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Geb.: 5. 6.1956 in Kronach
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Kerstin Specht

Kerstin Specht wächst im oberfränkischen Dorf Stockheim bei Kronach auf. Nach dem Besuch des Gymnasiums studiert sie in München Germanistik, Philosophie und evangelische Theologie. 1985 beginnt sie an der Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) in München erneut das Studium, das sie nach drei Jahren und drei Kurzfilmen abbricht, und schreibt seit 1988 für das Theater. Schon mit der Veröffentlichung ihrer ersten Stücke macht sie sich in der Theaterwelt einen Namen. Diese spielen in ihrer Heimat, „in einer Landschaft am Rande unserer Gesellschaft“, und gelten als typische Vertreter des kritischen Volksstücks in der Tradition von Horváth, Fleißer, Fassbinder, Kroetz und Sperr.

Ihr erstes Stück Das glühend Männla (1990) thematisiert die engen Verhältnisse in einer Dorfgemeinschaft sowie einer Familie, die den sozialen Anschluss nicht geschafft hat. Die Figuren suchen die Nähe und halten einander doch gefangen. In Kerstin Spechts zweitem Stück Lila ist die Problematik ganz ähnlich: Lila, eine junge Frau von den Philippinen, die einen Mann aus dem Dorf geheiratet hat, bringt diesen Mann schließlich um. Opfer und Täter sind aber keinesfalls strikt zu trennen. Auch in dem dramatischen Monolog Amiwiesen, in dem eine alte Dienstmagd ihre Herrin tötet, wird der moralische Zeigefinger nicht erhoben.

Nach dieser oberfränkischen Trilogie wendet sich Kerstin Specht anderen Themen und Orten zu. Eine „Begehrensgeschichte“ wird ihr viertes, 1993 mit dem Else-Lasker-Schüler-Preis ausgezeichnetes Stück Mond auf dem Rücken. Das Drei-Personen-Stück erzählt vom prägenden Charakter der Grenze mitten durch Deutschland, die im Bewusstsein der Menschen fortexistiert. Als Auftragsarbeit entsteht dann das Stück Der Flieger (1993), worin Specht die Geschichte der Figur des Schneiders von Ulm aufgreift, der seinen Obsessionen Arbeit und Familie opfert und sich wie ein Vogel davonmachen will, um Grenzen auszutesten. Die Gewalt der früheren Dramen bleibt, findet aber nicht im finalen Verbrechen, sondern im Vorspiel statt.

Ein Umschwung in der Gestaltung der Charaktere deutet sich mit Kerstins Spechts ersten Komödien, den Königinnendramen (1996-98) an. Die Froschkönigin. Ein Küchenmärchen beispielsweise ist die Geschichte einer wenig perfekten, glücklosen „Kinderinhaberin“, die einen neuen Lebensweg einschlägt, per Video abrechnet und am Ende immer noch sympathisch fehlerhaft bleibt. Sprachwitz und Situationskomik schaffen einen eigenen Weg aus der Alltagshölle. Spechts Auftragsstück zum 100. Geburtstag von Marieluise Fleißer (Marieluise, 2001) ist dagegen die eindringliche Erinnerung an die erfolgreiche, nicht von dauerhaftem Glück gekrönte Ingolstädter Dramatikerin.

In Das goldene Kind (2002) schließlich kehrt Specht wieder zu ihren Anfängen zurück: „Noch radikaler, noch lapidarer von der Traurigkeit der Provinz“ (Roland Müller), gibt es in 33 lyrisch verknappten Szenen die Geschichte eines jungen, kaum der Pubertät entsprungenen Paares wieder, das ein Kind erwartet, der trügerischen Idylle aber durch Prostitution, Betrug, Raub und Mord zu entfliehen versucht.

Die Zeit der Schildkröten (2005) entfaltet ein grotesk-surreales Requiem über zwei illegale Einwanderer aus dem Maghreb, die als Erntehelfer in Andalusien gestrandet sind und wie die Toten wieder auferstehen, um die immer gleichen Demütigungen zu erfahren, die gleichen falschen Vorstellungen und Gaunereien, und ihrem Glück praktisch davonlaufen. Kerstin Spechts Der Zoo (2009) wagt dagegen einen interessanten Perspektivenwechsel: 15 Charaktere, die vor der Monotonie des Alltags in den Zoo flüchten und ihre menschlichen Verhaltensweisen auf die Tiere übertragen, werden von einem Tierpfleger in den Käfig gesperrt. Nachdem sie die Angst des Eingesperrtseins überwunden haben, erkennen sie ihre Sehnsüchte und sehen sich wie zuvor die Tiere gegenseitig an, ohne aber aufeinander einzugehen.

Für ihr dramatisches Werk wird Kerstin Specht mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem Literaturpreis des Kulturkreises im BDI, dem Bayerischen Kunstförderpreis (beide 1990), dem Landespreis für Volkstheaterstücke des Landes Baden-Württemberg (1993; 2002), dem Else-Lasker-Schüler-Dramatikerpreis (1993), dem Kulturpreis der oberfränkischen Wirtschaft (1996), dem Marieluise-Fleißer-Preis (2005) sowie mit dem Ernst-Hoferichter-Preis (2011). 2002 wird sie in die Bayerische Akademie der Schönen Künste aufgenommen, 2013 erhält sie die Auszeichnung Pro Meritis scientiae et litterarum, 2014 ein Stipendium der Villa Concordia.

Verfasser: Bayerische Staatsbibliothek / Dr. Peter Czoik

Sekundärliteratur:

Gleichauf, Ingeborg (2003): Was für ein Schauspiel! Deutschsprachige Dramatikerinnen des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart. AvivA Verlag, Berlin.

Macher, Hannes S. (2004): Kerstin Specht (*5.6.1956). Magisches Spiel mit den Grenzen. In: Schweiggert, Alfons; Macher, Hannes S. (Hg.): Autoren und Autorinnen in Bayern. 20. Jahrhundert. Bayerland Verlag, Dachau, S. 384f.

Specht, Kerstin. In: Munzinger Online/Personen - Internationales Biographisches Archiv, URL: http://www.munzinger.de/document/00000021764, (09.11.2011).


Externe Links:

Literatur von Kerstin Specht im BVB

Literatur über Kerstin Specht im BVB

Der Zoo

Kommentare

Lothar Schwandt am 10.05.2013 um 09:31

Interessieren würde mich in Ihrem Literaturportal, warum die studierte Theologin Kerstin Specht auch in ihren späteren Stücken die Verstörung und Verstörtheit ihrer Protagonisten in den Vordergrund stellt und nicht das Heilwerden, die Erlösung von dem Bösen, also das, was vom Evangelium vorgezeichnet erscheint. Mit freundlichen Grüßen Lothar Schwandt



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