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Geb.: 9. 4.1935 in Regensburg
Albert von Schirnding bei der Jahressitzung der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, 3. Juli 1986 (Bayerische Staatsbibliothek/Timpe)

Albert von Schirnding

Albert von Schirnding wird 1935 in Regensburg in eine adelige Familie hineingeboren und beginnt sich – wie für viele exemplarische Dichterlaufbahnen üblich – früh mit Literatur zu beschäftigen. Er lebt auf Schloss Harmating, dem Schirnding’schen Familienbesitz in der oberbayerischen Gemeinde Egling.

Ein besonderer Schwerpunkt neben der Vorliebe für die deutschen Klassiker gilt der antiken Dichtung. Schon 1951 veröffentlicht von Schirnding erste Gedichte und nimmt nach seiner Schulzeit ein Studium der Klassischen Philologie auf. In einem weiteren Lebensabschnitt arbeitet er als Privatsekretär für den deutschen Schriftsteller Ernst Jünger, wodurch er auch in die noch ungeschriebene Literaturgeschichte des Adlatus Eingang findet. Dank seiner Doppelbegabung für Literatur und Pädagogik – seinen ersten Lyrikband Falterzug veröffentlicht er 1956 mit Unterstützung des Schriftstellers Georg Britting – ist Albert von Schirnding als Gymnasiallehrer tätig und unterrichtet von 1965 bis 1998 in München. Über seine pädagogische Tätigkeit hinaus tut sich von Schirnding mit einer Vielzahl an journalistischen und literaturkritischen Beiträgen hervor, die vor allem in der Süddeutschen Zeitung erscheinen, und er lässt auch sein lyrisches und episches Werk mehr und mehr anwachsen.

Eine besondere Rolle kommt Albert von Schirnding als Literaturvermittler zu. So wirkt er sowohl bei der Bayerischen Akademie der Schönen Künste und von 1991 bis 2003 als Leiter der dortigen Literaturabteilung sowie als Herausgeber und Kommentator der Werke von Lessing und Thomas Mann. Ferner übersetzt er unter anderem Lukian, Hesiod und Sappho, und er begrüßt seit Jahren in der Münchner Katholischen Akademie in Bayern Schriftsteller im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Zu Gast bei Albert von Schirnding“.

Unter seinen zahlreichen Herausgeberschaften ist besonders die mittlerweile kanonisch gewordene und von Ludwig Reiners begründete Gedichtsammlung Der ewige Brunnen hervorzuheben, die von Schirnding überarbeitet und auch durch die Erweiterung um moderne Lyrik aktualisiert hat. Schirndings literarisches Werk ist vielschichtig und erstreckt sich über viele Jahrzehnte. Sein mittlerweile neunter Gedichtband aus dem Jahre 2005 trägt den Titel Übergabe und versammelt 80 Gedichte. Seine jüngsten Lyriksammlungen, die in der Edition Toni Pongratz erschienenen Bücher War ich da? (2010) und Höhersteigen (2015), thematisieren Alter und Vergänglichkeit. Im Verlag Langewiesche-Brandt sind außerdem drei Bände mit Erzählungen erschienen: Herkommen (1987), Halbkreise (1997) und Nach dem Erwachen (2003).

Von seinen Essays ragen u.a. Begegnungen mit Ernst Jünger (1990), Schirndings Erinnerungen an die Wilflinger Jahre als Adlatus des Schriftstellers in den Semesterferien 1955 bis 1961, sowie der Band Linien des Lebens (1982) heraus, welcher an Autoren der gesamten Literaturgeschichte erinnert – von Boëthius über Brentano und Joyce bis hin zu Hubert Fichte.

Das im Jahr 2000 im Deutschen Taschenbuch Verlag erschienene Buch Alphabet meines Lebens (2000) zieht ein Resümee von Schirndings literarischem Denken und seiner Stationen in Stichworten von „Abstammung“ über „Griechisch“ bis „Zuletzt“. Unter dem Begriff „Schreiben“ formuliert Albert von Schirnding ein Diktum über den Literaten, das auch für sein eigenes Leben und sein Werk zutreffen dürfte: „Schriftsteller sind Menschen, die unter allen Umständen schreiben wollen – das Was ist nicht so wichtig wie das Daß.“ Dass allerdings Albert von Schirnding den Leser immer auch mit dem Was beglückt hat, und zwar als facettenreicher Autor mit thematischer Bandbreite, steht hier außer Frage.

In seinem 2008 im Verlag C. H. Beck erschienenen Band Die 101 wichtigsten Fragen: Thomas Mann nähert sich von Schirnding auf geistreiche, fachkundige und unterhaltsame Weise einem der großen Heroen seines literarischen Heiligenkalenders: „Im Grunde ist das ganze Werk Thomas Manns, das erzählerische wie das essayistische, vom Willen zur Erforschung und Deutung des eigenen Ich geprägt“.

In seinem jüngsten Buch, den 2015 veröffentlichten Lebenserinnerungen Jugend, gestern (Nachwort von seinem ehemaligen Schüler Rainald Goetz), wird Albert von Schirnding schließlich der poetische Erforscher des eigenen Lebens. Die Leserschaft findet in ihm sowohl einen belesenen Autobiographen als auch einen Deuter und Vermittler der literarischen Tradition.

Für sein Werk erhält er zahlreiche Auszeichnungen, u.a. die Ehrengabe der Bayerischen Akademie der Schönen Künste (1980), den Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay (1982), den Schwabinger Kunstpreis (1982), den Kritikerpreis des Kulturkreises im Bundesverband der deutschen Industrie (2000), die Hans-Prinzhorn-Medaille der Deutschsprachigen Gesellschaft für Kunst und Psychopathologie des Ausdrucks (2005), den Kulturpreis der Stadt Regensburg (2006) sowie den Friedrich-Baur-Preis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste (2008).

