Die bürgerliche Frauenbewegung in München und Bayern und ihre Schriftstellerinnen

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Die Amazonen. Szenenbild zu Marie Haushofers Schauspiel „Zwölf Culturbilder aus dem Leben der Frau“, entstanden im berühmten Fotostudio Atelier Elvira in München. © Stadtarchiv München

Um 1900 vollziehen sich auf allen Lebensgebieten tiefgreifende Veränderungen. Überall erlebt man einen Aufbruch, in den Kreisen der Kunst, der Literatur, der Musik und der Architektur. Die Naturalisten sind die ersten, die sich auf die Suche nach neuen Darstellungsmöglichkeiten begeben. Ihnen folgen andere Gruppierungen und Strömungen: Impressionismus, Jugendstil, Neuklassik, Neuromantik und der Symbolismus. Auch wenn diese Epoche keine Einheit bildet, so zieht sich dennoch eine Leitlinie durch alle Stilrichtungen: das Bewusstsein einer tiefgreifenden Zeitenwende.

Allgemein bekannt ist, dass München vor der Jahrhundertwende zu einer der bedeutendsten Kulturstätten Europas und der Kunst wird. Wenig bekannt hingegen ist, dass München seit dem Ende des 19. Jahrhunderts auch zu einem Zentrum der bürgerlichen Frauenbewegung in Bayern wird. In der Residenzstadt bildet sich zu dieser Zeit eine lebendige Szene der Frauenbewegung, die in der Folge großen Einfluss auf das Bürgertum in ganz Bayern gewinnt.

Seit 1894 ist München von der modernen Frauenbewegung bestimmt, die für das Recht auf Bildung und Erwerbstätigkeit für Frauen eintritt. Die Stadt ist damals entscheidend geprägt von Frauen wie Anita Augspurg, Sophia Goudstikker, Ika Freudenberg, Emma Merk, Marie und Martha Haushofer, Carry Brachvogel, Helene Böhlau, Gabriele Reuter, Helene Raff, Emmy von Egidy, Maria Janitschek und vielen anderen, Frauenrechtlerinnen, Schriftstellerinnen und Künstlerinnen, die alle Mitglied sind im Verein für Fraueninteressen, der maßgeblich dafür verantwortlich zeichnet, dass sich die moderne Frauenbewegung auch in Bayern verbreitet. Sie alle begeben sich damals auf die Suche nach einem neuem Selbstverständnis der Frau, stellen die traditionellen Rollenvorstellungen im Bürgertum in Frage und versuchen die Geschlechterrollen neu zu definieren.

Die bürgerliche Frauenbewegung steht in München in engem Austausch und ist verknüpft mit der Strömung und den Vertretern der „Moderne“. Rückblickend auf die Zeit um 1900 schreibt der Kulturhistoriker Georg Jacob Wolf 1924 dazu:

Als sie [die Frauenbewegung] einsetzte, gingen in München auch die Wogen der modernen Literatur- und Kunstbewegung hoch. Es wurden daher häufig die beiden Strömungen, die der Frauenbewegung und die der „Moderne“, als eines Wesens angesehen und verwechselt. Es kam hinzu, daß mancher Literat und Philosoph, der damals zum Lichte emporstieg, ein leidenschaftlicher Anhänger der Frauenbewegung war und sie sich auch zum Motiv seines Romans, einer Novelle, eines Dramas erwählte oder in einer Flugschrift oder in einem Aufsatz zu ihr Stellung nahm. Andrerseits sprachen die Frauen, die die Fäden der Bewegung in den Händen hielten, häufig in den Versammlungen der Modernen.

(Wolf 1924, S. 218f.)

Die Lebensentwürfe, Ansichten und Ideen dieser politisch engagierten Frauen und Schriftstellerinnen sind hoch aktuell: die Bedeutung von Arbeit und Beruf, von Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung, der Kampf für gleiche und gerechte Entlohnung.

Bedeutend hierbei sind insbesondere die Münchner Schriftstellerinnen Emma Haushofer-Merk (1854-1925) und Carry Brachvogel (1864-1942), die in der Maxvorstadt geboren wurden und hier und in Schwabing auch als erwachsene Frauen leben und wirken. Beide sind im frühen 20. Jahrhundert deutschlandweit bekannte Münchner Schriftstellerinnen, die auch als hervorragende Kennerinnen Bayerns gelten. In ihren Romanen beschreiben sie auf einzigartige Weise das Leben in Bayern und auch immer wieder die Rolle der Frau. Als Frauenrechtlerinnen sind sie damals weit über die Grenzen Bayerns hinaus bekannt. Doch sie sind auch Freundinnen und Kolleginnen. Gemeinsam begründen sie 1913 in der Maxvorstadt den Münchner Schriftstellerinnen-Verein, den ersten Schriftstellerinnen-Verein Bayerns überhaupt (1913-1933). Bedeutende Persönlichkeiten treten ihm bei: Ricarda Huch, Annette Kolb, Isolde Kurz und viele andere damals bekannte Autorinnen. Im Mittelpunkt stehen Forderungen, die heute sehr aktuell sind, wie etwa die Forderung, für geleistete Arbeit adäquat entlohnt zu werden und nicht unbezahlt zu arbeiten.

Wie kam es zu all dem? Im Mittelpunkt der folgenden Darstellung werden wegen ihrer Bedeutung Emma Haushofer-Merk und Carry Brachvogel stehen. In das Blickfeld treten aber auch die Münchner Schriftstellerinnen Helene Böhlau (1856-1940), Emmy von Egidy (1872-1946), Marie Haushofer (1871-1940) sowie Eva Gräfin von Baudissin (1869-1942).


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Dr. Ingvild Richardsen

Sekundärliteratur:

Richardsen, Ingvild (Hg.) (2018): Evas Töchter. Münchner Schriftstellerinnen und die moderne Frauenbewegung 1894-1933. Volk Verlag, München.

Literaturliste als PDF

BR-Interview mit Dr. Ingvild Richardsen zu Künstlerinnen auf der Fraueninsel

Artikel in Einsichten und Perspektiven (Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit)



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Ein wahres „Prachtwerk“ auf dem Buchmarkt: „Evas Töchter“ mit Bildern von Emanuel Spitzer und Text von Emma Merk kam im Münchner Kunstverlag Franz Hanfstaengel 1893 heraus. © Ingvild Richardsen
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