Info
Geb.: 18. 7.1864 in Braunschweig
Gest.: 17.11.1947 in Schönberg im Taunus
Druck nach einer Fotografie. Aus: Jahrbuch der Frauenbewegung: Kriegsjahrbuch des Bundes Deutscher Frauenvereine 1915 (Bayerische Staatsbibliothek München/Porträtsammlung)
Titel: Dr. phil., Dr. h.c.
Namensvarianten: Ricarda Octavia Huch, Ricarda Ceconi; Richard Hugo

Ricarda Huch

Als drittes Kind des Kaufmanns Richard Huch und dessen Frau Emilie, geborene Hähn, wird Ricarda Huch 1864 in Braunschweig geboren. Der wirtschaftliche Verfall und die Liebesbeziehung zu dem mit ihrer Schwester verheirateten Vetter Richard bewegen sie nach Zürich überzusiedeln, wo sie ihr Abitur nachholt und als eine der ersten Frauen Geschichte, Philologie und Philosophie studiert. Ihre Promotion schließt sie 1891 ab mit der Arbeit Die Neutralität der Eidgenossenschaft, besonders der Orte Zürich und Bern, während des spanischen Erbfolgekrieges; im selben Jahr erscheint ihr erstes Buch Gedichte unter dem Pseudonym Richard Hugo. Danach arbeitet Ricarda Huch als Bibliothekarin und Lehrerin für Deutsch und Geschichte, zunächst in Zürich, dann in Bremen.

1892/93 veröffentlicht Ricarda Huch erste Dramen und Erzählungen sowie den autobiografischen Roman Erinnerungen von Ludolf Ursleu dem Jüngeren. Die für ihr Werk charakteristische Verbindung von enthusiastischer Lebensfeier mit dem resignativen Hang zur Verklärung der Vergänglichkeit zeichnet sich schon früh bei ihr ab. Die hieraus resultierende Haltung, die sie mit Vertretern des Jugendstils teilt, prägt ihr gesamtes, von Musikalität und Gefühlsreichtum der Sprache durchsetztes Frühwerk. Obgleich ihr späterer Roman Aus der Triumphgasse (1902) sich unmittelbar mit sozialen Missständen auseinandersetzt, bleibt eine künstlerische Distanz zur Wirklichkeit deutlich spürbar, die richtungsweisend für die neuromantische Bewegung wird.

1897 geht Ricarda Huch nach Wien und beschließt, fortan als freie Schriftstellerin zu arbeiten. Sie heiratet den italienischen Zahnarzt Ermanno Ceconi, dem sie nach Triest folgt und mit dem sie eine Tochter hat. 1899 erscheint der erste Band ihrer großangelegten literaturwissenschaftlichen Studie Die Romantik (zweiter Band 1902). Huchs Absicht, zur Erneuerung ihrer Epoche aus dem Geiste der Romantik beizutragen, gewinnt normative Bedeutung durch die Erkenntnis, dass die jeweilige Bewusstheitsstufe des Menschen den Grad seiner geschichtlichen Laufbahn bestimmt, was dann auch in den an historischen Fakten orientierten Italien-Romanen Die Geschichten von Garibaldi („Die Verteidigung Roms“, 1906; „Der Kampf um Rom“, 1907) und Das Leben des Grafen Federigo Confalonieri (1910) veranschaulicht wird.

1900 zieht Ricarda Huch nach München, wo sie mit Unterbrechungen lebt und in Karl Wolfskehl und Heinrich Wölfflin kongeniale Bekannte findet. Neben ihrem Roman Aus der Triumphgasse erscheint Huchs später in Michael Unger umbenannter Entwicklungsroman Vita somnium breve (1903). In ihrer Dichter-Biografie zu Gottfried Keller (1904) versucht sie die vom Primat des Geistes zu leistende Versöhnung des Menschen mit der Natur zu vermitteln. Ihre eigene Ehe mit Ceconi schlägt jedoch fehl, worauf Ricarda Huch kurzerhand ihren Vetter heiratet und für einige Jahre nach Braunschweig übersiedelt. 1911 trennt sie sich von ihm und geht wieder nach München, wo sie bis auf einen Aufenthalt 1916-18 in der Schweiz bis 1927 lebt.

Ihre an Schiller angelehnte „Darstellung“ Der große Krieg in Deutschland (3 Bde., 1912-14), die in Vorahnung des Ersten Weltkrieges eine in Geistverlassenheit versinkende Epoche zeichnet, wird zum Höhepunkt ihres Schaffens. Mit Luthers Glaube (1916), Der Sinn der Heiligen Schrift (1919) und Entpersönlichung (1921) macht Huch sich auch als philosophisch-theologische Schriftstellerin einen Namen. Daneben entstehen nur wenige dichterische Werke: der Kriminalroman Der Fall Deruga (1917), der mehrmals verfilmt wird, erzählende Dichtungen wie Der wiederkehrende Christus (1926), Weiße Nächte (1943) oder Der falsche Großvater (1947) sowie der Lyrikband Herbstfeuer (1944).

