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Der Seerosenkreis feiert 70. Geburtstag

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Das verschollene Bild „Traumstadt Schwabing bei Nacht” von Hermann Geiseler, das ursprünglich in der „Seerose” hing

1948 wurde der Seerosenkreis von Künstlern aller Sparten zunächst einmal als Stammtisch im Schwabinger Lokal Seerose, Ecke Feilitzsch-Gunezrainerstraße, gegründet. Gründungsväter waren unter anderem der Dichter Peter Paul Althaus, der Maler Hermann Geiseler und der Schauspieler Gustl Weigert. 2018 feiert der Seerosenkreis, der sich mittlerweile regelmäßig im Münchner Künstlerhaus am Lenbachplatz trifft, sein 70. Jubiläum. Stefanie Bürgers hat für die LiteraturSeiten München einen Blick auf sieben Jahrzehnte Literatur, Kunst und Geselligkeit sowie die Geburtstagsveranstaltungen im Juli 2018 geworfen.

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Es ist Nacht. Warmes Licht strömt aus hell erleuchteten Fenstern und Künstler-Ateliers. Eine Atmosphäre voller Poesie. Friedvolle Symbiose von Mensch, Zeit und Raum. So haben sich der Dichter Peter Paul Althaus und der Maler Hermann Geiseler kurz nach dem Krieg die Traumstadt vorgestellt und erschaffen.

Versetzen wir uns in das Jahr 1948, zerstörtes München, Hungerwinter, Währungsreform. Allem zum Trotz trifft sich ein Kreis von Künstlern im Wirtshaus Seerose in Altschwabing, nahe Wedekindplatz. Sie möchten die alten Künstlergemeinschaften wieder zum Leben erwecken. Diese Treffen der „Zurückgebliebenen“, wie sie sich anfangs betitelten, wurden später zum Seerosenkreis, benannt nach dem Tagungsort. Ein Gründungstag lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Das passt zu dieser Gruppe, die offen und durchlässig sich überschneidende Kreise einbezieht, Dichter wie Peter Paul Althaus (von den Freunden nur PPA genannt), bildende Künstler wie Hermann Geiseler und Oswald Malura, Schauspieler wie Gustl Weigert oder den Regisseur Karl Theodor Langen. Eine feste Organisationsform gibt es nicht, keine Mitgliederliste, keine Satzung. Geselligkeit, Zwanglosigkeit, kein „Festgelegtsein“ sind Selbstverständnis. Und so kam auch Gustl Weigert, der nur ums Eck wohnte, stets in Filzpantoffeln zum Stammtisch.

Brigitta Rambeck, Autorin, Malerin und derzeit „Ober-Seerosianerin“ erklärt: „Nach zwei Kriegen hat sich PPA eine Gegenwelt erdichtet, für die sich rasch eine Gefolgschaft bildete.“ Darunter Hans-Jochen Vogel (Münchner OB von 1960-72), der von PPA, dem ersten Bürgermeister der Traumstadt, stets als Kollege sprach. Die Bürgerversammlungen, derzeit in der Schauburg unter Leitung von Christian Ude als Traumstadtbürgermeister, pflegen bis heute die Fortführung der Idee.

Im Lauf der Jahre hat sich der Seerosenkreis einen Ruf gemacht sowohl mit Lesungen, damals unerhört neu, als auch mit Ausstellungen und mit Kabarett, der zu neuem Leben erwachten alten Brettl-Kunst. Gegenseitige Unterstützung und Beratung vor allem jüngerer Künstler waren Programm. Bacchantische Faschingsfeste durften ebenso wenig fehlen wie der unvergessliche Nikolausabend 1964 mit Hans-Jochen-Vogel als Nikolaus und der Schwabinger Gisela als Engel. Die Seerose wurde Ende der 40er, Anfang der 50er Jahre heiß begehrter Tummelplatz der sozio-kulturell ausgehungerten Münchner, denn, so charakterisierte es Erich Mühsam, schon immer war ein gewisser „Widerstand gegen die Autorität herkömmlicher Sitten“ Wesenszug der Schwabinger Bohème.

Die große Anziehungskraft hat den Kreis schnell wachsen lassen, und so mussten sich Literaten und bildende Künstler fortan in getrennten Lokalitäten treffen. Dem Zusammenhalt tat dies keinen Abbruch. Zu den derzeit aktiven „Seerosianern“ zählen u. a. die Schriftstellerinnen Dagmar Nick, Asta Scheib, Katrin Baumer, Christine Grän, Gisela Heidenreich, die Autoren Gert Heidenreich, Albert von Schirnding, Anatol Regnier, Michael Skasa, Thomas Lang, Fridolin Schley, die Kabarettisten Maria Peschek und Thomas Steierer, die bildenden Künstler Baldur Geipel, Konrad Hetz, Tobias Krug.

Zum 70-jährigen Bestehen gab es nun zwei zentrale Veranstaltungen im – wie könnte es anders sein – Künstlerhaus am Lenbachplatz sowie eine Festschrift. Start war am 5. Juni mit einer Vernissage von Bildern und Skulpturen in den Clubräumen des Künstlerhauses, verbunden mit der Verleihung des von der Stadt München gestifteten Wanderpreises, des Seerosen-Rings, an Wolfgang Roucka, den leidenschaftlichen Galeristen, Fotografen und Posterkönig von Schwabing. Am 2. Juli endeten die Feierlichkeiten dann mit einer Festveranstaltung zu Ehren der Literaten im Saal und im Innenhof des Künstlerhauses. Kurzweilige Einlagen gaben an diesem Abend u. a. Salome Kammer, Schauspielerin und Sängerin, mit Akkordeonistin Maria Reiter, André Hartmann, Pianist und Kabarettist, Maria Peschek, Christian Ude u. v. a.

Ein schönes Geschenk für den Seerosenkreis wäre natürlich das Wiederauffinden des leider verschollenen Traumstadtbildes (siehe oben), das ursprünglich zur Inspiration der Künstler in der Seerose hing und heute leider nur noch als Reproduktion existiert. Einstweilen muss ein Lächeln genügen, von dem man ganz sicher weiß, wem es gilt.


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