Ambacher Exil: Flucht- und Schreibstätte am Starnberger See

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Christian Morgenstern (1805-1867): Schilf im Starnberger See, 1866

Das Ambacher Exil ist der Titel eines Werks von Herbert Achternbusch. Ambach als ein Exil, als ein Ort der Abkehr und Selbsterkenntnis darf zugleich als eine literarische Zuschreibung verstanden werden: Die idyllische Ortschaft am Ufer des Starnberger Sees, der vor den Toren der bayerischen Landeshauptstadt zu einer eigenen literarischen Landschaft avanciert ist, wählt Achternbusch als Rückzugsort, als er in eine Auseinandersetzung mit der Staatsregierung gerät: Der Skandalfilm Das Gespenst (1982) bringt ihm den Vorwurf der Blasphemie ein, woraufhin Innenminister Zimmermann (CSU) die für das Projekt vorgesehene Förderprämie zurücknimmt.

Dank seiner Vielzahl an Schriftstellern, Künstlern und weiteren Kreativschaffenden lässt sich das prominente Naherholungsgebiet im Fünfseenland südlich von München als ein künstlerischer Gedächtnisort ausweisen. Zu den bekanntesten Literaten am „Dichtersee“ zählt Oskar Maria Graf, der seinerzeit in Berg weilt und in seinem Werk Das Leben meiner Mutter (1940) die historischen Veränderungen des Lebensraums am See während der Gründerzeit widergegeben hat. In Starnberg heimisch sind wiederum Georg Queri und Gustav Meyrink. Weitere bedeutende literarische Residenten am See sind der „Kasperlgraf“ Franz von Pocci in Ammerland, Wilhelm Hausenstein und Marina Thudichum (1906-1990) in Tutzing, Fred Endrikat (1890-1942) in Leonie, Otto Julius Bierbaum in St. Heinrich, Emma Bonn (1879-1942), Bruno Frank und Rolf von Hoerschelmann in Feldafing, Johannes von Guenther (1886-1973) in Seeshaupt und Richard Fischer (1883-1972) in Bernried. Als berühmte Sommergäste bleiben in Erinnerung Thomas Mann, dessen drei Romane Bezug auf Feldafing und Seeshaupt nehmen (Königliche Hohheit, 1909; Der Zauberberg, 1924; Joseph und seine Brüder, 1926-1942), Theaterkritiker Alfred Kerr (1867-1948), Romanautor Ernst Weiß und Dramatiker Georg Kaiser (1878-1945) sowie die Kinderbuchautorin Kadidja Wedekind in Ammerland. Ödön von Horvath, Lion Feuchtwanger und Joachim Ringelnatz verarbeiten wiederum ihre Reiseeindrücke von den Starnberger Gefilden in ihren Werken.

Über den See und seine kulturbeflissenen und kreativen Bewohner lässt der ebenfalls in Starnberg ansässige Ernst Heimeran 1947 verlauten:

Das Ostufer ist berühmt für seine schlechte Verkehrslage. Wer sich dort ansiedelt, muß sich bewußt sein, daß er mit der Außenwelt abgeschlossen hat. Darauf sind die Ostuferer aber besonders stolz. Sie sagen, daß sie sich rein erhalten wollen, während die Westuferbewohner der Zivilisation und damit dem sicheren Untergang anheimfallen würden. Wenn dann eines Tages das Westufer untergangen, [...] würde vom Ostufer her eine neue Kulturepoche ausgehen und sich den Westen untertan machen. Infolgedessen wird das Ostufer von Künstlern bevorzugt, während auf dem Westufer Menschen wohnen, die regelrecht arbeiten und deshalb auf Bahnverbindung angewiesen sind.

(Zit. nach: Heißerer, Dirk [2010]: Wellen, Wind und Dorfbanditen. Literarische Erkundungen am Starnberger See. München.)

Mag es ein Zufall sein oder einen tatsächlichen Zusammenhang geben – die überwiegende Zahl der genannten Literaten, die es ans Ost- oder an das infrastrukturell abgehängte Südufer zieht, widerspricht dieser Ansicht jedenfalls nicht. Und im südlichen Teil des Ostufers, auf der Höhe des gegenüberliegenden Bernried, liegt auch Ambach.


Verfasser: Bayerische Staatsbibliothek / Dr. Nastasja S. Dresler

Sekundärliteratur:

Heißerer, Dirk (2010): Wellen, Wind und Dorfbanditen. Literarische Erkundungen am Starnberger See. München.



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