Tukan-Kreis
Eine der ältesten literarischen Institutionen Münchens ist der Tukan-Kreis. Hier werden monatlich Autorenlesungen und -gespräche zu aktuellen Büchern, aber auch themenzentrierte Abende oder Gedenkveranstaltungen für einzelne Autorinnen und Autoren veranstaltet.
Geschichte
Als Student und angehender Dichter kommt Rudolf Schmitt Anfang der 1920er-Jahre nach München – und nennt sich fortan Rudolf Schmitt-Sulzthal, nach der Stadt, in der er geboren wurde. 1930 eröffnet er den Tukan-Verlag, dessen Name laut Legende auf einen Abend in der Künstlerkneipe Simplicissimus und den Autor Hugo Biernath zurückgeht. Eine Reihe in diesem Verlag nennt sich die Tukan-Reihe, die laut Eigenbeschreibung „jungen Kräfte der Dichtung [sammelt], die über das reine Formenspiel zum glühenden Farbenspiel des Lebens gelangen wollen“. Die vitalistische Rhetorik passt bestens in diese Zeit, als die legendäre Münchner Avantgarde bereits der Vergangenheit angehört.
Als Buchclub und Lesungsveranstalter gründet Schmitt-Sulzthal 1933 den Tukan-Kreis. Mit den neuen Machthabern hat er weniger Probleme, als es nachher heißen wird. Das Verbot des Tukan-Kreises im Jahr 1937, das nach 1945 als Leumundszeugnis verwendet wird, gründet vermutlich weniger in inhaltlichen Differenzen als vielmehr in den Prinzipien der „Gleichschaltung“.
Nach dem Krieg kehrt Schmitt-Sulzthal aus russischer Gefangenschaft zurück, er zieht ins Münchner Umland, die Neugründung des Verlags misslingt allerdings. Der Tukan-Kreis aber feiert am 24. April 1950 im früheren Bohème-Café Stefanie sein 20-jähriges Bestehen. Alle zwei Wochen finden nun Lesungen statt. Es treten einige Autoren aus den Vorkriegsjahren auf, aber auch eine Reihe ganz anderer Autorinnen und Autoren, darunter Erich Kästner, Walter Kolbenhoff, Leonhard Frank, Günter Eich, Hermann Kesten, Luise Rinser, Carl Amery und – bei seinem ersten Besuch in Deutschland nach der Emigration nach New York – Oskar Maria Graf. Der Tukan-Kreis etabliert sich schnell als so intellektuelle wie feierlustige Institution. Zudem steht die Aufmerksamkeit für Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die während der NS-Zeit verboten oder vertrieben wurden, ausdrücklich auf dem Programm. „Man war etabliert“, schreibt Dirk Heißerer in dem Bändchen zum 80. Geburtstag des Tukan-Kreises: „Tukan hieß das Zauberwort in München für eine Mischung literarischer Vielfalt bei immer größer werdender Prominenz.“ Ähnlich ein Artikel über den Tukan-Kreis in der Wochenzeitung Die Zeit aus dem Jahr 1955:
Alle 14 Tage tagt er in einem Schwabinger Cafe unter dem Vorsitz des „Ober Tukans“ und lässt bei dieser Gelegenheit alte und junge, bekannte und unbekannte Autoren sprechen. Das geht nun schon 25 Jahre lang so – mit einer Karenzzeit allerdings, die einem 1937 ausgesprochenen Verbot folgte und erst 1950 ablief, aber die darf man einrechnen und am 21. März das silberne Jubiläum feiern. Trotz der unverkennbaren Schwabinger Note, der großen Liberalität, mit der man Leonhard Frank so gut wie Ilse Aichinger, Ernst Penzoldt, Friedrich Märker, Erich Kästner wie Simon Glas oder Carl Amery dort begegnen konnte, um ein paar Namen zu nennen, hat der Tukan Kreis mit der Zeit eine mehr als nur lokale Bedeutung gewonnen.
1965 überzeugt Rudolf Schmitt-Sulzthal schließlich die Stadt München, alljährlich den Tukanpreis zu verleihen. Nur sechs Jahre später stirbt der Mann, der den Tukan-Kreis all die Jahre geleitet hatte. Heute wird der Vorstand des Kreises bei der Programmgestaltung von einem Beratergremium unterstützt. Das Kulturreferat der Landeshauptstadt München trägt durch die Gewähr eines jährlichen Zuschusses zum existentiellen Erhalt bei. Der Wunsch von Erich Kästner – „Möge der Tukan nie auf Stelzen gehen! Das besorgen andere Vögel. Und möge er nie seinen Schnabel halten!“ – scheint offenbar in Erfüllung zu gehen.
Tätigkeitsfelder
Die besondere Mischung macht die Qualität der Tukan-Lesungen aus: Wichtige Stimmen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, seien es bekannte und arrivierte oder junge und vielversprechende, kommen zu Wort. Vorgestellt werden primär belletristische Werke, aber auch literarische Essays und Sachbücher.
