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Geb.: 6. 6.1964 in Köln
Steven Uhly beim Leseherbst der Buchhandlung Dombrowsky 2014 © Florian Hammerich
Titel: Dr. phil.

Steven Uhly

Steven Uhly wird 1964 als Sohn einer Deutschen und eines Bengalen in Köln geboren. Er wächst zusammen mit seiner Mutter und seinem spanischen Stiefvater auf und ist deshalb auch in der spanischen Kultur teilverwurzelt. Nachdem er 1983 erfolgreich das Abitur absolviert hat, zieht er nach Valencia, wo er sich zum Dolmetscher und Übersetzer ausbilden lässt. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland studiert er in Köln und Bonn spanische und portugiesische Sprache und Literatur sowie Germanistik. 1988 geht er für ein Jahr als Gaststudent nach Lissabon an die Universidade Nova de Lisboa.

Nach Abschluss des Magisters erhält er ein Promotionsstipendium der Studienstiftung des Deutschen Volkes. Später beschäftigt er sich während seiner Dissertation (Multipersonalität als Poetik) mit ausgewählten Romanen von Umberto Ecco, João Ubaldo Ribeiro und José Saramango und untersucht die Reflexivitätsinszenierungen der Autoren innerhalb ihrer Figuren. Nach deren Abschluss im Jahr 2000 zieht Uhly nach Belém in Brasilien, wo er für den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) für zwei Jahre das Institut der Bundesuniversität leitet. Anschließend verbringt er weitere zweieinhalb Jahre in Porto Alegre als Gastdozent, bevor er sich mit seiner Familie in München niederlässt. Dort nimmt er zunächst einen Lehrauftrag am Romanischen Institut der Ludwig-Maximilians-Universität an. 2007 gründet er zusammen mit seiner Frau Ricarda Solms den Münchener Frühling Verlag und macht sich selbstständig.

Schon Uhlys erster Roman Mein Leben in Aspik, der 2010 im Secession Verlag für Literatur erscheint, erhält große öffentliche Anerkennung. In der Wochenzeitung DIE ZEIT wird er als „fulminantes Debüt“ bewertet. Uhlys fiktionale Autobiographie in der Tradition des Schelmenromans zielt auf das Wesen der deutschen Wirklichkeit und enttarnt dieses spielerisch in oftmals grotesken Geschehnissen, die bis in die Aufspaltung des narrativen Ichs in erzählerische Teile hineinreichen. Dennis Wahl vom KLG kommt zu dem Ergenis, der Roman sei „ein irrationales und verlogenes Deutungsangebot. Es ist aber das einzige Narrativ, das die sprachliche Verhüllung der eigentlichen historischen und familiären Identität ermöglicht. Hier erweist sich die Form des Schelmenromans wirklich als angemessen. Seine Stärken liegen in der Konstruktion und den dramatischen Passagen.“ 

Der darauffolgende Roman Uhlys, Adams Fuge, erlangt Ende 2011 besondere Präsenz, da die Romanhandlung die terroristischen Aktivitäten der rechtsradikalen NSU (Nationalsozialistischer Untergrund) bereits vorgreift. Uhly thematisiert in seinem Werk die systematische Ermordung von Türken und Andersstämmigen in Deutschland, die fragwürdige Stellung von V-Leuten innerhalb des Verfassungsschutzes und die Tarninszenierungen der rechten Szene, noch bevor die Taten der NSU näher ans Licht kommen und vor Gericht gestellt werden. Mit dem Mord an einem Nato-Doppelagenten setzt die als Reise/Odyssee durch Deutschland beschreibbare Handlung ein. Für Adams Fuge bekommt Steven Uhly den Tukan-Preis der Stadt München zugesprochen. 

Uhlys dritter Roman Glückskind wird trotz anfänglicher medialer Ignoranz überraschend zum Verkaufsschlager. Im Herbst 2012 wird schließlich auch der Regisseur Michael Verhoeven auf das Buch aufmerksam und kann den SWR für eine Verfilmung gewinnen. Die Dreharbeiten laufen von April bis Juli 2014. Im selben Jahr erlangt der gleichnamige Film Glückskind sogar die Ehrung, als Eröffnungsfilm des Internationalen Filmfestes Potsdam uraufgeführt zu werden. Hauptdarsteller sind Naomi Krauss, Mohammed Ali Behbudi und Herbert Knaup. Uhly äußert sich mit großem Behagen über die Verfilmung seines Romans. Im November 2014 feiert Glückskind auf ARTE nicht nur Fernsehpremiere, sondern auch eine Theateradaption am Volkstheater Rostock unter der Regie von Nicole Oder und der Dramaturgie von Martin Stefke.

