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Geb.: 11. 4.1941 in Regensburg
Foto: Christian Brüssel

Benno Hurt

Benno Hurt wächst zusammen mit drei Geschwistern in Regensburg auf. Während seiner Schulzeit spielt er in der 1. Jugend des SSV Jahn Regensburg begeistert Fußball, ähnlich seinem späteren Romanhelden Christian Kirsch in Eine deutsche Meisterschaft (1991). Mit 20 Jahren macht er Abitur und studiert bis 1965 Jura in München. 1964 lernt Hurt im Anschluss an eine Lesung in der Universität Marieluise Fleißer kennen, die sich beim Carl Hanser Verlag für ihn einsetzt. Seine erste Buchveröffentlichung macht er mit einer Erzählung in der von Martin Gregor-Dellin herausgegebenen Anthologie Vor dem Leben – Schulgeschichten von Thomas Mann bis Heinrich Böll (1965). Im selben Jahr erscheint auch sein eigener Erzählband Frühling der Tage bei Hanser. Es folgen Gedichte, Essays, Erzählungen und Lesungen im Rundfunk.

1971 wird Hurt nach seiner Tätigkeit als Staatsanwalt Richter in Regensburg. Er wendet sich der Fotografie zu, wobei er verschiedene Serien mit nur einem 28-mm-Weitwinkel-Objektiv erstellt. In den 80er Jahren publiziert er Bild- und Textbeiträge in verschiedenen Fachzeitschriften und macht sich mit Ausstellungen im In- und Ausland einen Namen. 1986/87 wird sein erstes Theaterstück Freies Geleit in Regensburg aufgeführt. Weitere Premieren feiert er mit den Stücken Weinzwang (1990) sowie Wer möchte nicht den Wald der Deutschen lieben (1991).

1991 arbeitet Hurt für den Kellner Verlag in Hamburg; sein Roman Eine deutsche Meisterschaft erscheint. In diesem und in den folgenden Romanen, Der Wald der Deutschen (1993) und Ein deutscher Mittelläufer (1996), rekonstruiert Hurt die Geschichte der Bundesrepublik, von den Anfängen bis zur Wiedervereinigung. Schauplatz ist die fiktive mittelgroße Stadt „Kolbstadt“ im Süden Deutschlands.

1999 erhält Benno Hurt den Kulturpreis der Stadt Regensburg. Neben z.T. wiederveröffentlichten Erzählungen und Gedichten erscheinen vorwiegend satirische Geschichten, 2002 der Band Der Samt der Robe – Erzählungen aus der Justiz, gegen den ein Richterkollege Hurts eine einstweilige Verfügung erwirkt. Trotz derselben kommt es ein Jahr darauf am 29. April 2003 i. R. der 13. Weidener Literaturtage zu einer (überfüllten) Exklusiv-Lesung im Schwurgerichtssaal des Weidener Justizgebäudes – dank des literarischen Verständnisses des Weidener Landgerichtspräsidenten Hasso Nerlich. Darauf folgt dann eine Lesung in der Bibliothek des Justizpalastes München, 100 Hurt-Fotografien werden zudem im Foyer des Gebäudes gezeigt. 2013 erscheint die Neuauflage von Der Samt der Robe (ebenfalls im Lichtung-Verlag).

Ab 2006 werden seine drei Romane als Taschenbuchausgaben bei dtv wiederaufgelegt. Ein vierter und fünfter Roman, ein Road-Movie (Eine Reise ans Meer, 2013 als WDR-Hörspiel) bzw. ein Porträt aus den Neunzigern (Wie wir lebten), kommen 2007 und 2008 heraus. Im Jahr 2011 erscheint dann Im Nachtzug. Eine Entfernung. 2012 wird der Autor mit dem Friedrich-Baur-Preis für Literatur ausgezeichnet. Für Heribert Prantl (Süddeutsche Zeitung), der das Vorwort zu Im Nachtzug schreibt sowie die Laudatio zum Friedrich-Baur-Preis, ist Benno Hurt „ein poetischer Realist“. Und der Literarturkritiker Denis Scheck resümiert im Deutschlandfunk (20./27. April 2011): „Benno Hurt ist einer der bedeutendsten literarischen Chronisten der Bundesrepublik.“