Charakteristisch für die Veranstaltungen des Tukan-Kreises, die meist in den atmosphärischen Räumen der Seidlvilla in Schwabing stattfinden, sind die Begegnung zwischen Autor und Publikum, das Gespräch und der Austausch auch im Anschluss an die Veranstaltung bei Getränken und Gebäck.
- Dankesrede von Pierre Jarawan anlässlich der Verleihung des Tukan-Preises 2025 / Pierre Jarawan
- Das Rätsel um die Bürste von Oskar Maria Graf in der Monacensia – Literarische Erkundungen (17) / Fabienne Imlinger
- Interview mit Tukan-Preisträger Thomas Willmann (2) / Redaktion
- Interview mit Tukan-Preisträger Thomas Willmann (1) / Redaktion
- Zu Georg M. Oswalds soeben erschienenem Roman „In unseren Kreisen“ / Redaktion
- Dankesrede von Pierre Jarawan anlässlich der Verleihung des Tukan-Preises 2025 / Pierre Jarawan
- Das Rätsel um die Bürste von Oskar Maria Graf in der Monacensia – Literarische Erkundungen (17) / Fabienne Imlinger
- Interview mit Tukan-Preisträger Thomas Willmann (2) / Redaktion
- Interview mit Tukan-Preisträger Thomas Willmann (1) / Redaktion
- Zu Georg M. Oswalds soeben erschienenem Roman „In unseren Kreisen“ / Redaktion
- Valerie Fritsch und Writing under Observation / Kay Wolfinger
- Herbert Kapfer erhält Tukan-Preis 2019 / Stadt München
- Der Schriftsteller Tilman Spengler über Tukan-Preisträger Jonas Lüscher / Tilman Spengler
- Ein Gespräch mit Björn Bicker über Religion, Migration und den öffentlichen Einfluss der Kunst / Laura Velte
- Tukan-Preis der Landeshauptstadt München 2017 geht an Jonas Lüscher / Stadt München
- Die Schriftstellerin Nina Jäckle über italienische Augenblicke / Nina Jäckle
- Tukan-Preis der Landeshauptstadt München 2016 geht an Björn Bicker / Stadt München
- Tukan-Preis der Stadt München 2015 geht an Lilian Loke / Stadt München
- Tukan-Preis 2014 geht an Nina Jäckle / Stadt München
- Tukan-Preis 2013 geht an Dagmar Leupold / Stadt München
- Tukan-Preis 2012 für Marc Deckert / Stadt München
Eine der ältesten literarischen Institutionen Münchens ist der Tukan-Kreis. Hier werden monatlich Autorenlesungen und -gespräche zu aktuellen Büchern, aber auch themenzentrierte Abende oder Gedenkveranstaltungen für einzelne Autorinnen und Autoren veranstaltet.
Geschichte
Als Student und angehender Dichter kommt Rudolf Schmitt Anfang der 1920er-Jahre nach München – und nennt sich fortan Rudolf Schmitt-Sulzthal, nach der Stadt, in der er geboren wurde. 1930 eröffnet er den Tukan-Verlag, dessen Name laut Legende auf einen Abend in der Künstlerkneipe Simplicissimus und den Autor Hugo Biernath zurückgeht. Eine Reihe in diesem Verlag nennt sich die Tukan-Reihe, die laut Eigenbeschreibung „jungen Kräfte der Dichtung [sammelt], die über das reine Formenspiel zum glühenden Farbenspiel des Lebens gelangen wollen“. Die vitalistische Rhetorik passt bestens in diese Zeit, als die legendäre Münchner Avantgarde bereits der Vergangenheit angehört.
Als Buchclub und Lesungsveranstalter gründet Schmitt-Sulzthal 1933 den Tukan-Kreis. Mit den neuen Machthabern hat er weniger Probleme, als es nachher heißen wird. Das Verbot des Tukan-Kreises im Jahr 1937, das nach 1945 als Leumundszeugnis verwendet wird, gründet vermutlich weniger in inhaltlichen Differenzen als vielmehr in den Prinzipien der „Gleichschaltung“.
