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Neues Schloss in Neustadt a.d. Waldnaab, erbaut 1698-1720 unter Fürst Ferdinand von Lobkowitz durch Franz Mayer Neustadt, Antonio Porta und Anton Ritz (c) Bernhard Knauer, Lobkowitz-Freunde Neustadt a.d. Waldnaab

Neustadt an der Waldnaab

Die „Stadt des Bleikristalls“, die Kreisstadt Neustadt a.d. Waldnaab, liegt als Eingangstor zum Naturpark Oberpfälzer Wald inmitten einer reizvollen Hügellandschaft. Die Stadt ist 1218 als „Nova civitas“ in den offiziellen Lauf der Geschichte eingetreten – durch eine Verpfändung des Grafen Heinrich von Altendorf an seinen Verwandten Heinrich von Ortenburg. Bereits um 1150 ist Neustadt jedoch schon nachweislich besiedelt. 1339 schenkt der Kaiser Ludwig der Bayer „Neustat vor dem wald“ die Marktfreiheit. 1353 kommt die Herrschaft Sternstein-Neustadt unter die Herrschaft des böhmischen Königs, was sich auch im Stadtwappen – Böhmischer Löwe im Schild des Hl. Martin – zeitweilig ausdrückt. 1348 schenkt Kaiser Karl IV. den Neustädter Bürgern einen großen Waldbesitz, der bis in die heutige Zeit noch gemeinsam verwaltet wird. Als Zeichen seiner Glaubwürdigkeit hinterlässt er ihnen 1354 bei der Schenkung einen Handschuh. 1396 erfolgen die Stadtrechte von Weiden. Nach den Heydeckern, die im spätgotischen „Alten Schloss“ (15. Jahrhundert) wohnten und residierten, folgen als neues Neustädter Herrschergeschlecht 1562 die böhmischen Grafen von Lobkowitz – mit Sitz und Stimme im „Immerwährenden Reichstag“ zu Regensburg.

Das sogenannte „Neue Schloss“ (erbaut von 1698 bis 1720) zeigt sich dem Besucher von heute im Renaissancestil mit beeindruckenden Deckengemälden und Barockgarten. Leider kommt baulich nur ein Schloss-Flügel zur Ausführung. Abgerundet ist der markante Stadtplatz durch die Pfarrkirche St. Georg (1689), die sakral als fürstlich-lobkowitzsche Hofkirche fungiert. Um die Residenzstadt platzieren sich wirtschaftlich-ergänzend vier lobkowitzsche Wallfahrtskirchen: im Westen St. Anna auf dem Mühlberg, im Norden St. Quirin am Botzerberg, im Osten die Fahrenberg-Wallfahrtskirche „Unserer Lieben Frau“ und im Süden auf dem Felixberg St. Felix.

Durch die Rheinbundakte 1807 wird Neustadt-Störnstein, die reichsunmittelbare Gefürstete Grafschaft, dem neuen Königreich Bayern eingegliedert. Damit verliert die kleine Residenzstadt den Glanz, den ihnen die Fürsten von Lobkowitz über Jahrhunderte hinweg geschenkt hatten. Das neue Eisenbahnnetz (1864) bringt jedoch wieder wirtschaftlichen Aufschwung, so dass sich von 1890 bis 1905 drei Glasfabriken (Schrenk & Co., Nachtmann und Tritschler) aus dem Bayerischen Wald nach Neustadt verlagern.

Auch die beiden großen Weltkriege hinterlassen ihre Spuren, besonders da zahlreiche Gefangenentransporte (ab 1938) über den Bahnhof Neustadt in das KZ Flossenbürg abgewickelt wurden. Am 9. April 1945 wird im KZ Flossenbürg noch der ev. Theologe und Schriftsteller Dietrich Bonhoeffer (vgl. Setzweins Theaterstück Später Besuch. Dietrich Bonhoeffer redivivus) ermordet – kurz bevor die US-Army das Lager befreit.

 (c) Bernhard Knauer, Lobkowitz-Freunde Neustadt a.d. Waldnaab

Die Münchner Lyrikerin und Erzählerin Gerty Spies (1897-1997) verbringt nach der Befreiung aus dem KZ-Theresienstadt im Mai 1945 ihre erste Nacht in Freiheit in Neustadt a.d. Waldnaab: „Denke ich heute zurück, diese Nacht erscheint mir noch immer als die schönste meines Lebens. Ich erlebte, dass die Welt nicht gestorben ist.“

Zahlreiche Heimatvertriebene aus dem nahen Sudetenland und Schlesien siedeln sich 1945/46 in der Kreisstadt und im Landkreis an. Der wohl bedeutendste Neubürger im Landkreis Neustadt ist – von 1945 bis 1952 in Windischeschenbach – der spätere Münchner Kabarettist Dieter Hildebrandt. In Windischeschenbach zu Hause ist ebenfalls Norbert Neugirg, der kabarettistische Kommandant der „Altneihauser Feierwehrkapell'n“, überregional bekannt durch die BR-Sendung Fasching in Franken.

