Info
Geb.: 9. 4.1922 in München
Gest.: 24.5.2005 in München
Fotografie Januar 1991 (Bayerische Staatsbibliothek/Timpe)
Namensvarianten: Christian Anton Mayer

Carl Amery

Carl Amery passt in keine der gängigen Schubladen, und gerade das macht ihn zu einer markanten Persönlichkeit der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Die Palette seines Könnens ist vielfältig. Die Beschreibungen seiner Person reichen von phantasievoller Erzähler, brillianter Stilist, scharfzüngiger Essayist oder kämpferischer Intellektueller bis zu „Homo politicus“: kritischer Katholik, aufklärerischer Moralist, verschmitzter Provokateur, engagierter Radikalökologe und hellsichtiger Realutopist. Ein Citoyen im besten Sinne des Wortes. Einer, der nicht einfach nur geschehen läßt, sondern der leidenschaftlich gern wissen, ersinnen und erahnen will, „wie das alles gemeint war“. Einer, der sich einmischt und aktiv mitgestaltet, als Romancier, Hörspielautor, Essayist, Kulturkritiker und nicht zuletzt als „grüner Philosoph“.

Geboren wird Christian Mayer, wie Carl Amery eigentlich heißt, am 9. April 1922 in München im Stadtteil Au. Er wächst in den Bischofsstädten Freising und Passau auf.

Nach dem Abitur 1940 beginnt er an der Universität München ein Studium der Neueren Philologie, wird aber bereits ein Jahr später zum Militärdienst einberufen. Seine Arbeit für die Kirche und die katholische Jugend während des Krieges prädestiniert ihn dazu, die Rolle der katholischen Amtskirche in der Bundesrepublik Deutschland durch die Jahrzehnte hindurch kritisch zu begleiten. Bereits 1963 bringt er eine auflagenstarke Kampfschrift namens Die Kapitulation oder Deutscher Katholizismus heute heraus, einen Angriff auf den miefigen Mehrheits- und Milieukatholizismus der Adenauerzeit. 1972 erscheint Das Ende der Vorsehung. Die gnadenlosen Folgen des Christentums, was seine Rolle als Vorausdenker der politisch aufsässigen Christen weiter zementiert.

Carl Amerys erste literarische Versuche reichen bis in die späten 1930er Jahre zurück. Das Ende des Nationalsozialismus, die Erfahrungen des Krieges und die Gefangenschaft verarbeitet er in dramatischen Szenen, Gedichten und Texten. Mitte der 1950er Jahre lernt er den Schriftsteller Hans Werner Richter kennen, der ihn zur Gruppe 47 einlädt. 1957 liest Carl Amery dort erstmals aus der Erstfassung seines Romans Die große deutsche Tour.

In den späteren Romanen, Essays und Hörspielen denkt Carl Amery häufig die Geschichte um. Wie hätte es sonst noch sein können? Wie wäre es, wenn der Verlierer gewonnen hätte? Nicht umsonst wird er mit seinen Romanen Das Königsprojekt (1974), Der Untergang der Stadt Passau (1975) und An den Feuern der Leyermark (1979) zum originellsten deutschen Science-Fiction-Autor. In seinem letzten Geschichts- und Zukunftsroman Das Geheimnis der Krypta (1990) schildert Amery die Welt der historischen Niederlagen, der versäumten Optionen.

Sein dichterisches Hauptwerk ist der große Roman Die Wallfahrer (1986), der vier Geschichten von der Indienstnahme der Religion vom 17. Jahrhundert bis heute erzählt. Rund um den berühmten altbayerischen Wallfahrtsort Tuntenhausen verflechten sich die Epochen, geraten die Entwicklungsstränge bajuwarischer Frömmigkeit und Politik, Ideologie und Lebensart durcheinander. Mit seinen grundlegenden Schriften zu religiös-politischen und ökologischen Fragen liefert Carl Amery bahnbrechend wichtige Denkanstöße. In dem Essay Natur als Politik. Die ökologische Chance des Menschen entwickelt er 1976 den Grundriss des „ökologischen Materialismus“.

Mit seiner Zivilisationskritik, die auf immensem historischen Wissen basiert, bringt Carl Amery bittere Wahrheiten ans Licht und landet dabei immer wieder bei den drängenden Fragen der Gegenwart. Er ist ein scharfer Diagnostiker, der westliches Wohlstandsdenken genau unter die Lupe nimmt, und ein geistreicher Apokalyptiker, der auf die Einsicht der Menschen hofft.

Carl Amery findet immer wieder Zeit, sich praktischen Aufgaben zu widmen. So leitet er ab 1967 vier Jahre lang die städtischen Bibliotheken Münchens, ist Mitbegründer der Bayerischen Grünen, 1976/77 Vorsitzender des Verbandes Deutscher Schriftsteller und von 1989 bis 1991 Präsident des bundesdeutschen PEN-Zentrums.

Neben zahlreichen anderen Auszeichnungen erhält er 1991 als Erster den neu geschaffenen Literaturpreis der Stadt München. Sein literarischer Nachlass wird in der Monacensia bewahrt, bereits zu Lebzeiten hatte er dem literarischen Gedächtnis der Stadt wertvolle Dokumente seines Schaffens und Lebens anvertraut.

Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek


Externe Links:

Literatur von Carl Amery in der BVB

Literatur über Carl Amery im BVB

Artikel bei Spiegel Online

Schlagwort Carl Amery in Zeit Online

Kommentare

Bernhard M. Baron am 13.04.2013 um 15:18

Das Pseudonym "Carl Amery" ist ein Anagramm seines Familiennamens "Mayer", animiert durch Vita & Werk des österreichischen jüdischen Dichters Jean Amery (1912-1978), der ja auch "Mayer" hieß. Dies erzählte mir Carl Amery im November 1972 nach einer Veranstaltung der "Sozialdemokratischen Wählerinitiative" in Weiden i. d. OPf., wo Carl Amery übrigens auch seinen RAD-Dienst 1940 im RAD-Lager am Hammerweg ableistete. Das betreffende RAD-Lager gehörte zur "RAD-Gruppe 290" und war für die "Naabregulierung" zuständig. Sonntags besuchte Carl Amery den katholischen Gottesdienst in der St. Josefskirche, was ihm heftige Kritik einbrachte...



Bernhard M. Baron am 15.01.2015 um 16:31

Carl Amery, der sozialkritische Renommee-Münchner, hat Oberpfälzer Vorfahren, die aus der Kreisstadt Tirschenreuth stammen. Interessierte Leser erfahren dies aus dem "Erinnerungsbuch" von Carl Amerys Großvater Anton Mayer Dortmals. Ein Leben in Bayern vor hundert Jahren, ediert von Carl Amery 1975 (Neuauflage 2001). Ein Werk von kulturhistorischer Bedeutung. Carl Amerys Großvater Anton Mayer (1862-1950), ein Eisenbahnersohn, wächst in Schwandorf auf und erlebt am Schwandorfer Bahnhof die Begegnung von Kaiser Wilhelm I. mit seinem Neffen, dem bayerischen König Ludwig II. Bei einem Manöver 1884 sieht Anton Mayer in Vohenstrauß den Kronprinz des Deutschen Reiches Friedrich... Schwandorf aber erscheint als Ort "Neumünz" nochmals in Carl Amerys Roman An den Feuern der Leyermark (1979).



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