Info
Geb.: 18.10.1893 in Memmingen
Gest.: 18.1.1945 in Grenzhausen (Słupka, Polen)
© Stadtarchiv Dachau
Namensvarianten: Otto Ehrhart-Dachau

Otto Ehrhart

Otto Ehrhart wird als Sohn des Papierfabrikanten Otto Ehrhart und seiner Frau, Adrienne Klara, geb. Wagner, in eine wohlhabende Memminger Patrizierfamilie geboren. Zu den zahlreichen Ärzten unter seinen Vorfahren gehört der über Bayern hinaus hochangesehene „Stadtphysicus“ Gottlieb von Ehrhart (1763-1826). Im Jahr 1902 ziehen die Eltern nach München in die Weinstraße, wo Ottos Onkel Karl ein Juweliergeschäft hat. 1907 eröffnet der Vater eine Warenagentur für Kolonialwaren in der Schleißheimer Straße 53 in Oberwiesenfeld, dem Schauplatz der Ereignisse des autobiographischen Jugendromans Bembes macht sich selbständig.

Wie der naturverbundene Bembes flieht Otto Ehrhart im Alter von 15 Jahren aus der rigiden Welt des Gymnasiums in die lockende Freiheit des Südens. Eine Postkarte des Ausreißers aus Ascona ist das erste Lebenszeichen, das die besorgten Eltern erhalten. Nachdem er sechs Länder bereist hat, muss er, an der Ruhr erkrankt, schließlich aus Konstantinopel nach Deutschland zurückgeholt werden. Ein weiterer Schulbesuch bleibt ihm erspart.

1910 tritt er für eine Deckoffizierslaufbahn kurz entschlossen der Marine bei, die er zu Kriegsende 1918 wieder verlässt. Eine drastische kurze Erzählung mit dem Titel „Begräbnis“, die expressionistische Züge trägt, und am 5. Januar 1924 in der Arbeiter-Zeitung veröffentlicht wird, legt nahe, dass der freiheitsliebende und sensible junge Mann seine Entscheidung zumindest anfänglich stark bereut.

Nach dem Krieg wird seine Singstimme entdeckt und in München ausgebildet. Nachdem ein dänisches Theater, bei dem er unter Vertrag steht, in Konkurs geht, muss er sich in Kopenhagen als Gießer in einer Werft und später als Transportarbeiter durchschlagen. Obwohl er auch bei einem weiteren Anlauf gute Besprechungen in der Presse erhält, verzichtet er auf eine mögliche Karriere als Sänger. Seine Leidenschaft für ein Leben in der Natur als Fischer, Jäger und Heger führt ihn nach einem Intermezzo als Maler, das Niederschlag in dem kleinen Roman Bobs und Bazi (1934) findet, schließlich zu schriftstellerischer Tätigkeit.

Von 1926 bis 1939 lebt er in Etzenhausen bei Dachau. 1928 heiratet er Julia Berner, geschiedene Baumann, die eine Tochter, Renate Baumann, in die Ehe mitbringt. Ab 1926 veröffentlicht er regelmäßig von Naturerlebnissen geprägte Erzählungen und Romane. Eine Ausnahme stellt die in der Reihe Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens erschienene Science-Fiction-Erzählung Der Gläserne Turm (1927) dar, die den Vernichtungskrieg der Staaten „Ameropa“ und „Asinesien“ in der fernen Zukunft des Jahres 5200 und später zum Gegenstand hat. Detlef Münch bezeichnet sie als „die bedeutendste deutsche bellizistische Zukunftsnovelle der Nachkriegszeit“, eine „pazifistische Antikriegsutopie [...] die völlig zu Unrecht [...] heute vergessen ist.“ 1928 gewinnt Ehrhart mit Brecht, Britting und Arnold Zweig einen mit je 3000 Mark dotierten Kurzgeschichtenpreis der Berliner Illustrierten.