Zu den großen Prominenten Neustadts zählt darüber hinaus der Komponist und Hofmusiker Franz Gleißner (1761-1818). Infolge seiner Bekanntschaft mit der Witwe Mozarts in Wien verfasste er das erste Werkverzeichnis Mozartscher Kompositionen, die Grundlage für das spätere „Köchelverzeichnis“. Auch stammt die Familie des Barockkomponisten Christoph Willibald Ritter von Gluck (1714-1787) aus Neustadt, war doch sein Vater, Alexander Gluck, ein gebürtiger Neustädter und fürstlich-lobkowitzischer Hofjäger. Von künstlerischer Bedeutung ist zudem der Neustädter Kirchenmaler und Schnitzer Thaddäus Rabusky (1776-1862).

Zahlreiche Reisende der deutschen Kulturgeschichte reisen durch Neustadt, das sowohl an der Goldenen Straße als auch an der Magdeburger Straße gelegen ist. Allen voran im Oktober 1414 der böhmische Reformator Jan Hus: „Hernacher zur Neustad haben mich alle Teutsche gern gesehen.“ Der schwäbische Jesuit und Barockdichter Johannes Bissel reist 1632 von Regensburg aus entlang der Naab und verfasst seinen amüsanten Reisebericht Icaria (1637). Verschlüsselt übersetzt er darin die Ortsnamen ins Lateinische, so „Neapolidien“ für Neustadt. Auch Zisterzienser-Pater Mauritius Elbel führt im Juni 1765 eine Gruppe Patres aus Citeaux (Burgund) von Regensburg naabaufwärts und notiert im Tagebuch die Ankunft: „brachen um ½ 1 Uhr auf und betraten bald das Gebiet unseres Fürsten Lobkowitz. Seine Hauptstadt, d. i. Neustadt an der Waldnaab, liegt auf einem Berg. Er hat hier eine feste Burg. Weiter ging’s auf sehr gebirgiger Straße [...].“

Dichterfürst Goethe streift Neustadt von Tirschenreuth kommend im September 1786 auf seiner Italienischen Reise in einer Schnellkutsche, der Sprachforscher Johann Andreas Schmeller auf seiner Vakanzreise im Juni 1802. Der „Bayerische Grimm“ notiert in seinem Tagebuch: „Neustadt an der Waldnaab. In der Sonne. Ich zehrte gut. 30 K. Der Wirt, ein Laffe, seine dicke Frau eine kleinstädtische Kokette. Herzogl. Raudnizisch und reichsfürstl. Lobkowizisch. Beim Pfarrer zu Sternstein sah ich die Lüge in ihrer ganzen Hässlichkeit.“ 1817 und 1840 kreuzt er nochmals die nördliche Oberpfalz. Im August 1839 reist der Dichter und Volksliedforscher Wilhelm von Zuccalmaglio alias Wilhelm von Waldbrühl als russischer Fürstenbegleiter durch Neustadt: „die Waldnaab, ein Flüßchen, das an die Nahe erinnert, war unsere Führerin. An ihr begrüßten wir Neustadt, wo Schiller Wallensteins Tochter unterbringt.“

Handschuh Kaiser Karls IV. und Stadtwappen früher und heute (c) Von links bis Mitte: Bernhard Knauer, Lobkowitz-Freunde Neustadt a.d. Waldnaab / Rechts: Stadt Neustadt a.d. Waldnaab

Friedrich von Schiller verewigt 1799 in Wallensteins Tod die „Schlacht bei Neustadt“ (1634) zwischen den Schweden und den Kaiserlichen, in welcher er seinen jugendlichen Helden Max Piccolomini sterben lässt. Auch sein Grab – zu dem die Verlobte „Thekla“ reist – ist hier in der Nähe angesiedelt („Klosterkirche bei Neustadt“). Die Zeit des Dreißigjährigen Krieges veränderte die Oberpfalz wie keine andere menschlich, religiös und geographisch-politisch.

1935 kommt der Schweizer Schriftsteller Jakob Schaffner (1875-1944) mit einer offiziell-organisierten „Reise in das ostbayerische Burgenland, der sogenannten Oberpfalz“ und notiert in Neustadt: „Da rattern wir in das Städtchen Neustadt selber ein [...] die stille Farbenfreude, die durch die ganze Oberpfalz geht, macht auch diesen [Markt-]Platz lustig.“

Literarischer „Sohn“ der Bleikristallstadt ist jedoch Oswald Hafner (1806-1882), der schon längst durch zahlreiche überregionale, wiederaufgefundene Buchdrucke den Ruf eines Heimatdichters gesprengt hat. Eine Gedenktafel am Geburtshaus und sein Ehrengrab erinnern an ihn. In diesem Zusammenhang ist auch der verstorbene Neustädter Volksliedsänger und Humorist Josef (Sepp) Zupfer, „d‘ Zupfer Bepp“, zu nennen, der als markig-uriger Interpret („Glasmacherlied“) die Neustädter Glas-Volksliedkunst und Tradition überregional verkörperte.

