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Frequenz: wöchentlich
Auflage: Es kursieren verschiedene Zahlen: ca. 15.000 bis 85.000 Exemplare
Preis: 10 Pf bis 30 Pf
Ort: München
Hg.: Albert Langen
Inhalt: Lyrik, Prosa, Essay, Satire

Simplicissimus

Deutsche satirische Wochenzeitschrift

Im Jahr 1895 übersiedelt der Verleger Albert Langen nach München, bald darauf kann man sein erstes Projekt bestaunen: Am 4. April 1896 erscheint die erste Nummer des Simplicissimus. Der Name stammt laut Aussage des Zeichners Thomas Theodor Heine von Maximilian Harden, Herausgeber der Zeitschrift Zukunft. Bald wird der Simplicissimus ein unersetzliches Forum für die künstlerische und literarische Avantgarde dieser Zeit. Mit bissiger Satire zielt er auf die bürgerliche Moral und die Beamten, die Kirche und das Militär, die wilhelminische Politik und die Person des Kaisers.

Albert Langen übernimmt selbst die Redaktion, nachdem Otto Erich Hartleben, der eine reine Lyrik-Zeitschrift im Sinn hat, als Redakteur schon vor dem Erscheinen der ersten Nummer ausscheidet. Denn Langen will den Simplicissimus von Anfang an als Kritikorgan für sämtliche Bereiche von Literatur, Kunst und Gesellschaft bis hin zur Politik aufziehen. Er engagiert Thomas Theodor Heine als ständigen Mitarbeiter, der bis dahin für die Fliegenden Blätter gezeichnet hat. Die erste Nummer erscheint in der völlig überdimensionierten Auflage von 480.000 Exemplaren. Trotz der Finanzspritzen von Langens Familie leidet der Simplicissimus immer an Geldproblemen, bis schließlich 1906 der Verkaufspreis von 10 auf 30 Pfennig angehoben wird und erstmals Gewinne erzielt werden.

Wegen seiner Kritik an der politischen Obrigkeit, wird der Simplicissimus bald in Österreich verboten. Das Wappentier des Simplicissimus, die berühmte rote Bulldogge, zeichnet Heine als Reaktion auf das Verbot erstmals in Heft Nr. 8 (Jg. 1): Der Hund hebt das Bein gegen einen österreichischen Wachmann, der gerade Plakate des Simplicissimus zerstört. 1898 ergeht auch ein Verkaufsverbot des Simplicissimus an deutschen Bahnhöfen. Die dadurch entstehende öffentliche Aufmerksamkeit führt jedoch zu einer Steigerung der Verkaufszahlen. Wirkliche Schwierigkeiten bekommt der Simplicissimus erst mit Heft Nr. 31 (Jg. 3), das die Orientreise Wilhelms II. aufs Korn nimmt. Man wirft Langen Majestätsbeleidigung vor, er muss in die Schweiz fliehen. Heine und der Autor der Spottgedichte, Frank Wedekind, verbüßen eine halbjährige Haftstrafe auf Königstein. Langen darf erst 1903 nach Zahlung einer Geldstrafe von 30.000 Goldmark nach München zurückkehren. Die Inhaftierung Wedekinds führt allerdings zu einer Entzweiung des Autors mit dem Herausgeber, dem er die Schuld für seine Verhaftung gibt.

Mitarbeiter und Autoren des Simplicissimus sind nahezu alle relevanten Schriftstellerinnen und Schriftsteller der Jahrhundertwende. Wedekind verfasst gesellschaftskritische Balladen und die berühmten Hieronymus-Gedichte. Ludwig Thoma die Peter-Schlemhil-Gedichte, Jakob Wassermann veröffentlicht seine ersten Novellen im Simplicissimus, Thomas und Heinrich Mann schreiben Beiträge, wobei Ersterer zeitweise als Lektor in der Redaktion arbeitet; der junge Hermann Hesse veröffentlicht impressionistische Gedichte, Rilke und Max Dauthendey, Korfiz Holm, Otto Julius Bierbaum, Eugen Roth, Erich Kästner, Karl Kraus, Kurt Tucholsky, Joachim Ringelnatz – der Simplicissimus ist das bevorzugte Forum der literarischen Avantgarde der Jahrhundertwende.

Berühmt wird der Simplicissimus vor allem auch durch seine ZeichnerInnen. Besonders prägend ist neben Heine der junge Olaf Gulbransson (ab 1902) mit seiner Galerie berühmter Zeitgenossen. Weitere Mitarbeiter sind unter anderen Franziska Bilek, Walter Essenther, George Grosz, Heinrich Kley, Alfred Kubin, Eduard Thöny, Ernst Barlach, Lovis Corinth, Paul Hegenbarth, Käthe Kollwitz, Walter Trier, A. Paul Weber und Heinrich Zille.

1906 fordern die Redaktionsmitglieder bei Langen eine finanzielle Beteiligung am Erfolg: Der Simplicissimus wird zur GmbH. Albert Langen stirbt 1909. Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs ergreift die Kriegsbegeisterung auch die Redaktion des Simplicissimus: Die Pflicht des Deutschen sei jetzt der Patriotismus, heißt es. In der Weimarer Republik versucht die Zeitschrift, als Sitten- und Spiegelbild der Republik zu ihrer alten Qualität zurückzufinden. Die Verkaufszahlen sinken allerdings. 1929 wird der Redaktionsleiter Hermann Sinsheimer von den Gesellschaftern entlassen, als er mit dem Simplicissimus von München nach Berlin umziehen möchte. Hitler und die Nationalsozialisten sind in dieser Zeit beliebtes Spottziel des Simplicissimus. Nach der Machtergreifung 1933 müssen der Jude Th. Th. Heine und der Chefredakteur Franz Schoenberner die Redaktion verlassen. Der Simplicissimus lässt sich ohne große Widerstände von den Nationalsozialisten gleichschalten. Nach Auflösung der GmbH übernimmt 1936 der Verlag Knorr & Hirth die Herausgabe. Am 13.09.1944 wird das traditionsreiche Blatt wegen Papiermangel eingestellt.

Nach dem Krieg gibt es einige Versuche, die Zeitschrift wiederzubeleben. „Der Simpl“ erscheint unter Willi Ernst Freitag bis 1950. Von 1954 bis 1967 erscheinen 12 Jahrgänge des Simplicissimus unter Olaf Iversen mit der roten Bulldogge Heines. Auf die Dauer kann sich jedoch keines der Nachfolgeprojekte etablieren.

Seit 2008 sind alle 49 Jahrgänge des Simplicissimus digitalisiert und online verfügbar.

Sekundärliteratur:

Hans Zimmermann: Über die Zeitschrift (Simplicissimus).

Simplicissimus. Eine satirische Zeitschrift. München 1896-1944. Austellungskatalog zur Ausstellung im Haus der Kunst München vom 19. November 1977 bis 15. Januar 1978.

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