Sein Roman über die Zerstörung des Dachauer Mooses, Das sterbende Moor (1930), verschafft ihm u.a. Anerkennung durch Selma Lagerlöf. Als Kuriosum sei einer der von Liesl Karlstadt gesammelten „Original-Valentin-Witze“ erwähnt, der mit diesem Werk verbunden ist:

Der Dichter Otto Ehrhart schickte Herrn Valentin aus Verehrung sein Buch „Das sterbende Moor“ mit einer schönen Widmung. Valentin bedankte sich einige Tage darauf in folgender Weise: „Sehr geehrter Herr Ehrhart! Ich danke schön für das schöne Buch, habe aber leider keine Zeit, dasselbe zu lesen, schicken sie mir doch bitte ein ‚gelesenes‘ Buch.“

Otto Ehrhart in jungen Jahren © Stadtarchiv Dachau

Nach den Erzählungen in Das grüne Jahr (1932), Mein Bergbuch (1934) und J.H. Dominik: Jagdherr von Waldpeuren (1936) erreicht Ehrhart 1937 mit dem Jugendroman Bembes macht sich selbständig, der im Piper-Verlag bis in die späten Fünfzigerjahre in mehreren Auflagen erscheint, den Höhepunkt seiner Popularität. Die authentisch vermittelte Sichtweise eines am Stadtrand von München Heranwachsenden in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg ist nicht nur Lausbubengeschichte, sondern auch Zeitdokument. In den folgenden Jahren werden noch der Roman Troll, der Glücksfischer (1938), Der blaue Reiher. Abenteuer- und Tiergeschichten (1939) und zuletzt ein Abenteuerroman u.d.T. Meuterei vor Galapagos (1944) veröffentlicht.

Ende des Jahres 1939 zieht Ehrhart aus der Dachauer Gegend auf ein Seegut in dem nach der Eroberung Polens gegründeten Reichsgau Wartheland, wo er in Warthbrücken (Koło) als Fischermeister und Bezirksjägermeister tätig ist. Dieses Amt gibt er, wie die Litzmannstädter Zeitung am 25. Februar 1942 mitteilt, wegen seiner zahlreichen Vortragsreisen durch Deutschland „im Auftrage des Volksbildungswerkes und der Armeebetreuung“ ab. Seine Privatkorrespondenz lässt jedoch eine durchaus kritische Haltung dem Regime gegenüber erkennen. In einem Fragebogen für die Reichskulturkammer vom 27. November 1937 verneint Ehrhart die Mitgliedschaft in der NSDAP.

1943 wird die Ehe mit seiner in Dachau verbliebenen Frau geschieden.

Eine maschinengeschriebene „Abschrift“ eines unbekannten Verfassers vom März 1948 im Nachlass gibt genaueren Aufschluss über Ehrharts Schicksal im Januar 1945:

Am 18. Januar 1945 trackten wir zusammen bis fast Grenzhausen. Otto Ehrhart wollte am letzten Tag den wir zusammen waren noch die Brücke vor Mitternacht erreichen. Da ereilte uns das Unglück, der polnische Kutscher aus Moski fuhr uns in den Graben wo der Wagen dann umschlug. Die Kinder Juschi und ich fuhren mit 2 polnischen Kutschern auf dem Gepäckwagen zu einem 200 mtr. entfernten Hof, um dort einen neuen brauchbaren Wagen zu holen. Wir blieben mit den Kindern dann auf dem Hof in einem Einwohnerhaus und warteten dort auf Otto, Kutscher und Wagen. Nach Stunden erst kamen die Kutscher mit dem Wagen zu uns, doch ohne Otto. Nach Aussage der polnischen Kutscher soll Otto von einem russischen Panzerspähwagen mitgenommenen worden sein. Dies war das letzte was wir von Otto hörten.

In den Fünfzigerjahren wird ein Teil der Werke Otto Ehrharts vom Maximilian Dietrich Verlag in seiner Geburtsstadt Memmingen neu aufgelegt.

Verfasser: Harald Beck / Bayerische Staatsbibliothek

Sekundärliteratur:

Der Verfasser dankt dem Stadtarchiv Dachau für Einsichtnahme in den Teilnachlass von Otto Ehrhart.

Dorner, Peter (1995): Otto Ehrhart-Dachau als Alpinschriftsteller. In: Amperland 31, S. 138-139.

Günther, Herbert (1933): Otto Ehrhart-Dachau. In: Die Literatur: Monatsschrift für Literaturfreunde 36, S. 21-25.

Münch, Detlef (2007): Der Krieg der Zukunft vor 100 Jahren. Antikriegsutopien von Otto Ehrhart, Friedrich Freska und Paul von Schoenaich. Bd. 3: Die Nachkriegsjahre 1919-1928, S. 57-79 [Ehrharts Text] u. S. 98f.


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