Info
26.05.2015, 14:43 Uhr
Katja Huber
Text & Debatte

Die Schriftstellerin Katja Huber dichtet im Zug durch Fremdland

Am 9. März fand im Café Lost Weekend eine große Lesung Münchner Autoren statt, bei der das Literaturportal Bayern als Kooperationspartner mitwirkte. Motto des Abends war: „But you’re welcome – eine Initiative gegen Fremdenhass“. Wo sind wir selbst fremd? Wie hängen Fremdsein und Schreiben zusammen? Fragen wie diesen ging vor fast 100 Besuchern eine Reihe namhafter Autoren nach: Steven Uhly, Lena Gorelik, Daniel Jaakov Kühn, Andreas Unger, Sandra Hoffmann, Margarete Moulin, Jürgen Bulla, Katja Huber (der wir auch für Mitschnitt und Nachbearbeitung danken!), Daniel Grohn, Emel Ugurcan, Andrea Heuser und Dagmar Leupold. Es moderierten Maximilian Dorner und Fridolin Schley, für den musikalischen Rahmen sorgte Daniel Grohn.

Wer den Abend verpasst hat – oder ihn auffrischen möchte – kann die Texte im Literaturportal Bayern noch einmal nachlesen und nachhören. Die gesammelten Texte werden im Sommer als Buch im P. Kirchheim Verlag erscheinen. Heute vorab:

 

Fremdschämen

von Katja Huber

 

Da wippt ein Kopf

Locken läuten

klanglos

Da nickt eine Frau

im Takt

Da blickt eine Frau

auf

und ich lächle,

glaube ich, als

sie lächelt und

nickt,

als ich frage,

ob da noch Platz ist

neben ihr.

Sie nickt, als ich mich setze,

und wir

atmen ein

und aus

und ein

und aus

und ganz

zufällig

ganz

zugleich

ganz zusammen.

Reissleine,

denke ich,

als sie

Stöpsel zieht

aus ihrem Ohr,

und

Jay Z

dringt

an mein Ohr,

und sie gleich hinterher:

„Do you understand me?“

fragt

und, als ich nicke,

den Daumen

  LIKE!

zeigt,

und,

als ich nicke und

„Ja“ sage anstatt „Yes“

„Completely?“

fragt.

„Alles“,  antworte ich.

Sie lächelt.

„Okay.“

Errötet.

Jay Z verstummt.

Sie wippt

trotzdem oder

erst recht.

Sagt

„Tut mir leid.

You don't know“,

korrigiert: „Man weiß ja nicht“,

fährt fort: „jetzt, wo man nicht mehr weiß,

wer hierher“

 zögert

„gehört und“

 zögert

„wer nicht.“

Noch bevor sie einatmet,

bleibt mein Atem stehen.

Als sie einatmet,

steht mein Atem still.

„Sorry“, sagt sie,

kichert,

„Entschuldigung ...“,

sagt sie.

Mein Atem steht

„... jetzt aber wirklich

 auf Deutsch

und von vorne“,

sagt sie,

und ich

puste

huste

pruste.

Denn Luft anhalten,

bis alles

zurück gesetzt

zurecht gerückt

ins lichte Recht gestellt

ist,

geht nicht.

„Woher?“

fragt sie.

„Egal“, sage ich

„Dir vielleicht!“ sagt sie,

„Nein, mir nicht,

sage ich

„ausgerechnet mir nicht“

sage und

Reissleine!,

denke ich.

„Dann eben nicht“, sagt sie.

Steckt Stöpsel.

Schüttelt Kopf.

Drückt Knopf

Kopf wippt.

Locken läuten

Frau blickt

nur in sich.

Frau nickt

nur für sich

mir nicht

mehr

zu.

Känguru!

Nächstes Mal sage ich, dass ich aus dem Känguru komme.

Dem Känguru, Kongo oder Kathmandu.

Und auf jeden Fall in gebrochenem Englisch.

 

 

 

Verwandte Inhalte