Dieser Spaziergang führt entlang der Kommunikationsknoten und Treffpunkte der Künstler und Intellektuellen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, vorbei an den berühmtesten Kaffee- und Wirtshäusern Münchens. Er hat eine Länge von 5 km und dauert eine gute Stunde. Dabei sind die erste und die letzte Station nicht einberechnet, die beide von der Hauptroute weiter entfernt liegen und besser mit öffentlichen Verkehrsmitteln angesteuert werden.

Von Joseph Roth wird erzählt, er habe, wenn er sich einmal – widerwillig – in einer Privatwohnung befand, nach kürzester Zeit gefragt: „Wann gehen wir ins Bistro?“ – egal, ob er sich in Wien, Berlin oder Paris aufhielt. Die Autoren des französischen Existenzialismus, allen voran Simone de Beauvoir und Jean Paul Sartre, machten Pariser Cafés und Restaurants zu ihren Wohn- und Arbeitszimmern. Der österreichische Schriftsteller Peter Altenberg, der wohl die meiste Zeit seines Lebens in Kaffeehäusern verbracht hat, begegnet uns noch heute als lebensgroße Figur im Wiener Café Central.

Das französische Café L'Assommoir um 1900 (c) Photo12 / Universal Images Group

Die Boheme bevorzugt Treffpunkte außerhalb der eigenen vier Wände, in denen man sich „gleichberechtigt“ und unverabredet begegnen kann – Flüchtigkeit und Intensität bilden im Kaffeehaus kein Gegensatzpaar. Alle sind dort Gäste, keiner nimmt die Rolle des Gastgebers ein. Als „Arche Noah, die für alle Platz hat, ohne Vorrang und ohne Ausschluss,“ bezeichnet der italienische Schriftsteller und Germanist Claudio Magris sein Triester Stammcafé San Marco und nimmt es als Ausgangspunkt seines Spaziergangs durch Die Welt en gros und en détail (1997). Das individuelle Heim hat wenig Bedeutung, es sind die Transiträume oder Nicht-Orte, wie es in der Postmoderne heißt, in denen sich die Bohemiens zu Hause fühlen. Damit lassen sie Nicht-Orte zu Orten werden, an denen man sich mit anderen Menschen verbunden weiß, die eigene Einsamkeit vergisst oder genießt, weil man sich inmitten von Fremden und Freunden aufgehoben fühlt.

„Deutschlands Dichter“ sitzen am liebsten im Kaffeehaus: Ernst von Wolzogen mit Zigarettenspitze, Max Halbe mit Zwicker und Paul Heyse im Profil. Karikatur aus dem Simplicissimus 1897 von Bruno Paul. (c) Bayerische Staatsbibliothek / Bildarchiv

In seinen Unpolitischen Erinnerungen (1927) hat Erich Mühsam, den wir, genau wie Franziska zu Reventlow, auf unserem Spaziergang, häufig treffen werden, die Atmosphäre der Münchner Kaffeehäuser der Boheme lebendig werden lassen:

Was zusammengehörte und zueinanderstrebte, fand sich in den Cafehäusern, Weinstuben und Bierkellern an den Tischen, welche zu verschiedenen Tageszeiten die verschiedenen Sammelpunkte der verschiedenen Freundes- und Kollegenkreise abgaben. Aber der Stammgast des Cafes Stefanie war kein lästiger Fremdling, wenn er einmal im Cafe Luitpold bei den Ästheten, im Cafe Noris bei den Schwabinger Honoratioren Georg Schaumberg und Graf Du Moulin-Eckardt oder im Cafe Orlando di Lasso bei den kritikenverschlingenden Hofschauspielern auftauchte. Wer sonst abends die letzten Krach-Sensationen innerhalb der zahlreichen Künstlerbünde bei der Kathi Kobus oder in der Torggelstube mit den unmittelbar Beteiligten oder den mittelbar Interessierten zu diskutieren liebte, wurde gleichwohl willkommen geheißen, wenn ihn der Abwechslungsdrang einmal an den Wochenstammtisch der Simplicissimus-Künstler an der ,,Kette“ oder zum Frühschoppen in den „Franziskaner“ führte.

(Erich Mühsam: Unpolitische Erinnerungen. Hg. von Karl-Maria Guth. Sammlung Hofenberg. Berlin 2014, S. 93ff.)

 


Spaziergang starten: Station 1 von 17 Stationen


 

Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Gunna Wendt

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