produktionsfirma Tonnen von künstlichem Schnee auf den US-Truppenübungsplatz Grafenwöhr transportieren. Es handelt sich um weißen Quarzsand vom Monte Kaolino aus Hirschau (Lkr. Amberg-Sulzbach).

Ehemaliges Hammerschloss Altenweiher – Drehort im Film Spätherbst 1957 (Foto: Archiv Rudi Weber Auerbach)

Gerald Morgenstern, ehemaliger Stabsfeldwebel der Bundeswehr und Autor der zweisprachigen Monographie über den Truppenübungsplatz Grafenwöhr, zeigt heute noch – dank vieler Zeitzeugen, die damals als Komparsen (Albert Metzner) oder Helfer (Franz Seidl) für die Remarque-Verfilmung aktiv waren – bei Führungen im Auftrag der US-Army die originalen Drehplätze. Auch verwahrt Rudi Weber, ehemaliger Rektor im benachbarten Auerbach (wo einst Günter Grass US-Kriegsgefangener war), noch historische private Fotoaufnahmen. Eine überlieferte Grafenwöhrer Anekdote erzählt, wie Dieter Borsche mit seinem VW-Käfer durch den Wasserdurchlauf der „Panzerstraße“ fährt und später seinen Pkw zur Reparatur in das Autohaus Höllerl nach Eschenbach bringen muss. Regisseur Douglas Sirk wird von den ehemaligen Grafenwöhrer Komparsen als „sehr energisch“ geschildert, der „stets herumschrie“, so dass Lilo Pulver und Barbara Rütting die lokalen Jungmitwirkenden wieder beruhigen mussten. Und da der US-Truppenübungsplatz im Spätherbst 1957 sehr trocken war, musste auch die „Grafenwöhrer Feuerwehr mit dem Kommandanten Pscherer“  ausrücken und die Fläche filmgerecht „in eine russische Schlammwüste“ verwandeln. Die Filmcrew wohnte im benachbarten Auerbach im „Hotel Federhof“, Bahnhofstraße 37, das der Familie Feder bis 1998 gehörte, wie der Auerbacher Heimatforscher Hans Kugler zu  berichten weiß.

Film-Crew in Aktion im Spätherbst 1957 (Foto: Archiv Rudi Weber Auerbach)

Am 12. Oktober 1957 kommt es in Berlin noch zu einem gemeinsamen Abschluss- und Erinnerungsfoto mit dem Literatur- und Filmagenten Paul Kohner, dem Regisseur Douglas Sirk und dem Autor der Filmvorlage, Erich Maria Remarque. Das Foto täuscht allerdings über die komplizierte Zusammenarbeit der Dargestellten etwas hinweg.

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Erich Maria Remarque gehört bis heute durch sein aufrüttelnd realistisch geschriebenes Werk zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Autoren des 20. Jahrhunderts im In- und Ausland. Wie kaum ein anderer hat er millionenfach sein Publikum weltweit in seinen literarischen Bann gezogen. „Und wenn Erich Maria Remarque über die Liebe zu Zeiten des Krieges schreibt, wirkt sie weder kitschig noch pompös ausgeschmückt. Gerade letzteres macht ihn zu einem wirklich lesenswerten Schriftsteller“ (Timo Brandt).

Sein dichterisches Werk wird heute von der 1986 begründeten Erich-Maria-Remarque-Gesellschaft Osnabrück gepflegt, seine Romane und Novellen sind zum größten Teil in Taschenbuchausgaben des 1948 gegründeten Kiepenheuer & Witsch Verlags Köln verfügbar. Gerade in unserer heutigen Zeit hat die Literatur von Erich Maria Remarque in ihrer friedenspolitischen Aussagekraft nichts verloren, ja sie kann auch für jüngere Leser*innen durchaus ein Vademecum sein.

Sekundärliteratur:

Arnold, Heinz Ludwig (Hg.) (2001): Remarque. edition text und kritik (H. 149). Richard Boorberg-Verlag, München.

Fuld, Werner; Schneider, Thomas F. (Hg.) (2001): Sag mir, dass Du mich liebst. Erich Maria Remarque – Marlene Dietrich. Zeugnisse einer Leidenschaft. Kiepenheuer & Witsch, Köln.

Mathew, Mark Brian (2020): Der schwarze Obelisk – Betrachtungen eines Romans von Erich Maria Remarque. Film-Dokumentation, unterstützt von der Erich-Maria-Remarque Gesellschaft Osnabrück.

Morgenstern, Gerald (2010): Truppenübungsplatz Grafenwöhr. 1910-2010. Gestern-Heute/Grafenwoehr Training Area. Yesterday & Today. New Edition German – English. Druckerei Hutzler, Grafenwöhr, S. 86.

Moser, Dietz-Rüdiger u.a. (Hg.) (1967): Lexikon der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur seit 1945. Bd. 2. Nymphenburger, München, S. 979-981.

Oberhauser, Fred; Kahrs, Axel (2008): Literarischer Führer Deutschland. Mit einem Vorwort von Günter de Bruyn. Insel-Verlag, Frankfurt/Leipzig, S. 960f.

o.V. (1957): „Klein-Sibirien“ als Filmkulisse. In: Passauer Neue Presse (Passau). Quer durch Bayern, Nr. 266, 19. November, S. 3.

Regenbogen, Ingo (2007): Remarque – Sein Weg zum Ruhm. Film-Doku-Drama mit Max von Thun, Esther Zimmering, Julia Nachtmann, Jörg Panknin u.a. Regie: Hanno Brühl, NDR.

Schneider, Thomas F. (Hg.) (1991ff.): Erich Maria Remarque Jahrbuch. V&R unipress, Göttingen.

Ders. (2001): „The Shortest Acting Career in History“ – Erich Maria Remarque als Filmmitarbeiter. Die Geschichte eines Scheiterns. In: Plachta, Bodo (Hg.): Literarische Zusammenarbeit. Tübingen, S. 272.

Thies, Heinrich (2020): Die verlorene Schwester. Elfriede und Erich Maria Remarque. Eine Doppelbiografie, Lüneburg.

Externe Links:

Literatur von Erich Maria Remarque im BVB

Literatur über Erich Maria Remarque im BVB

Erich Maria Remarque-Gesellschaft

Erich Maria Remarque-Friedenszentrum

Lebenslauf Erich Maria Remarque bei Wortwuchs (Literaturlexikon)

Erich Maria Remarque in der Wikipedia

Film Zeit zu leben zu sterben in der Wikipedia

Museum Grafenwöhr