Der im September 2014 veröffentlichte Roman Die Richterin über das Doppelleben der Richterin Judith S., „einer Frau in Großaufnahme“, ist Benno Hurts jüngstes Werk. An ihn schreibt der Schriftsteller und Literaturkritiker Albert von Schirnding in einem Brief vom 28. September 2014: „Ich empfinde dieses Buch als Ihr gelungenstes; vor allem bewundere ich, daß Sie nach den vorausgehenden, die ich ja alle gelesen habe, in diesem ‚Spätwerk‘ noch einmal ganz neue Töne anschlagen.“ Nach Motiven des gleichnamigen Romans konzipieren Eva Sixt und Joseph Berlinger das Theaterstück Die Richterin als „ein Spiel über Sehnsucht und Schrecken in der bürgerlichen Gesellschaft“, das am 29. Oktober 2017 im Regensburger Turmtheater seine Uraufführung erlebt.

Benno Hurt lebt heute in Pettendorf bei Regensburg.

Verfasser: Bayerische Staatsbibliothek / Dr. Peter Czoik

Sekundärliteratur:

Baron, Bernhard M. (2011): Benno Hurt. Chronist der bundesdeutschen Wirklichkeit. Hommage zum 70. Geburtstag. In: Literatur in Bayern 27 Nr. 104, S. 49.

Wiedemann, Fritz (Hg.) (1993): Überall brennt ein schönes Licht. Literaten und Literatur aus Ostbayern. Passavia Verlag, Passau, S. 131-149.


Externe Links:

Literatur von Benno Hurt im BVB

Literatur über Benno Hurt im BVB

Zur Homepage des Autors

„Ostbayern persönlich“ mit Benno Hurt

Die Richterin im Turmtheater Regensburg

Kommentare

Bernhard M. Baron am 10.09.2014 um 16:06

Wer den neuen Roman Die Richterin von Benno Hurt gelesen hat, der wird überrascht sein. Ein neuer, realistischerer, sprachgewaltigerer Autor tut sich hier dem interessierten Leser auf – ganz in der Art eines Tennessee Williams (Die Katze auf dem heißen Blechdach) oder gar in der Tradition des französischen „Nouveau Réalisme“, der wiederum mit den Augen eines versierten Fotografen seine Personen skizziert, ja seziert. Auch bleibt der Autor, der ehemalige Richter Benno Hurt, seinem Metier, der Justiz treu, doch für diesen exzellenten Roman ist „seine“ Justiz,  d i e  Justiz  w e i b l i c h . So erfährt der Leser von einer 46-jährigen Karriere-Frau, einer Richterin, zwischen der Entdeckung ihres ehemaligen Nazi-Juristen-Übervaters (aufgrund des aufgetauchten DDR-Braunbuchs) und ihrer teilweise unterdrückten Sexualität, die sich beim Studium eines anhängenden Gerichts-Falles beim Aktenstudium entlädt. Auch wenn sie erotische Erfahrungen mit ihrer Justiz-Sekretärin erlebt und ein männliches Erlebnis in der Atmosphäre eines Straßenstrichs sucht, wird sie wohl alleine bleiben, gewohnte Friedhofsgänge absolvieren und sich weiter um ihr Foto-Familienalbum kümmern... Hatten die früheren Romane über die bundesrepublikanische Vergangenheit noch in der Donaustadt „Kolbstadt“ oder „Kürren“ (= Regensburg) gehandelt, hat Benno Hurt diesmal den Ort seiner (fiktiven) Handlung vermutlich bewusst in der Lechstadt „A.“ (= Augsburg) lokalisiert. Vermutlich auch, um nicht wieder mit möglichen personellen Wiedererkennungseffekten wie nach seinem Erzählband Der Samt der Robe (2002) konfrontiert zu werden. Dem sprachgewandten Prosaisten, dem observierenden Fotografen und Katzenliebhaber Benno Hurt ist mit seinem neuesten Roman Die Richterin ein großer Wurf gelungen. Es scheint auch, als hätte Benno Hurt auch sein neues alter ego gefunden. Fazit:  D i e  Justiz ist weiblich!



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