Verfasser: Dr. Kay Wolfinger / Bayerische Staatsbibliothek

Sekundärliteratur:

Baron, Bernhard M. (2001): Oberpfälzer Literaturg'schichten. Audio-CD. Radio Ramasuri, Weiden. Text & Sprecher: Bernhard M. Baron © Radio Ramasuri.

Ders. (2016): Albert von Schirnding in Weiden. In: Oberpfälzer Heimat 61 (2017), S. 93-102.

Ernstberger, Leo: Albert von Schirnding: Bedenkzeit. Ein biographisch-topographisches Portrait. In: Zeitschrift des bayerischen Philologenverbands 2/80.

Friedrich, Heinz (1995): Zwischenbilanz. A. v. S. zum 60. Geburtstag. In: Jahrbuch 9, Bayerische Akademie der Schönen Künste.

Kaiser, Joachim (1983): Heitere Leidenschaft des Wissen-Wollens. Laudatio anlässlich der Verleihung des Merck-Preises. In: Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung: Jahrbuch 1982, S. 57-60.

Krüger, Michael (2012): Albertus Magnus d. J. Ein Vorwort. In: Autoren zu Gast bei Albert von Schirnding vorgestellt in der Katholischen Akademie in Bayern mit einem Vorwort von Michael Krüger. Katholische Akademie in Bayern, München, S. 7-10.

Moser, Dietz-Rüdiger u.a. (Hg.) (1997): Lexikon der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur seit 1945. Bd. 2. München, S. 1048f.

Schmied, Wieland (2000): Die fünf Kreise des Lebens. Über Albert von Schirnding. In: Literatur in Bayern 60, S. 46-59.

Schwab, Hans-Rüdiger (2007): Schirnding, Albert von. In: Munzinger Online/KLG - Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. URL: http://www.munzinger.de/document/16000000671, (02.11.2015).

Schweikert, Rudi (Red.) (2012): PEN-Zentrum Deutschland. Autorenlexikon 2012/2013. Wuppertal, S. 351f.


Externe Links:

Literatur von Albert von Schirnding im BVB

Literatur über Albert von Schirnding im BVB

Interview I

Interview II

Youtube-Video

Albert von Schirnding über Dantes Göttliche Komödie

Unzeitgemäße Gedanken zur humanistischen Bildung

Kommentare

Bernhard M. Baron am 05.11.2015 um 19:04

Albert von Schirndings pädagogische Laufbahn begann nicht erst 1965 in München. Im Dezember 1958 trat er die Referendarstelle am (damaligen) Humanistischen Gymnasium (heute: Augustinus-Gymnasium) in Weiden i.d.OPf. an (Der unverlorene Sohn, in: Halbkreise. Erzählungen, München 1997). Ab 1. Dezember 1960 erhielt Albert von Schirnding die zugewiesene Planstelle am Humanistischen Gymnasium Ingolstadt. War „der Winter in Weiden kein Honigschlecken gewesen“ (Weiden - Die Pädagogische Provinz, in: Hamlet auf der Akropolis, Regensburg 2000), so verbrachte Albert v. Schirnding seine Zeit bei Ausflügen nach Fockenfeld, Nabburg, Vohenstrauß, im Weidener Schätzlerbad, im Max-Reger-Park oder an den Ufern der Waldnaab, wo er 1959 den Lyrikband von Peter H. Lee, Kranich am Meer. Koreanische Gedichte aus der „englischen Interlinearversion in deutsche Verse“, übertrug. Albert von Schirnding war auch in Weiden i.d.OPf. familiengeschichtlich verankert. Sein Großvater Karl war „königlicher Eisenbahnexpeditor“ in Weiden. Hier wurde auch sein Vater Ottokarl 1892 geboren, der spätere fürstliche Hofmarschall bei Thurn und Taxis in Regensburg. Bis 1908 bewohnten „die Schirndinger“ das Gut Wilchenreuth. 1979 erhielt übrigens die Gemeinde Theisseil (Landkreis Neustadt a. d. Waldnaab) Teile aus dem Schirndinger Familienwappen („gestümmelte Äste“), da einst die „Hofmark Wilchenreuth“ und Teile von Edeldorf vom 15. bis zum 17. Jahrhundert der freiherrlichen Familie unterstanden. Anlässlich seiner Teilnahme bei den 8. Weidener Literaturtagen „Geschichte in der Literatur“ am 8. Mai 1992 überreichte der Weidener Kulturamtsleiter Bernhard M. Baron ein vom Stadtarchiv Weiden zusammengestelltes Dossier über die Familiengeschichte der „Weidener Schirndings“. Albert von Schirnding war von dieser Weiden-Begegnung so angetan, dass er am 10. April 2003 – einen Tag nach seinem 68. Geburtstag – im Rahmen des 100-jährigen Bestehens des Weidener Augustinus-Gymnasiums zu einer öffentlichen Autorenlesung kam. Und nochmal sollte Albert von Schirnding nach Weiden kommen. Literaturtage-Organisator Bernhard M. Baron hatte am 23. April 2004 zur Auftaktveranstaltung „Literaturlandschaft Oberpfalz“ in die Weidener Max-Reger-Halle eingeladen, wo der literarische Grandseigneur der Oberpfalz mit Anja Utler, Werner Fritsch, Wolf Peter Schnetz, Benno Hurt und Harald Grill auftrat. Bewusst lokal pointiert las Albert von Schirnding aus seinen Prosa-Bänden Herkommen, Posthorn-Serenade und Halbkreise.



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