Huchs politisches Engagement, das sich bereits in ihrer – gescheiterten – Kandidatur für die Wahlen zur Nationalversammlung 1919 gezeigt hat, geht schließlich in die historisch-politische Studie Michael Bakunin und die Anarchie (1923) ein. 1924 wird sie Ehrensenatorin der Universität München, 1926 als erste Frau in die Sektion Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste gewählt. 1931 erhält sie den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt.

Ihr Spätwerk gilt primär der Erkenntnis der irrationalen Mächte und Ideen, die menschliches Schicksal und Geschichte bestimmen, und vereint philosophische, religiöse, historische sowie politische Komponenten. Neben der Hinwendung zum christlichen Glauben, der Vollendung des Subjekts durch Versöhnung des Natur-Geist-Gegensatzes (Luther), dem aus mittelalterlicher Gesellschaftsordnung abgeleiteten, persönliche Freiheit sowie Einzelinitiative wahrenden Kollektivismus (Bakunin) sucht Ricarda Huch politische und geistige Kräfte des Mittelalters für die Gegenwart zu erschließen, was u.a. in den beiden Studien Stein über den Freiherrn vom Stein (1925) und Alte und neue Götter. 1848. Die Revolution des 19. Jahrhunderts in Deutschland (1930) mündet. Ihre dreibändige Deutsche Geschichte entsteht in den Jahren 1934 bis 1949.

Seit 1927 im Haus ihres Schwiegersohns Franz Böhm lebend – zunächst in Berlin, dann in Heidelberg, Freiburg und seit 1936 in Jena –, leistet Ricarda Huch aktiven geistigen Widerstand gegen den Nationalsozialismus, indem sie bereits 1933 aus der Akademie der Künste austritt und sich konsequent gegen die NS-Rassendoktrin ausspricht. Ihre letzten historischen Studien sind den Opfern des Widerstandskreises Münchner Studenten des Jahres 1943 gewidmet, die unter dem Titel Der lautlose Aufstand (1953) posthum erscheinen.

1947 wird Ricarda Huch Ehrenpräsidentin des Ersten Deutschen Schriftstellerkongresses in Ost-Berlin (davor hat sie auch den Ehrenvorsitz des Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands im Landesverband Thüringen übernommen). Im selben Jahr zieht sie nach Frankfurt um und stirbt in Schönberg im Taunus an den Folgen einer Lungenentzündung.

Verfasser: Bayerische Staatsbibliothek / Dr. Peter Czoik

Sekundärliteratur:

Frommholz, Rüdiger: Huch, Ricarda, geborene Huch. In: Neue Deutsche Biographie 9 (1972), S. 705-708, http://www.deutsche-biographie.de/pnd118554190.html, (20.11.2011).

Huch, Ricarda. In: Munzinger Online/Personen - Internationales Biographisches Archiv, URL: http://www.munzinger.de/document/00000000108, (20.11.2011).


Externe Links:

Literatur von Ricarda Huch im BVB

Literatur über Ricarda Huch im BVB

Ricarda Huch in der BLO

Gedichte Ricarda Huchs im Frauen-Kultur-Archiv

Schlagwort Ricarda Huch in Zeit Online

Kommentare

Gerd Brunner am 21.07.2014 um 14:33

Ricarda Huchs Stellungnahme zum Austritt aus der 'preuß. Akademie' der NS-Ära: "Was die jetzige Regierung als nationale Gesinung vorschreibt, ist nicht mein Deutschtum. Die Zentralisierung, die brutalen Methoden, die Diffamierung Andersdenkender, das prahlerische Selbstlob halte ich für undeutsch und unheilvoll. Bei einer so sehr von der staatlich vorgeschriebenen Meinung abweichenden Auffassung halte ich es für unmöglich, in einer staatlichen Akademie zu bleiben."



Bernhard M. Baron am 28.01.2015 um 09:18

Ricarda Huch hat in der Zeit zwischen 1925 und 1930 über 60 deutsche Städte kenntnisreich skizziert, ja hommageartig beschrieben. So finden wir die Donau- und Bischofsstadt REGENSBURG Im Alten Reich - Lebensbilder Deutscher Städte (Leipzig 1927, S. 138-157) oder die Eisenstadt AMBERG in Band 2 Neue Städtebilder (Leipzig/Zürich 1929, S. 284). Der interessierte bayerische Leser entdeckt aber auch noch WÜRZBURG und STRAUBING. Die Gesamtauswahl ihrer Städtebilder ist für den heutigen Literaturreisenden bestimmt nicht repräsentativ (da auch Orte in der SCHWEIZ ihr persönliches Interesse weckten), aber individuell von Ricarda Huch so ausgewählt - weil "die Städte schon im Mittelalter Bedeutung hatten"...



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