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Carl Spitzweg: Der Blasturm in Schwandorf, etwa 1870

Schwandorf

Schwandorf – ursprünglich Suainicondorf – im südlichen Oberpfälzer Wald unmittelbar am Oberpfälzer Seenland gelegen, geht wie so viele Ortschaften in der bayerischen Oberen Pfalz auf slawische Wurzeln zurück und bedeutet „Burschendorf“. In einer Urkunde des Klosters St. Emmeram (Regensburg) von 1006 wird „Suainicondorf“ am Fluss „Naba“ (Naab) erstmals schriftlich erwähnt.

1158 ist eine Schifflände an der Naab bezeugt, da die Naab wohl die wichtigste Lebensquelle für die Ortsgründung gewesen sein dürfte. 1234 war Schwandorf Sitz eines wittelsbachischen Amtes, 1286 mit einem „Dekan“ auch Mittelpunkt des Bistums Regensburg im „Nordgau“. 1299 erhält Schwandorf Marktrechte, seit 1446 ist der Ort eine Stadt. 1504 – während des Landshuter Erbfolgekrieges – wird Schwandorf fast vollständig zerstört. 1545 ist der Theologe Veit Nuber Prediger in Schwandorf. 1555 wird der Ort evangelisch-lutherisch und gehört bis zur bayerischen Einigung 1777 zum Fürstentum Pfalz-Neuburg. An einer alten Handels- und Heeresstraße nach Böhmen gelegen, ist Schwandorf wirtschaftlicher Mittelpunkt.

Um 1618/20 wird in Neunburg vorm Wald/Lkr. Schwandorf der „Poeta laureatus“ Georg Greflinger geboren, der neben volkstümlichen, z.T. derbmunteren Texten von echtem Gefühl beseelte Lieder schreibt. Bekannt wird er vor allem durch seine Beschreibung des Deutschen Dreyßig-Jährigen Kriegs (1657). 1632 erscheint das Reyßbuch des Martin Zeiller über eine Reise durch das Naabtal. Im gleichen Jahr bereist auch Johannes Bisselius von Regensburg aus das Regen- und das Naabtal. In seiner lateinischen Satire Icaria übersetzt er Schwandorf mit lateinisch „Cycnosconum“ (Schwan = Cycnus). Aus Oberviechtach/Lkr. Schwandorf stammt der fahrende Augenarzt Dr. Johann Andreas Eisenbarth (gest. 1727 in Hannoversch Münden), der durch sein phantasievolles und gauklerisches Leben in die Literatur eingeht. Um 1800 entsteht sein im Neuen Göttinger Kommersbuch 1818 gedrucktes Studentenlied: „Ich bin der Doktor Eisenbart“.

In der Mitte des 18. Jahrhunderts schreibt der Ensdorfer Benediktiner Odilo Schreger in seinem Auszug der merckwürdigsten Sachen über die Naab von der Naab, an deren Ufern er aufgewachsen ist, als einer der „vornehmsten Flüsse“ Deutschlands. Am 4. September 1786 fährt (von Weiden aus kommend) über „die treffliche Chaussee von Granitsand“ der inkognito reisende Goethe nach Italien: Rast „um ½ 5 morgens“ in „Schwanendorf“ vor dem Post-Gasthof „Zur weißen Schwanne [Schwänin]“ beim Tavernenwirt Schreger. Größere Reiseprobleme und weniger Geld als Goethe hat 1810 der 17jährige Student Johann Andreas Schmeller. In Schwandorf trifft er den ortsansässigen Pfarrer beim Kartenspiel an. 1812 erblickt in Schwandorf Konrad Max Kunz das Licht der Welt, der spätere Komponist der Bayernhymne. Der malende Apotheker Carl Spitzweg verewigt 1858 in Schwandorf seinen Wohnsitz, den historischen „Blasturm“, als Naturstudie unter dem Titel Schwandorfer Stadtturm im Mondschein.

1859 erreicht die Eisenbahn von Regensburg aus Schwandorf und wird 1863 nach Weiden weitergeführt. Am Bahnhof Schwandorf ist bereits seit 1864 der Ur-Großvater von Carl Amery, Anton Mayer, als Hilfskondukteur der „Kgl. priv. Bayerische Ostbahn-Gesellschaft“ tätig (Dortmals. Ein Leben in Bayern vor hundert Jahren, ediert 1975 von Carl Amery). 1871 sieht Anton Mayer hier die historische Begegnung König Ludwig II. und Kaiser Wilhelm I.

