Von Kerstin Specht

Heimat ist da, wo man seine Schmerzen hat. Heimat könnte so eine Art Epidermis sein, eine Haut, die einen schützt. Aber dann sind die frühesten Erfahrungen, die man als Kind ungeschützt erlebt, Dinge, die die Haut ritzen, die unter die Haut gehen, die verletzen.

Ich bin im Frankenwald aufgewachsen, direkt an der Grenze zur DDR. Vor dem Haus eine Bundesstraße, hinter dem Haus die Bahn und die Grenze. Ich durfte nicht in den Kindergarten, weil die Nonnen ein evangelisches Kind nicht aufgenommen haben. Später im Schulhof, ein Strich, der die katholischen von den wenigen evangelischen Schülern trennte, der nicht übertreten werden durfte. Steine flogen wie in Belfast. Ein ziemliches Anti-Idyll. Äußere Grenze und innere Ausgrenzung war das Thema. 1962 war immer noch eine Hoch-Zeit für konfessionelle Kämpfe.

Die Heimat, die ich finden konnte, lag in der Sprache, in den Büchern. Meine Oma hatte ein einziges Buch, die Bibel, das war mal der Anfang. Daraus hab ich ihr vorgelesen als Kind, nicht umgekehrt.

Später hab ich dann andere Heimaten gefunden – und wieder verloren. Ich hab mich meist in Männer verliebt, die fremd waren in Deutschland, oder fremd waren in einem anderen Land, in dem ich selbst Gast war, Menschen mit melancholisch grundierten Stimmungen, Durchreisende, Zurückreisende. Aber das Fremdsein, das Heimatlossein, die Heimat los sein, kann ja auch ein Gewinn sein. Und es ist ja auch eine Voraussetzung für jede Form von Kunst, Dinge von außen betrachten zu können.

Nachdem ich an der Filmhochschule noch ziemlich abstrakte Kurzfilme gedreht habe, wie z.B. ‘Die stille Frau’, hab ich in den ersten Theaterstücken entdeckt, dass genau das Verdrängte, dieser Frankenwald, zu dem ich sicher nicht mehr zurückkehren wollte, mein Material ist, dass diese Gegend als ein poetischer Ort, genauso kunstfähig sein kann, wie irgendein internationaler, schillernder Schauplatz. Und es sind dann gerade diese Küchen-Dramen international am meisten gespielt worden, die ‘Amiwiesen’ kam bis nach Hollywood, die englische Version vom ‘Glühend Männla’ wurde beim beim Covent Garden Festival von Prinzessin Diana eröffnet. (Das fand ich damals allerdings ziemlich blöd, so blöd war ich da.)

Inzwischen hatte ich andere Heimaten, vorübergehende, Nordafrika, Südspanien, Frankreich und habe andere Heimatstücke geschrieben, meistens zu Migrationsthemen, aber die wurden kaum nachgespielt. Aber Migration, und damit automatischerweise auch Heimat, wird das Thema bleiben. Nicht nur für Theaterautoren. Für alle. Für die Migranten, die Exilierten und die in ihren Burgen Sitzenden, Unbeweglichen.

Gerade hab ich Norman Maneas Essayband ‘Über Clowns’ in der Hand gehabt. Er schreibt da 1992: ‘Unsere Zeit ist eine Zeit des Exils, unsere Welt eine Welt der Exilierten. Der Nationalismus in allen Teilen der Welt, die Minderheitenkonflikte in Osteuropa, die wachsende Xenophobie in Westeuropa unterstreicht einen der hervorstechendsten Widersprüche unserer Zeit, zwischen einer zentrifugalen, kosmopolitischen Moderne und dem zentripetalen Bedürfnis nach Zugehörigkeit…“ Inzwischen, 2011, gibt es die Umwälzungen in Nordafrika und eine neue Migrationswelle, mit der die ‘Festung Europa’ umgehen muss.

Ich bin wieder sehr oft im Frankenwald, meine Eltern sind nicht mehr recht fit. Die Grenze im Wald liegt nicht mehr so da, wie eine offene Wunde, wächst langsam zu und wir gehen auf der Panzerstraße spazieren. Aber es bleibt immer noch ein Abstand zu denen von drüben, zu den Ossis, die eben schon am Dialekt zu erkennen sind. Ich würde gern darüber einen ‘Heimatfilm’ machen, ein Begriff den Edgar Reitz mit seinem Epos vom Nazisepia befreit hat, und auch Fatih Akin sagt ja, daß seine Filme, die in Hamburg spielen, Heimatfilme sind. Vielleicht schließt sich da ein Kreis. Wäre schön.


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