Nach dem Krieg kehrt Schmitt-Sulzthal aus russischer Gefangenschaft zurück, er zieht ins Münchner Umland, die Neugründung des Verlags misslingt allerdings. Der Tukan-Kreis aber feiert am 24. April 1950 im früheren Bohème-Café Stefanie sein 20-jähriges Bestehen. Alle zwei Wochen finden nun Lesungen statt. Es treten einige Autoren aus den Vorkriegsjahren auf, aber auch eine Reihe ganz anderer Autorinnen und Autoren, darunter Erich Kästner, Walter Kolbenhoff, Leonhard Frank, Günter Eich, Hermann Kesten, Luise Rinser, Carl Amery und – bei seinem ersten Besuch in Deutschland nach der Emigration nach New York – Oskar Maria Graf. Der Tukan-Kreis etabliert sich schnell als so intellektuelle wie feierlustige Institution. Zudem steht die Aufmerksamkeit für Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die während der NS-Zeit verboten oder vertrieben wurden, ausdrücklich auf dem Programm. „Man war etabliert“, schreibt Dirk Heißerer in dem Bändchen zum 80. Geburtstag des Tukan-Kreises: „Tukan hieß das Zauberwort in München für eine Mischung literarischer Vielfalt bei immer größer werdender Prominenz.“ Ähnlich ein Artikel über den Tukan-Kreis in der Wochenzeitung Die Zeit aus dem Jahr 1955:
Alle 14 Tage tagt er in einem Schwabinger Cafe unter dem Vorsitz des „Ober Tukans“ und lässt bei dieser Gelegenheit alte und junge, bekannte und unbekannte Autoren sprechen. Das geht nun schon 25 Jahre lang so – mit einer Karenzzeit allerdings, die einem 1937 ausgesprochenen Verbot folgte und erst 1950 ablief, aber die darf man einrechnen und am 21. März das silberne Jubiläum feiern. Trotz der unverkennbaren Schwabinger Note, der großen Liberalität, mit der man Leonhard Frank so gut wie Ilse Aichinger, Ernst Penzoldt, Friedrich Märker, Erich Kästner wie Simon Glas oder Carl Amery dort begegnen konnte, um ein paar Namen zu nennen, hat der Tukan Kreis mit der Zeit eine mehr als nur lokale Bedeutung gewonnen.
1965 überzeugt Rudolf Schmitt-Sulzthal schließlich die Stadt München, alljährlich den Tukanpreis zu verleihen. Nur sechs Jahre später stirbt der Mann, der den Tukan-Kreis all die Jahre geleitet hatte. Heute wird der Vorstand des Kreises bei der Programmgestaltung von einem Beratergremium unterstützt. Das Kulturreferat der Landeshauptstadt München trägt durch die Gewähr eines jährlichen Zuschusses zum existentiellen Erhalt bei. Der Wunsch von Erich Kästner – „Möge der Tukan nie auf Stelzen gehen! Das besorgen andere Vögel. Und möge er nie seinen Schnabel halten!“ – scheint offenbar in Erfüllung zu gehen.
Tätigkeitsfelder
Die besondere Mischung macht die Qualität der Tukan-Lesungen aus: Wichtige Stimmen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, seien es bekannte und arrivierte oder junge und vielversprechende, kommen zu Wort. Vorgestellt werden primär belletristische Werke, aber auch literarische Essays und Sachbücher.
Charakteristisch für die Veranstaltungen des Tukan-Kreises, die meist in den atmosphärischen Räumen der Seidlvilla in Schwabing stattfinden, sind die Begegnung zwischen Autor und Publikum, das Gespräch und der Austausch auch im Anschluss an die Veranstaltung bei Getränken und Gebäck.
- Dankesrede von Pierre Jarawan anlässlich der Verleihung des Tukan-Preises 2025 / Pierre Jarawan
- Das Rätsel um die Bürste von Oskar Maria Graf in der Monacensia – Literarische Erkundungen (17) / Fabienne Imlinger
- Interview mit Tukan-Preisträger Thomas Willmann (2) / Redaktion
- Interview mit Tukan-Preisträger Thomas Willmann (1) / Redaktion
- Zu Georg M. Oswalds soeben erschienenem Roman „In unseren Kreisen“ / Redaktion
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- Das Rätsel um die Bürste von Oskar Maria Graf in der Monacensia – Literarische Erkundungen (17) / Fabienne Imlinger
- Interview mit Tukan-Preisträger Thomas Willmann (2) / Redaktion
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- Valerie Fritsch und Writing under Observation / Kay Wolfinger
- Herbert Kapfer erhält Tukan-Preis 2019 / Stadt München
- Der Schriftsteller Tilman Spengler über Tukan-Preisträger Jonas Lüscher / Tilman Spengler
- Ein Gespräch mit Björn Bicker über Religion, Migration und den öffentlichen Einfluss der Kunst / Laura Velte
- Tukan-Preis der Landeshauptstadt München 2017 geht an Jonas Lüscher / Stadt München
- Die Schriftstellerin Nina Jäckle über italienische Augenblicke / Nina Jäckle
- Tukan-Preis der Landeshauptstadt München 2016 geht an Björn Bicker / Stadt München
- Tukan-Preis der Stadt München 2015 geht an Lilian Loke / Stadt München
- Tukan-Preis 2014 geht an Nina Jäckle / Stadt München
- Tukan-Preis 2013 geht an Dagmar Leupold / Stadt München
- Tukan-Preis 2012 für Marc Deckert / Stadt München