Schwandorf: Blasturm und Marktplatz (c) Tourismuszentrum Oberpfälzer Wald

Während des Ersten Weltkrieges auf dem Weg an die Ostfront verlässt der Schriftsteller Oskar Maria Graf in Schwandorf seinen Truppentransport, weil er den „Abort“ aufsuchen muss. Nach seinem menschlichen Bedürfnis ist der Zug ohne ihn abgefahren, den er aber verspätet in Marktredwitz noch erreicht. Ein echtes „Naabgewächs“ ist dagegen Eugen Oker, der 1919 als Fritz Gebhardt in Schwandorf geboren wird. Der ZEIT-„Spiele-Kritiker“ gilt als Pionier der Oberpfälzer Mundart (So wos schuins mou ma soucha, 1977). Viele seiner Romane (Lebenspullover, 1986) haben seine Geburtsstadt zum Schauplatz; sein Alter Ego Fritz Kagerer kommt entsprechend „aus Schwanheim“.

1920 wird Schwandorf kreisfrei und bleibt es bis 1972, seitdem ist es Große Kreisstadt. Während des Zweiten Weltkrieges wird Schwandorf ein wichtiger Eisenbahnknotenpunkt. Im Herbst 1944 kommt die junge Sandra Paretti mit ihrer Mutter und ihrem Bruder auf ihrer Fahrt von Regensburg zu den Großeltern nach Weiden. In Schwandorf steigt sie aus, da der Zug für einen Militärtransport gebraucht wird. Stunden vergehen bis der Ersatzzug erscheint (Das Echo Deiner Stimme, 1980).

Als oberschlesisches Flüchtlingskind wird am 26. Juli 1945 im nahen Schloss Fronberg bei Schwandorf Joseph Graf von Westphalen geboren, der hier seine Kindheit und Jugend verlebt, bevor er später nach München zieht. Jahre später schreibt er in der Süddeutschen Zeitung einen ironischen Artikel u.d.T. „Naabtal-Solo“ über einen Besuch in seine ungeliebte Heimatstadt. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg erscheint Der rote Löwe, ein Bestsellerroman der phantastisch-esoterischen Literatur der ungarischen Autorin Mària Szepes, der seinen Auftakt in Schwandorf nimmt: „Ich wurde 1535 in Schwandorf geboren,“ erzählt der Zauberlehrling Hans Burgner, der hinaus in die Welt will und über Amberg und Nürnberg durch ganz Europa reist.

1979 erscheint Carl Amerys An den Feuern der Leyermark. Der im Roman vorkommende Ort Neumünz kann als „Schwandorf“ entschlüsselt werden. Aus der Stadt Nabburg/Lkr. Schwandorf stammt wiederum Maria Schwägerl, Verfasserin von Lyrik und Prosa in Oberpfälzer Mundart. 1922 wird in Wernberg/Lkr. Schwandorf der Lyriker und Pädagoge Hans Raithel geboren, dessen hochdeutsche, feinsinnige Gedichte in Zeitschriften (Die Oberpfalz) und Lesebüchern (Weidener Lesebuch) abgedruckt sind. 1994 stirbt der spätere Konrektor in Fürth.

 

Schloss Fronberg: verschiedene Ansichten. Rechts: Fronberg im Jahre 1954 mit dem Schloss links und der Neuen und Alten Kirche rechts

Ab 1980 wird in Wackersdorf/Lkr. Schwandorf die Atomare Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) für abgebrannte Brennstäbe aus Kernreaktoren in Deutschland geplant. Die großen Demonstrationen begleitet auch eine Anzahl bayerischer Literaten (Harald Grill, Luise Rinser, Carl Amery, Franz Xaver Kroetz, Konstantin Wecker, Robert Jungk, Siegfried Lanzl und Kurt F. Stangl). Friedrich Brandl verarbeitet seine WAA-Erlebnisse im Jugendroman Wieder am Bauzaun. Eine Geschichte von Tränengas und Zärtlichkeit (2010).

„Der letzte Sagenerzähler der Oberpfalz“ (Passauer Neue Presse) ist zweifelsohne Franz Joseph Vohburger (*1942 in einer Schwabinger Kaserne geboren), der bereits 1944 nach Teublitz/Lkr. Schwandorf kommt. Seit 1966 am Landratsamt Schwandorf beschäftigt, gestaltet er als kostümierter „Burgkastellan“ zahlreiche Sagenwanderungen und tritt auch als Mundartautor (Vo hint eina gsagt, 1985) in Erscheinung. Peter Klewitz schreibt für Neunburg vorm Wald/Lkr. Schwandorf das Festspiel Vom Hussenkrieg, für Pfreimd/Lkr. Schwandorf das Theaterstück Gefangen in Trausnitz und inszeniert im Sommer 2012 in Schwandorf den Agatha-Christi-Krimi Ein unerwarteter Gast.

