Oskar Maria Graf: „Soldat“

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Titelblatt der 2. Auflage im Drei Masken Verlag, 1928, BSB/Historisches Lexikon Bayerns

Grafs militärische Ausbildungszeit im Ersten Weltkrieg beginnt in Wir sind Gefangene mit folgenden Worten:

Es war sehr lustig auf unserer Stube. Wir lagen zu fünfundvierzig mit einem Unteroffizier im Saal. Die ersten Tage verliefen sehr wechselvoll. Endlich, nachdem wir vollkommen eingekleidet waren, kamen wir in den Kasernenhof. Exerzierübungen.

Unser Unteroffizier war ein kleines, kugelrundes Männchen und dazu noch Ornithologe, das heißt, ins Praktische übersetzt, Vogelhändler. Er hatte einen schneidigen Ton, und man lernte gut bei ihm. Aber ich mußte bei der geringsten Gelegenheit lachen, was ihn furchtbar alterieren konnte.

„Was lachen Sie denn immer?“ schrie er mich an. Ich lachte noch mehr, ohne zu wissen, warum. „Kommen Sie aus dem Narrenhaus?“ bebte die Stimme. Ich mußte noch mehr lachen. Er ließ mich wegtreten. Solange exerziert wurde, stand ich da und sah zu. Manchmal traf mich ein drohender Blick des Korporals, aber ich konnte mir nicht helfen, das Männchen war so drollig in seiner Wut. Es sah, wenn man nur den Kopf betrachtete, wie er immer röter wurde, sich an wie eine geschwollene, kinderballonähnliche Wurst. Das zerdetschte Käppchen glänzte und saß droben wie aufgeklebt.

Am andern Tag ging es ans Erlernen von Ehrenbezeigungen. Wir mußten im Gänsemarsch um den Herrn Unteroffizier herummarschieren und ihn – Hand an der Schläfe und den Blick ihm zugewendet – grüßen. Ich lachte schon wieder über die Wurst. Der Korporal schimpfte. Ich lachte lauter. Er fauchte auf mich zu. Ich lachte noch mehr und konnte kaum mehr gerade stehen.

(Oskar Maria Graf: Wir sind Gefangene, S. 128)

Das schlicht mit „Soldat“ überschriebene 14. und die weiteren sieben Kapitel (bis „Ins Freie“) zeigen anschaulich, wie Graf seine Militärzeit geschickt übersteht, wie er sein Verhalten mit unmittelbaren Reaktionen wie Lachen, Hungern und Verstummen gestaltet und damit dem für ihn sinnlosen „Geist von 1914“ widersteht. Dabei gehen seine Vorbehalte gegenüber dem Krieg nicht nur in eine Richtung: „Graf fehlten die Voraussetzungen für eine mythisierende Sicht auf Welt und Geschichte, er sah den Krieg nicht als ‚Gott’, wie ihn Rilke, Heym u.a. beschworen. [...] Das routinierte Pathos vieler Anti-Militaristen war ihm in seiner unberechenbaren Spontanität fremd.“ (Dittmann, Ulrich [2000]: Oskar Maria Graf, S. 303)

Interessant ist in diesem Zusammenhang seine Einschätzung in dem später erschienenen autobiografischen Buch Das Leben meiner Mutter, wo er das Eingeständnis eines Simulationsplans von erster Minute an verdeutlicht:

Vom ersten Tag meines Soldatendaseins an überlegte ich stets nur das eine: Wie kannst du diesem Zwang, dieser Sinnlosigkeit entrinnen? Ich entwickelte in meiner Abwehr eine derart instinktsichere, abgebrühte Energie, daß ich manchmal über mich selbst staunte. Es wurde unmöglich, mich regelrecht militärisch auszubilden. Ich war nicht nur ein schlechter, ich war überhaupt kein Soldat!

(Oskar Maria Graf: Das Leben meiner Mutter, S. 461)

„Während in Wir sind Gefangene eine Kette von ziellosen Handlungen, von instinktiver Gegenwehr, absichtsloser Weigerung, reflexhaftem Widerstand geschildert wird, ist zwei Jahrzehnte später das Geschehen einer ihrer selbst gewissen Intention unterstellt.“ (Schoeller, Wilfried F. [1994]: Oskar Maria Graf, S. 82) Gleichwohl muss man entgegenhalten, dass Graf diese Intention „weniger aus retrospektivem als mit einem – im Untertitel des Buchs [Wir sind Gefangene] betonten aktuellem – Interesse“ heraus formuliert hat: „Sein Bekenntnis gehört den zwanziger Jahren an, es baut nur auf dem Erleben des Kriegsjahrzehnts auf.“ (Dittmann, Ulrich [2000]: Oskar Maria Graf, S. 298) Insofern ist auch Grafs – in Wir sind Gefangene bereits unterschwellig vorhandener – Simulationsgedanke erst in der Neuausgabe von Das Leben meiner Mutter (1959) gegenüber der Erstausgabe eigens hervorgehoben.


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Dr. Peter Czoik

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