Uhlys vierter Roman Königreich der Dämmerung (2014) thematisiert die massenhaften Flüchtlingsströme am Ende des Zweiten Weltkrieges. Im Zentrum der Handlung stehen die sog. Displaced Persons. Die Bezeichnung bezieht sich auf Zivilpersonen, die sich durch den Krieg außerhalb ihres Heimatstaates aufhielten und ohne Hilfe auch nicht in ihre Herkunftsländer zurückkehren oder sich in einem anderen Land neu ansiedeln durften. Der Roman ist Uhlys erstes Werk von großer epischer Spannweite, er umfasst drei Generationen und verbindet das Schicksal dreier Familien miteinander. Die Pluralität der erzählerischen Mittel betont dabei „die Konstruiertheit des Romans und ist doch nicht so eingesetzt, dass sie die Lektüre behinderte.“ Insgesamt erweist sich der Roman als „narrative Textcollage“ (Dennis Wahl).

Sein lyrisches Talent beweist Uhly im Herbst 2015, als er einen Gedichtband u.d.T. Tagebuch einen Lyrikband mit einer Auswahl von knapp 100 Gedichten aus den letzten dreißig Jahren veröffentlicht. Die Bandbreite reicht von Uhlys ersten Versen aus dem Jahr 1981 bis hin zu den erst kürzlich verfassten Gedichten aus dem Jahr 2015.

Im September 2016 erscheint mit dem Roman Marie schließlich die Fortsetzung von Glückskind. Die Handlung beginnt sechseinhalb Jahre nach dem ersten Roman und setzt dieses Mal die Mutter in den Mittelpunkt der Geschichte, die inzwischen wieder mit ihren drei Kindern – dem elfjährigen Frido, der zehnjährigen Mira und dem „Glückskind“ Chiara, die nun bereits in die Schule geht – allein lebt und sich finanziell gerade so über Wasser halten kann. Eine plötzliche Wendung, die schließlich die gesamte Familie aus ihrem Gleichgewicht bringt, erfährt der Roman, als Frido eines Abends seiner jüngsten Schwester Chiara eine Gute-Nacht-Geschichte von einem geraubten Säugling namens Marie erzählt. Im Unterschied zum Roman Glückskind folgt Marie einem völlig anders strukturierten Aufbau, der an ein klassisches Drama erinnert und den Leser auf einen tragischen Höhepunkt zusteuern lässt. Am Ende erweckt Uhly leise Zuversicht beim Leser, widersetzt sich jedoch konsequent der Illusion beständigen Glücks.

Im Januar 2017 kommt die englische Ausgabe von Königreich der Dämmerung in der Übersetzung von Jamie Bulloch bei MacLehose Press u.d.T. Kingdom Of Twilight heraus. Auch hier ist die mediale Stimmung durchweg positiv. Die Zeitung The Times krönt Uhlys Roman bereits ein paar Tage nach Veröffentlichung zum „book of the month“.

Den blinden Göttern (2018) ist nach Marie Steven Uhlys sechster Roman. Dem Buchhändler Friedrich Keller wird von einem verwahrlosten Unbekannten ein Manuskript mit Gedichten zugespielt. Keller, neurotischer Einzelgänger und passionierter Literaturkenner, beginnt das Manuskript zu lesen und entdeckt, dass er es mit einem Meisterwerk zu tun hat. Der Roman bewegt sich im Vexierspiel von Dichtung und Wahrheit zwischen Krimi, Burleske, hermeneutischer Deutung, wahrer Geschichte und Persiflage.

Verfasser: Bayerische Staatsbibliothek

Sekundärliteratur:

Wahl, Dennis (2015): Uhly, Steven. In Munzinger Online/KLG - Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. URL: http://www.munzinger.de/document/16000000793, (14.02.2018).


Externe Links:

Literatur von Steven Uhly im BVB

Steven Uhly im Secession Verlag

Steven Uhly bei Random House

Dichtung und Gesellschaft (Essay)

Steven Uhly beim Literaturport

Steven Uhly in der Wikipedia

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