Max Bronski verewigt in seinem Roman Sister Sox (2006) eine gewisse „Iris“: „Ich war in den achtziger Jahren aus Schwandorf nach München gekommen“. Der Oberpfälzer Literaturpreisträger für Dichtung Wolfsmehl wächst auf Schloss Fronberg auf, Anja Utler wird 1973 in Schwandorf geboren, aus Nittenau/Lkr. Schwandorf stammt Heribert Prantl (*1953), Mitglied der Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung, Jurist und Autor. Einen Oberpfälzer als Protagonisten führt der Münchner Schriftsteller Matthias Politycki in sein beißendes Sittengemälde In 180 Tagen um die Welt (2008) ein: der Held Johann Gottlieb Fichtl ist Finanzbeamter und kommt aus Oberviechtach im Landkreis Schwandorf.

Fast zehn Jahre seines Lebens verbringt auch Thomas von Steinaecker in Oberviechtach, wo er (sein Vater ist dort Notar) bis zur 8. Klasse das Ortenburg-Gymnasium besucht: „Ich war damals bei Kolping und auch Ministrant – eine typische Karriere also.“

Verfasser: Bernhard M. Baron / Bayerische Staatsbibliothek

Sekundärliteratur:

Böck, Emmi (1986): Sagen aus der Oberpfalz. Aus der Literatur gesammelt und herausgegeben. Regensburg, S. 281-320.

Dill, Harald G. (2011): Der Luftkrieg in Nordostbayern. Ein vergessenes Kapital unserer Heimatgeschichte. Weißenstadt, S. 99, 101, 142, 157f., 164, 168.

Dobler, Thomas (2006): Schwandorf mit anderen Augen sehen. Bibliothekar Alfred Wolfsteiner führt auf literarischen Spuren durch die Stadt. In: Der neue Tag (Kreis Schwandorf), 17. Juni.

Ders. (2007): Ein Zauberlehrling aus Schwandorf. Romanheld Hans Burgner ist nicht die einzige literarische Figur, die mit der Großen Kreisstadt zu tun hat. In: Der neue Tag (Kreis Schwandorf), 18. August.

Hösamer, Clemens (2015): Schwandorfs schwärzester Tag: „Das Krachen höre ich heute noch“ – Augenzeugen berichten. In: German Vogelsang (Hg.): Sie kommen! Die letzten Kriegstage in der Oberpfalz 1945. Amberg, S. 43-45.

Kreuz, Angela (2009): WAAhnsinnszeiten. Regensburg.

Ostermann, Rainer (2015): Kriegsende in der Oberpfalz. Ein historisches Tagebuch. Regensburg, S. 19, 26, 35, 37, 61, 76, 88, 110, 128, 139, 147, 160.

Schmilgun, Karl-Heinz; Völlger, Siegfried; Zanella, Hans-Jürgen (1986): Wackersdorf. Bilder und Texte aus dem Widerstand. Passau.

Stadt Schwandorf (Hg.) (2001): Schwandorf in Geschichte und Gegenwart. Stadtchronik in 2 Bänden. Schwandorf.

Wolfsteiner, Alfred (1998): Die Naab. Leben am Fluß im Wandel dere Zeiten. Amberg, S. 28-39.

Ders. (2006), Schwandorf. 1000 Jahre Geschichte an der Naab. Schwandorf.

Ders. (2016), Schwandorfer Biergeschichten. Von Bierbrauern und Bierkiesern, Wirtshäusern, Wirten und Gästen. Schwandorf.


Externe Links:

Homepage der Stadt Schwandorf

Homepage des Landkreises Schwandorf

Oberpfälzer Künstlerhaus Schwandorf-Fronberg

Kommentare

Bernhard M. Baron am 26.11.2015 um 12:57

Der Nabburger Franz Grundler ist der Autor & Regisseur des brisanten Theaterstücks Feuermond (1995), das jahrelang in Nabburg im Theatergarten des Freilichtspiels aufgeführt wurde. Nach seinem Erstlingswerk Sternwurz (1993) entstand dieses fiktive, aber spannende Hussiten-Projekt, in dem Nabburger Bürger durch die Kriegszüge des Velek von Bresnice 1426 verunsichert werden. Feuermond beleuchtet aber auch die Missstände in Bürgertum und Kirche anfangs des 15. Jahrhunderts, Machtspiele der Landesherrschaft und den aufkommenden Hexenwahn. Ach, Hus lautet das achte Theaterstück aus seiner Feder, aufgeführt ebenfalls von seiner Theatergruppe Bovaria. Bei der Gründung des Theatervereins half Gerd Lohmeyer, Träger des Bayerischen Theaterpreises, der seine persönlichen Wurzeln in Nabburg hat.



