Bayerische Akademie des Schreibens – Interview mit Dr. Katrin Lange

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Anne Liepold und Katrin Lange, Literaturhaus München (c) Alke Müller-Wendlandt

Wer schreibt, hat viel zu lernen: die Potentiale des eigenen Textes erkennen, neue Wagnisse eingehen, sich des Handwerks versichern, den Literaturbetrieb kennenlernen. All das wird in der Bayerischen Akademie des Schreibens ermöglicht. Die Akademie bietet unter Anleitung eines erfahrenen Teams aus Autor*in und Lektor*in professionelle Orientierung für den Beruf des Autors. Sie eröffnet den Dialog mit bekannten Schriftsteller*innen, bietet Schreibenden die Möglichkeit, sich auszuprobieren und neue Ansichten von der Literatur (und Welt) zu gewinnen. Somit betreibt die Bayerische Akademie des Schreibens eine aktive, zeitgemäße Literaturförderung für junge Schreibende. Dafür haben sich sieben bayerische Universitäten mit dem Literaturhaus München und dem Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg zusammengeschlossen, um jährlich zwei Kurse für Studierende und junge Schriftsteller*innen anzubieten. Das Literaturportal Bayern hat mit der Leiterin der Schreibakademie Dr. Katrin Lange gesprochen.

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LITERATURPORTAL BAYERN: Liebe Katrin, die Bayerische Akademie des Schreibens gibt es nun seit 2011 – rechnet man die Vorgängerformate textwerk und Manuskriptum hinzu seit Ende der 1990er, da stellt sich die Frage nach dem Warum nicht mehr. Was macht den Erfolg dieser Schreibseminare aus?

DR. KATRIN LANGE: Diese Seminare sind ein Möglichkeitsraum, in dem sich junge Schreibende selbst entdecken können und entdeckt werden, in dem eigene Impulse auf vermittelbares Handwerk stoßen. Hier kann man sehr früh von Erfahrungen aus dem Literaturbetrieb profitieren. Die Perspektive des Literatur-Machens erschließt einen ganz anderen Umgang mit Literatur und Sprache als die Geisteswissenschaften.

Die Teilnahme an unseren Seminaren ist offen für Studierende aller Fakultäten, aber es gibt keine Noten, es gibt keinen einzigen Point. Wir sind damit offen und exklusiv zugleich, alles Gelingen resultiert allein aus dem Engagement jedes einzelnen, dem Geist der Gruppe, der von den beiden Leitern der Gruppe, Autor*in und Lektor*in gesetzt werden. Gerade diese Freiheiten sind eine Chance.

Zur Zeit sind sieben bayerische Universitäten an der Akademie beteiligt, das Bayerische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst unterstützt das Projekt. Studierende der Universitäten (Augsburg, Bamberg, Bayreuth, Erlangen, München mit LMU und TUM, Regensburg) dürfen sich bewerben, die Seminare, zwei zur gleichen Zeit, finden anschließend blockweise in jeder dieser Unis statt. Welchen Vorteil bietet solch ein mobiles Konzept?

Auch hier: Wir sind dem Curriculum der Fächer enthoben, aber den universitären Orten verbunden, wo die Seminare ganz vorbildlich von den beteiligten Professor*innen betreut werden. Man kann ein solches Seminar an drei Wochenenden gut mit den Anforderungen des Semesters verbinden und bekommt noch Einblick in zwei bayerische Unis, an denen man nicht studiert.

Welche Rolle spielst Du, spielt das Literaturhaus München dabei?

Das Literaturhaus ist sozusagen das „Mutterhaus“ der Akademie. Hier werden alle Seminare organisiert, die Seminarleitungen berufen, mit denen ich die Seminare konzipiere. In der Verantwortung des Literaturhauses liegt auch die finanzielle Geschäftsführung. Was so gesagt vielleicht ziemlich bürokratisch klingt, ist aber viel mehr, nämlich der Kern des Projekts. Wir haben ja keine feste Professuren, die für Kontinuität sorgen. In jedem Seminar stoßen neue Leitungsteams auf neue Studierende. Da braucht es einen Angelpunkt, jemanden, der die Ziele und Möglichkeiten formuliert, der vermittelt, den Austausch ermöglicht und den Kontakt auch über die Seminare hinaus pflegt. Und inzwischen gibt es natürlich auch so etwas wie das Gedächtnis der Akademie. Ich glaube, das bin ich.

Als Leitung der Akademie-Seminare lädt das Literaturhaus immer je eine*n Autor*in und eine*n Lektor*in ein. Welche Idee steht hinter diesem Konzept?

Das ist schnell gesagt: Es geht darum, von den Erfahrungen derer lernen, die es professionell machen. Den Erfahrungen junger Autor*innen, aber auch derer, die Bücher machen und verkaufen (müssen). Kein Wolkenkuckucksheim des Schreibens, sondern eine enge Anbindung an die Gegenwartsliteratur.

Werfen wir einen Blick auf die Teilnehmenden. Es gibt da eine Liste von inzwischen erfolgreichen Autorinnen und Autoren, etwa Nadine Schneider, Angela Lehner, Bernhard Heckler, Maddalena Fingerle, Markus Ostermair, aber auch Lena GorelikThomas von Steinaecker oder Fridolin Schley gehören mit dazu. Misst sich der Erfolg der Akademie an solchen Namen oder geht es im Kern um mehr als um das Leuchten neuer Namen am Autorenfirmament?