Neustadt ist auch Geburtsort für den Kriminalschriftsteller Thomas Bäumler. Ebenso verbringt der Berliner Theatermacher, Schauspieler und Medienkünstler Herbert Fritsch (*1951) dort seine Jugend. Das Staatliche Gymnasium Neustadt besucht der Münchner dtv-Lektor und Autor Günther Opitz (*1967 in Vohenstrauß).

Verfasser: Bernhard M. Baron / Bayerische Staatsbibliothek

Sekundärliteratur:

Ascherl, Heinrich (1982): Geschichte der Stadt und Herrschaft Neustadt a.d. Waldnaab. Neustadt a.d. Waldnaab.

Ascherl, Heinrich; Piehler, Josef (19772): Chronik der Pfarrei Altenstadt a.d. Waldnaab und Neustadt a.d. Waldnaab. Neustadt a.d. Waldnaab.

Baron, Bernhard M. (1999): Anton Wildgans – ein österreichischer Dichter mit Ahnen aus der Oberpfalz. In: Oberpfälzer Heimat 43, S. 123-127.

Ders. (2007): Parkstein im Spiegel der Literatur. In: Oberpfälzer Heimat 51, S. 37-48.

Ders. (2009): Friedrich von Schiller und die Oberpfalz. Anmerkungen zum 250. Geburtstag des großen Dichters. In: Oberpfälzer Heimat 53, S. 53-60.

Ders. (2015): Oswald Hafner – ein Dichter aus Neustadt an der Waldnaab. Annäherung an einen vom Schicksal schwer gezeichneten Poeten. In: Oberpfälzer Heimat 59, S. 158-166.

Brenner-Schäffer, Wilhelm (2000): Geschichte und Topographie der Stadt Neustadt an der Waldnaab und seiner Herrschaft der ehemaligen gefürsteten Grafschaft Störnstein. Nachdr. von 1866 (Verhandlungen des Historischen Vereins von Oberpfalz und Regensburg, 24). Neustadt a.d. Waldnaab.

Heigl, Peter (2007): Sergeant Elvis Presley in Grafenwöhr Bayern/Bavaria. Deutsch/Englisch. Amberg.

Knauer, Bernhard; Zapf, Reinhold (1999): Auf den Spuren der Lobkowitzer. Ein Kulturstreifzug durch die Oberpfalz und Böhmen. Amberg.

Sturm, Heribert (1978): Historischer Atlas von Bayern. Teil Altbayern. Bd. 47: Neustadt an der Waldnaab – Weiden. Hg. von der Kommission für Bayerische Landesgeschichte. München.


Externe Links:

Homepage der Stadt Neustadt a.d. Waldnaab

Homepage des Landratsamts Neustadt a.d. Waldnaab

Homepage der Kulturfreunde Lobkowitz

Kommentare

Bernhard M. Baron am 29.01.2016 um 08:00

Aus dem Glasmacher-Nachbarort Altenstadt a.d. Waldnaab stammen der Mundart- und Heimatdichter Anton Wurzer, der Regensburger Romancier und Maler-Poet Jürgen Huber sowie der Dachauer Autor und Buchlektor Josef K. Pöllath (Theaterspielen, 1985, neu 2013).



Bernhard M. Baron am 21.02.2016 um 16:08

Nicht nur die Stadt Cham (Die Brücke, 1958), auch der Truppenübungsplatz Grafenwöhr (Landkreis Neustadt a.d. Waldnaab) war Drehort für einen Spielfilm mit der Thematik des II. Weltkriegs. Im Spätherbst 1957 wurden - unter der Regie von Douglas Sirk - hier Szenen für den US-Spielfilm A Time to Love and a Time to Die (deutsche Version: Zeit zu lieben und Zeit zu sterben) nach dem gleichnamigen Roman (erschienen 1954) von Erich Maria Remarque (1898-1970) gedreht. Schauspieler waren u.a. Liselotte Pulver, Dieter Borsche, Charles Regnier, Klaus Kinski und Ralf Wolter, Drehorte das ehemalige Hammerschloss Altenweiher, das alte Dorf Bernreuth und die Kirche in Hopfenohe. Alle deutschen Filmschauspieler haben die deutschsprachige Fassung auch selbst synchronisiert.



Thomas Dobler am 22.02.2016 um 15:24

Das ist höchst interessant, was Bernhard M. Baron da herausgefunden hat. Wenn man sich den Trailer zum Film ansieht (http://www.filmstarts.de/kritiken/2622/bilder/?cmediafile=19123922), wird man bei 1:00ff und bei 2:30 Szenen sehen, die dort gedreht wurden.



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