Stefan Wirner am 29.11.2015 um 16:37

Das sieht dem Oskar Maria Graf ähnlich, dass er wegen einer Pinkelpause beinahe noch den Krieg verpasst!



Bernhard M. Baron am 08.12.2015 um 18:56

Astrid Rosenfelds (*1977 in Köln) Roman Elsa ungeheuer (2014) spielt überwiegend in der Oberpfalz, speziell im Landkreis Schwandorf, exakt in der reizvollen touristischen Gegend um Neunburg vorm Wald, wo die Erwachsenen ihr Geld in einer Kartoffelchipsfabrik verdienen, die Kinder auf einem Ponyhof und in einem Stausee ihr schillerndes Dorfidyll genießen: "duftend wie die Toskana, wild wie die Puszta und paradiesisch wie das Paradies selbst", so Peter Geiger in der Mittelbayerischen Zeitung.



Thomas Dobler am 11.01.2016 um 12:05

Vielen Dank an Bernhard. M. Baron für den Hinweis auf das Buch "Elsa Ungeheuer". Ich habe es mir jetzt geholt und werde es demnächst lesen.



Bernhard M. Baron am 28.01.2016 um 15:21

Der gebürtige Regensburger Christian Huber (*1984) wächst in Klardorf (= heute Stadtteil der Großen Kreisstadt Schwandorf) auf, wo er bereits mit seinem Hip-Hop-Duo True Stylists auf sich aufmerksam macht. Nach Abitur und Studium zieht es ihn 2010 nach Berlin, wo er als Komponist und Autor (NEO MAGAZIN ROYALE im ZDF) tätig ist. Im Medium Twitter wird er unter dem Pseudonym „Christian Pokerbeats“ zu einer bekannten Figur. Sein Erstling Fruchtfliegendompteur. Geschichten aus dem Leben und andere Irritationen (2015) erzählt auf höchst amüsante Weise Geschichten aus dem Alltag in der Bundeshauptstadt. „Hubers Buch ist voller Situationskomik und erinnert ein bisschen an Woody Allen“ (Thomas Dobler im Neuen Tag).



Bernhard M. Baron am 28.01.2016 um 15:34

In seinem dokumentarischen Jugendroman Die Magermilchbande. Mai 1945: Fünf Kinder auf dem Weg nach Hause (1979) lässt der BR-Journalist Frank Baer (*1938) eine Berliner Schulklasse aus einem sogenannten „Kinder-Landverschickungslager“ (KLV) in der Nähe der böhmischen Stadt Pilsen in den letzten Kriegstagen 1945 auf dem Weg nach Hause auch durch die Oberpfalz Richtung Weiden-Hof streifen. Der direkte (nördliche) Weg war durch die Frontbeeinflussung abgeschnitten. In Schwandorf kümmert sich (im Roman) die junge Flüchtlingsfrau Sophie Scherdel um die Berliner Kinder. Nach dem spontanen publikumswirksamen Bucherfolg kam es gleich beim BR zu einer gleichnamigen siebentlg. TV-Serienproduktion unter der Regie von Thomas Fantl. Drehbuchautoren waren Oliver Storz und Barbara König (Erstausstrahlung in der ARD: 20. September 1979).

Frank Baer (= Frank Widmayer) schrieb das Buch auf der Grundlage von ca. 400 Berichten erwachsener Berliner, die allesamt in der NS-Kinder-Landverschickung waren und deren Rückkehr in die Heimat von traumatischen Erlebnissen begleitet war. Ein Überlebender dieser unorganisierten Kindercliquen, Walter Drews, Direktor des Wansfell-College in Essex/GB, hat mich im Herbst 1987 - auf der geographischen Spurensuche seiner Erlebnistage - im Kulturbüro der Stadt Weiden i.d.OPf. aufgesucht. Örtlich und journalistisch konnte ich ihm damals auf seiner Vergangenheitsreise weiterhelfen. Mit Schreiben vom 8. Januar 1988 bedankte sich Walter Drews bei mir: „Es ist erfreulich, dass man sich in Deutschland die Mühe gemacht hat, die Vergangenheit richtig und gründlich zu dokumentieren.“



Bernhard M. Baron am 30.05.2017 um 04:48

Iris Berben und Moritz Bleibtreu drehen im August 2017 in Seebarn (= Ortsteil von Neunburg vorm Wald) Teile der neuen ZDF-Serie Die Protokollantin nach einer Idee des Münchner Krimischriftstellers Friedrich Ani. Regie führt Nina Grosse. Die weiteren Dreharbeiten laufen in Berlin und Bayern. Ausstrahlung der fünf Folgen von jeweils 60 Minuten im ZDF ist für 2018 geplant.



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