Es ist wichtig, es ist eine Bestätigung unserer Intentionen, dass immer wieder einzelne Teilnehmer*innen am Ball bleiben, weiterschreiben und oft mit Hilfe der Kontakte aus dem Seminar schließlich auch Bücher publizieren. Doch das geschieht ja meistens sehr viel später; es ist sozusagen der Epilog zum Seminar. Längst aber sind solche Seminare selbst ein wichtiger Teil einer literarischen Kultur in Deutschland geworden. Es finden sich meiner Erfahrung nach wenige Orte, wo vitalere Antworten auf die Fragen gegeben werden, wie und warum wir lesen und schreiben. Ich wünsche mir, dass so ein Seminar auch, sagen wir beispielsweise, für die Deutschlehrer*innen fortwirkt, die ein paar Jahre später vor 30 Schüler*innen stehen und sie für Literatur begeistern müssen.

Viele Bewerber*innen sind noch sehr jung, manchmal gerade zwanzig. Warum holt die Akademie Schreibende so früh ab?

Wer Schriftsteller wird, wer regelmäßig schreibt, fängt damit meistens schon in der Schulzeit an. Wenn auch der Weg zum ersten Buch oft noch Jahre dauern mag, kommen in den Seminaren doch immer wieder Menschen zusammen, für die das Schreiben längst zur eigenen Lebensform gehört. Hier treffen sie auf Verbündete, treten vielleicht das erste Mal mit eigenen Schreibversuchen in eine Seminaröffentlichkeit und finden erste Leser. Das motiviert und man lernt, die eigene Latte etwas höher zu legen. Es ist ein frühes Netzwerk, das für viele lange trägt.

Warum dürfen sich nur angehende Akademiker*innen bewerben?

Weil diese Seminare zum größten Teil finanziell von den beteiligten Universitäten getragen werden, die ihren Studierenden eine Chance geben und nicht allen Bürgern Bayreuths, Erlangens, Regensburgs usf. Im Literaturhaus aber gibt es auch sogenannte Offene Werkstätten, die genau das sind: Offen für alle.

Gab es mal Punkte, an denen du gemerkt hast: So geht das nicht? Frustrationen oder einfach ein Neu- und Dazulernen?

Tatsächlich fällt mir wenig Frustrierendes ein, wahrscheinlich weil ich immer wieder mit wunderbaren Menschen zusammenarbeite, die viel Freude, Ideen und Erfahrungen mitbringen. Aber natürlich ändern sich gerade in den Uniseminaren literarische Orientierungen und gesellschaftliche Prägungen. Formate, die in dem einen Seminar sehr viel Anklang gefunden haben, funktionieren im nächsten überhaupt nicht. Das liegt meistens an menschlichen Faktoren, jedes Leitungsteam muss seinen eigenen Stil finden, und wahrscheinlich kommt es in der Zusammenarbeit gerade darauf an: Eine feste Achse zu haben und zugleich bereit zu sein, das Rad immer wieder neu zu erfinden.

Drei Wochenenden, das ist viel und wenig zugleich. Welche Perspektiven bietet Ihr, wenn das Seminar vorbei ist?

Wer danach weiterschreibt und sich beispielsweise an einen ersten Roman wagt, kann sich für eines der Autorenseminare der Bayerischen Akademie bewerben. Den Weg sind beispielsweise Thomas von Steinaecker, Markus Ostermair oder aktuell Bernhard Heckler gegangen. Daneben gibt es die „Netzwerkstatt“, die ich zusammen mit Florian Kessler, Lektor im Carl Hanser Verlag, leite. Zweimal im Jahr laden wir alle Interessierten zu einer Werkstatt ins Literaturhaus, wo man neue Projekte zur Diskussion stellen kann.

Welche Perspektiven siehst Du für die Bayerische Akademie des Schreibens, wohin sollte sie sich entwickeln?

Ich bin zunächst mal froh, dass es uns immer noch gibt. Das ist nicht selbstverständlich bei einem Projekt, das auf Zuschüsse und öffentliche Mittel angewiesen ist. Wir sind allen Partner*innen an den Universitäten dankbar und vor allem den Verantwortlichen im Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst – hier möchte ich Elisabeth Donoughue nennen –, die uns so lange Jahre mit ihren Zuschüssen, aber auch ihrem Zuspruch und ihrem Interesse begleiten und fördern.

Natürlich bräuchten wir mehr Mittel, um zu wachsen, präsenter in den Sozialen Medien zu sein, mehr und neue Angebote zu machen, immer am Puls der literarischen Entwicklungen, um Autor*innen zu fördern und zusammenzubringen, lange über das erste Buch hinaus. Und ich wünsche mir seit langem eine Zeitschrift, eine eigene Publikation, die Ergebnisse und Diskussionen abbildet und auch nach außen darstellt, was wir sind: ein lebendiger Tummelplatz der Gegenwartsliteratur.

Vielen Dank für Deine Antworten!

 

Das Interview führte Thomas Lang.

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